Was vom Winter übrigbleibt
Von Gabriel Kuhn
Am Wochenende ging am Holmenkollen in Oslo die Biathlonsaison 2025/26 zu Ende. Sie stand unter keinem guten Stern. Während die Athleten im Juli 2025 mitten in der Saisonvorbereitung steckten, verunglückte mit Laura Dahlmeier eine der ganz großen Biathletinnen der letzten 20 Jahre bei einer Klettertour im Karakorum in Pakistan tödlich. Hinzu kam die wahrlich bizarre Geschichte um die zehnfache französische Weltmeisterin Julia Simon, die mit der Kreditkarte ihrer Teamkollegin Justine Braisaz-Bouchet fleißig Onlineeinkäufe tätigte, dies monatelang bestritt, um den Missbrauch schließlich zu gestehen, ohne sich jedoch erinnern zu wollen. Für den Weltcupauftakt wurde sie gesperrt.
Bei den Herren fehlen schlicht die großen Namen. Nachdem der siebenfache Gesamtweltcupsieger Martin Fourcade aus Frankreich bereits 2020 in den Ruhestand getreten war, folgte ihm 2025 der fünffache Gesamtweltcupsieger Johannes Thingnes Bø aus Norwegen. Das Resultat? Der diesjährige Weltcupgesamtsieger, Eric Perrot aus Frankreich, war vor zwei Jahren außer Insidern kaum jemandem ein Begriff.
Bei den Damen lief die Saison für die Gesamtweltcupsiegerin des Vorjahrs, Franziska Preuß vom SC Haag, aufgrund einer Erkrankung schleppend an. Preuß kam nie mehr richtig in Schuss. Ein dritter Platz im Sprint von Nové Město war ihre einzige Podestplazierung in einem Einzelrennen. Die beste Plazierung bei den Olympischen Spielen war der sechste Rang in der Verfolgung. Kurz darauf verkündete Preuß das Ende ihrer Karriere.
Die Saison war für das gesamte deutsche Team durchwachsen. Die DSV-Athleten sammelten fleißig Punkte, doch es fehlten die Spitzenplätze. Mit Philipp Nawrath (SK Nesselwang) schaffte es bei den Herren ein einziger von ihnen im Gesamtweltcup unter die Top 15, bei den Damen lag Vanessa Voigt (WSV Rotterode) vor dem letzten Rennen auf Rang 14. Es gab keinen einzigen Weltcupsieg. Im Einzel reichte es neben dem dritten Platz von Preuß im Sprint von Nové Město nur zu drei weiteren Podestplätzen in Sprintrennen der Herren: Nawrath wurde in Oberhof Zweiter und in Otepää Dritter; die gleiche Plazierung erreichte Philipp Horn (SV Eintracht Frankenhain) in Hochfilzen. In insgesamt sechzehn Staffelrennen waren deutsche Teams nur dreimal auf dem Podest. Eine historisch schlechte Bilanz.
Wenig besser lief es bei den Olympischen Spielen. Der dritte Rang in der Mixed-Staffel mit Preuß, Voigt, Nawrath und Justus Strelow (SG Stahl Schmiedeberg) brachte die einzige Medaille. Die schwächste Ausbeute seit 50 Jahren.
Die enttäuschenden Ergebnisse führten im DSV zu Unruhe. Angekündigt haben sie sich freilich seit langem. Der Gesamtweltcupsieg von Preuß im Vorjahr kaschierte nur die Dauerkrise. Nationen wie Frankreich, Norwegen und Schweden sind längst enteilt. Der Biathlonsportdirektor des DSV, Felix Bitterling, brachte es nach Olympia im ZDF selbst auf den Punkt: »Ich würde nicht den Biathlonuntergang vorhersagen, das wäre nicht passend. Es war genau eine Medaille weniger als vor vier Jahren. Da war es auch schon nicht so toll.«
Trotzdem muss Bitterling seinen Posten räumen. Ab 1. Mai wird er von Bernd Eisenbichler ersetzt. Eisenbichler hatte den Posten als Biathlonsportdirektor schon von 2019 bis 2022 inne. Der Geschäftsführer der Abteilung Leistungssport im DSV, Andreas Schlütter, kommentierte den Personalwechsel so: »Am Ende hat uns das Gesamtkonzept von Bernd Eisenbichler am meisten überzeugt. Seine Ideen, seine Erfahrung im internationalen Biathlon und sein klarer Blick auf die nächsten Entwicklungsschritte haben für uns den Ausschlag gegeben.« So etwas nennt man Vorschusslorbeeren. Manchmal bleibt davon etwas übrig, manchmal nicht.
Hoffnung gibt, dass sich bei den Damen einige Talente bereits im Weltcup etabliert haben, vor allem Julia Tannheimer (DVA Ulm, 20) und Selina Grotian (SC Mittenwald, 21). Bei den Herren hofft man auf Juniorenweltmeister Leonhard Pfund (SC Bad Tölz, 22). Bei seinem Weltcupdebüt in Nové Město hätte Pfund in der Single-Mixed-Staffel mit Marlene Fichtner (SC Traunstein) beinahe gleich seinen ersten Weltcupsieg gefeiert. Er lief als Erster über die Ziellinie, doch das Duo wurde nachträglich disqualifiziert, weil Fichtner nach dem letzten Liegendschießen ihr Gewehr nicht ordnungsgemäß geschultert hatte. Ein Sicherheitsrisiko. Das Missgeschick passte zu einer verkorksten Saison.
Die Nachfolgerin von Preuß als Gesamtweltcupsiegerin bei den Damen ist die Französin Lou Jeanmonnot. Letzte Saison gab sie die Chance auf den Gesamtweltcupsieg im direkten Duell mit Preuß durch einen Sturz kurz vor dem Ziel des letzten Rennens aus der Hand. Dieses Mal konnte sie beruhigt in die letzten Wettbewerbe gehen, da der Erfolg im Gesamtweltcup bereits feststand. Es dürfte eine Genugtuung gewesen sein.
Einen Saisonhöhepunkt der besonderen Art lieferte der Gesamtweltcupsieger der Saison 2024/25 bei den Herren, der Norweger Sturla Holm Lægreid. Lægreid gestand bei der Pressekonferenz nach seiner ersten von insgesamt fünf Olympiamedaillen einen Seitensprung wenige Wochen vor den Spielen. Dieser, so meinte er, habe ihn die Liebe seines Lebens gekostet. Wenn sich Lægreid erhofft hatte, diese durch das öffentliche Geständnis zurückzugewinnen, wurde er, wie es scheint, enttäuscht. Bis zum Saisonfinale waren keine entsprechenden Berichte aus Norwegen zu hören. Wenigstens bereicherte Lægreid eine eher maue Biathlonsaison mit etwas Drama. Wir werden sehen, was die nächste zu bieten hat.
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