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Aus: Ausgabe vom 27.03.2026, Seite 16 / Sport
Ski alpin

Ein Krimi zum Schluss

Entscheidungen im Gesamtweltcup Ski alpin: Marco Odermatt dominiert seine Konkurrenz nach Belieben, Mikaela Shiffrin gewinnt knapp bei den Damen, Emma Aicher gehört die Zukunft
Von Gabriel Kuhn
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Kugelblick: Mikaela Shiffrin

Es ist ein bisschen ungerecht. Wenn die alpinen Skifahrer Ende März das Finale der Weltcupsaison feiern sollen, interessiert sich kaum noch wer für sie. Längst schon spielt der Fußball wieder erste Geige, und vor allem in Jahren olympischer Spiele und Weltmeisterschaften ist nach den Großereignissen der Dampf raus. Am schlimmsten wird es, wenn die Weltcupentscheidungen vor dem Finale bereits gefallen sind. Dieses Mal war das nicht ganz so.

Seit 1993 tragen Damen und Herren das Weltcupfinale der alpinen Skiläufer mit jeweils einem letzten Rennen in allen Disziplinen am selben Ort aus. In diesem Jahr war das zum ersten Mal seit 2003 wieder Lillehammer in Norwegen.

Bei den Herren war alles entschieden. Der Schweizer Marco Odermatt, der bereits die letzten vier Weltcupsaisons für sich entscheiden konnte, lag vor dem Finale uneinholbar in Führung. Am Ende hatte er fast so viele Punkte wie der zweitplazierte Brasilianer Lucas Pinheiro Braathen und der drittplazierte Norweger Atle Lie McGrath zusammen. Odermatt fährt regelmäßig in Abfahrt, Super-G und Riesenslalom aufs Podest. Kein anderer Fahrer kann das in drei Disziplinen, womit die Saisons quasi von vorneherein entschieden sind. Auch im kommenden Jahr sollte allenfalls eine Verletzung Odermatt stoppen können. Die acht Weltcupgesamtsiege in Folge des Österreichers Marcel Hirscher (2012–2019), ein Rekord, der für die Ewigkeit schien, kommen für Odermatt immer mehr in Reichweite.

Odermatt gewann auch die Einzelwertungen in Abfahrt und Super-G (jeweils zum dritten Mal in Folge). Im Riesenslalom musste er sich Braathen geschlagen geben – das erste Mal seit fünf Jahren, dass er diese Wertung nicht gewann. Die »kleine Kugel« im Slalom holte sich Atle Lie McGrath, der beim Olympiaslalom nach klarer Führung im ersten Lauf des zweiten Durchgangs ausgeschieden war.

Für die Läufer des Deutschen Skiverbandes war es eher eine Saison zum Vergessen. Der Beste in der Gesamtwertung war Slalomspezialist Linus Straßer (TSV 1860 München) auf Rang 31. Ein wenig Hoffnung gab der abschließende Riesenslalom in Lillehammer. Hier fuhren mit Anton Grammel (TV Kressbronn, 7.), Fabian Gratz (TSV Altenau, 10.) und Jonas Stockinger (SC Herzogsreut, 11.) drei DSV-Läufer unter die ersten elf.

Anders das Bild bei den Damen: Erstens war hier das Finale deutlich spannender, zweitens war eine DSV-Läuferin mitten drin. Die 22jährige Emma Aicher (SC Mahlstetten) forderte die lebende Legende Mikaela Shiffrin heraus.

Aicher ist die einzige Läuferin, die sämtliche Disziplinen fährt. Auch bei den Herren macht das niemand mehr. In drei von vier Disziplinen erzielt Aicher zudem Spitzenergebnisse. Nur im Riesenslalom ist das Podest noch außer Reichweite. Pech für sie, dass es im Weltcup keine Wettbewerbe in der alpinen Kombination (Abfahrt oder Super-G plus Slalom) mehr gibt.

Während Aicher fleißig überall Punkte sammelt, konnte sich Shiffrin in dieser Saison ganz auf ihre Paradedisziplin, den Slalom, verlassen. Unglaubliche 73 Weltcupslaloms hat Shiffrin bereits gewonnen. In der heurigen Saison gewann sie neun von zehn. Nur in Kranjska Gora musste sie sich der Schweizerin Camille Rast um 14 Hundertstelsekunden geschlagen geben. In der Weltcupgesamtwertung brachten die Slalomrennen Shiffrin 980 Punkte.

Das Duell Shiffrin gegen Aicher war brisant. Superstar trifft auf Antistar. Shiffrins Medienauftritte sind bis ins letzte Detail inszeniert. Aicher lässt Interviews über sich ergehen, wirkt selbst nach Siegen gelangweilt bis trotzig.

Vor dem Weltcupfinale hatte Shiffrin einen Vorsprung von 140 Punkten. Nach Abfahrt und Super-G war dieser auf 45 geschmolzen. Aicher war in der Abfahrt Fünfte geworden, im Super-G Vierte. Shiffrin hatte die Abfahrt ausgelassen und war im Super-G nicht in die Punkteränge gefahren. Den darauffolgenden Slalom gewann Shiffrin, doch Aicher ließ sich als Dritte nicht abschütteln. Zwar lag Shiffrins Vorsprung nun wieder bei 85 Punkten, doch da ein Sieg 100 Punkte bringt, hatte Aicher noch eine theoretische Chance. Das Problem: Der Riesenslalom ist ihre schwächste Disziplin.

Die Ausgangslage war klar: Würde Shiffrin unter die ersten 15 fahren, wäre ihr der Weltcupsieg nicht zu nehmen. Bliebe sie ohne Punkte, könnte Aicher mit einem Sieg noch an ihr vorbeiziehen. Und tatsächlich: Nach dem ersten Lauf schien eben das im Bereich des Möglichen. Aicher lag auf Platz drei, nur 26 Hundertstelsekunden hinter Platz eins; Shiffrin befand sich nach fehlerhafter Fahrt außerhalb der Punkteränge. Lauf zwei: Shiffrin fährt um einiges besser, holt noch Rang elf. Aicher fährt schlechter, fällt auf Rang zwölf zurück. Am Ende war Shiffrin 87 Punkte vorn, es ist ihr sechster Sieg im Gesamtweltcup. Doch bleibt Aicher vom Verletzungspech verschont, ist sie die Gesamtweltcupsiegerin der Zukunft.

Zweitbeste DSV-Läuferin in der Gesamtweltcupwertung wurde die Speedfahrerin Kira Weidle-Winkelmann (SC Starnberg) auf Rang zehn. Shiffrin sicherte sich (natürlich) die Slalomwertung, insgesamt zum neunten Mal. In der Riesenslalomwertung lag die Österreicherin Julia Schaub ganz vorne, im Super-G Sofia Goggia und in der Abfahrt Laura Pirovano, beide aus Italien.

Auch aus Italien kommt die 17jährige Südtirolerin Anna Trocker, die beim Weltcupfinale als Juniorenweltmeisterin beim Slalom und Riesenslalom an den Start gehen durfte. Sie setzte mit den Rängen acht im Riesenslalom und neun im Slalom ein Ausrufezeichen. Im Slalom fuhr sie im zweiten Lauf Bestzeit. Sie könnte Aicher in Zukunft durchaus Konkurrenz machen.

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