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Aus: Ausgabe vom 16.04.2026, Seite 10 / Feuilleton
Sportbuch

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James Montagues Buch »Sport. Macht. Milliarden.« über die besondere geopolitische Einflussnahme Saudi-Arabiens
Von Gabriel Kuhn
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Mit dem Geschick eines Bestsellerautors: James Montague

Als sich während des »Arabischen Frühlings« 2011 das Interesse der Öffentlichkeit auf die Fußballfans richtete, die sich den Sicherheitskräften entgegenstellten, hielt sich ein britischer Journalist namens James Montague in der Region auf. Zwei Jahre zuvor war sein wenig beachtetes Buch »When Friday Comes« über den Fußball im Nahen Osten erschienen. Nun wurde es zur heißen Ware. Montague nutzte die Gunst der Stunde und legte mit weiteren Fußballbüchern nach. Sein 2020 erschienenes Werk über Ultra-Fangruppen wurde auf Deutsch unter dem Titel »Unter Ultras« (Copress Sport) zum Bestseller.

Auch Montagues neuestes Werk liegt auf Deutsch vor. Der Inhalt von »Sport. Macht. Milliarden.« wird im Untertitel prägnant zusammengefasst: »Wie Saudi-Arabien den Weltsport gezielt zur politischen Einflussnahme nutzt.«

Montague eröffnet sein Buch mit dem geflügelten Machiavelli-Zitat, wonach es für einen Herrscher besser sei, »gefürchtet als geliebt« zu werden. Ansonsten hält er sich mit politischen Aussagen zurück. Die Leser dürfen sich ihre eigene Meinung bilden.

Den Rahmen für Montagues Reportage bildet die Übernahme des englischen Traditionsvereins Newcastle United durch einen saudischen Staatsfonds im Jahr 2021. Immer wieder kehrt Montague nach Newcastle zurück, lässt Befürworter der Übernahme ebenso zu Wort kommen wie den 60jährigen Lehrer Peter, der nach fünfzig Jahren im Stadion seit 2021 nur noch zu Amateurvereinen geht.

Die Leser von »Sport. Macht. Milliarden.« lernen viel über die jüngere politische Geschichte Saudi-Arabiens, den Kronprinzen Mohammed bin Salman und umtriebige Geschäftsleute wie Turki Al-Sheikh. Dem Größenwahnsinnsprojekt Neom (einer geplanten Bandstadt mit 170 Kilometer Länge nahe des Golfs von Akaba) kommt Aufmerksamkeit zu, weil hier bei der Fußball-WM 2034 gespielt werden soll und der Retortenverein Neom SC in der ersten Liga kickt.

Von besonderer Bedeutung ist auch der Mord am saudischen Dissidenten Jamal Khashoggi in Istanbul 2018. Der damit verbundene Imageverlust für Saudi-Arabien sei der Auslöser für den Versuch gewesen, mit Sportinvestment Herzen zu gewinnen. Dabei handelt es sich Montague zufolge um mehr als bloßes »Sportswashing«, die Ablenkung von politischen Problemen durch Sportveranstaltungen: »Investitionen in Unterhaltung und Sport sollten dabei helfen, die saudiarabische Wirtschaft zu diversifizieren und aus der Abhängigkeit vom Erdöl zu befreien. Irgendwann sollte diese Strategie Gewinne abwerfen, gleichzeitig wollte man der jungen, unruhig werdenden und rasch wachsenden Bevölkerung, von der 70 Prozent unter 30 Jahren waren, Unterhaltung bieten. (…) Letztlich handelte es sich um eine Soft-­Power-Strategie mit Hard-Power-Elementen – um etwas weit Komplexeres als bloßes Sportswashing.«

Der Sport, dem Montague neben dem Fußball am meisten Beachtung schenkt, ist das Boxen. Mehrere große Kämpfe wurden in den letzten Jahren in Saudi-Arabien veranstaltet. Daneben geht es auch um Golf (LIV-Tour), Snooker (Saudi Arabia Masters) und Esports (Esports World Cup). Tennis (WTA-Finals und Six Kings Slam) sowie Motorsport (Formel-1-Grand-Prix in Dschidda) werden eher flüchtig erwähnt.

Montague beweist sich als Bestsellerautor. Geschickt verbindet er Information und Anekdote, ein britischer Ronald Reng. Dass der Verlag das Buch als »Meisterwerk des investigativen Journalismus« anpreist, ist jedoch gewagt. Für in der Materie ansatzweise bewanderte Leser bleibt der Erkenntnisgewinn gering. Politiker missbrauchen den Sport, Macht korrumpiert, und Geld regiert die Welt. So weit, so bekannt. Gut, all das wird hier anhand eines konkreten Beispiels illustriert. Demoralisierend wird es, wenn neben bekannten Geldschefflern wie Cristiano Ronaldo und Lionel Messi plötzlich auch ein Christian Karembeu im Dunstkreis der saudischen Sportindustrie auftaucht – den aus dem französischen Überseegebiet Neukaledonien stammenden Weltmeister von 1998 hatte man doch eher als Antikolonialisten auf dem Schirm.

Der Widerstand gegen die saudischen Geldpumpen ist allgemein gering. Montague ist voll des Lobes für einen amerikanischen Golffan, der sich gegen eine Isolation Saudi-Arabiens ausspricht: »Warum versuchen wir nicht lieber, Beziehungen zu anderen Ländern zu unterhalten? Sagen wir zum Beispiel, uns gefällt nicht, wie sie in Saudi-Arabien Frauen behandeln. Gut. Aber wie sollen wir ohne Freundschaften und Beziehungen in einen Dialog kommen? (…) Wir wollen doch, dass sich etwas verändert.« Das Argument begegnet einem oft, ist jedoch schwach. Dialog beginnt nicht damit, sich einkaufen zu lassen. Dialog beginnt damit, für das Sich-Einkaufen-Lassen wenigstens Bedingungen zu stellen.

Gefälliger ist ein Zitat von Peter, dem Amateurfußballehrer aus Newcastle: »Für mich ist nichts Kompliziertes an Luftangriffen, bei denen Kinder beim Fußballspielen getötet werden, wie im Jemen geschehen. Das soll kompliziert sein? Ist es nicht.« Richtig. Stimmt aber auch anderswo. Wer keine Fußball-WM in Saudi-Arabien 2034 will, braucht auch keine in den USA 2026 zu wollen.

James Montague: Sport. Macht. Milliarden. Wie Saudi-Arabien den Weltsport gezielt zur geopolitischen Einflussnahme nutzt. Verlag Copress Sport, München 2026, 328 Seiten, 22 Euro

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