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30.04.2026
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»Und bittschön praktisch«
Zum Tod des großen Dirigenten und Musikgelehrten Peter Gülke
Einem dummen Vorurteil zufolge stehen Analyse, musikhistorisches Wissen, ja die intellektuelle Durchdringung der Kompositionen einem spontanen, wie auch immer musikantischen Zugriff im Wege und verhindern ein seliges Gefühlsbad in philharmonischen Wogen. Verstand und vermeintliche Intuition werden gegeneinander ausgespielt; das Publikum besteht darauf, im Konzertsaal »abschalten« zu dürfen. Es gibt kein besseres Gegenbeispiel als den wunderbaren Musiker und großen Intellektuellen Peter Gülke, der als Praktiker am Dirigentenpult seinen jüngeren Kollegen riet: »Von dem, was du über, um das Werk herum weißt, ist – außer bei ungewohnter Musik – in der Probe nur ein Zehntel wichtig, und dieses bittschön praktisch bezogen.«
Aber dieses Wissen im Hintergrund macht doch einen Unterschied ums Ganze. Noch mit 90 ließ Gülke es sich nicht nehmen, kurz vor dem Auftritt selbst die Konzerteinführungen zu halten – und wusste, wie er interessierte Laien ansprechen und ihre Ohren öffnen konnte. Gülke, der 1958 bei Heinrich Besseler in Leipzig als Musikwissenschaftler promoviert wurde, begann zwar im Jahr darauf als »Kapellmeister« in Rudolstadt. Neben der Tätigkeit am Dirigentenpult schuf der Musikschriftsteller Peter Gülke aber ein im Umfang und in der thematischen Spannweite beeindruckendes Werk, darunter: »Mönche, Bürger, Minnesänger. Musik in der Gesellschaft des europäischen Mittelalters« (1975), »Brahms, Bruckner. Zwei Studien« (1989), »Robert Schumann. Glück und Elend der Romantik« (2010) und »Musik und Abschied« (2015).
Obwohl Gülke 2014 mit dem prestigeträchtigen Ernst von Siemens Musikpreis ausgezeichnet worden war, wirkte er in seinen späten Jahren eher am Rande des Musikbetriebs. Die »großen« Orchester, die künstlerisch mediokre Jetsetter bevorzugen, haben sich selbst geschadet, indem sie einen Bogen um den Mann aus Weimar machten, der seine Dirigentenlaufbahn in Städten wie Rudolstadt und Stendal begonnen hatte und in der ostdeutschen Provinz auch wieder beendete. Eingeweihte wussten, dass es in Brandenburg an der Havel aufregendere Orchesterkonzerte gab als in Berlin, als Peter Gülke dort von 2015 bis 2020 Chefdirigent der Brandenburger Symphoniker war – zunächst nur als Interimsleiter, um das Orchester zu retten, schlussendlich von einer ignoranten Kulturbürokratie wenig bedankt. Zum Glück sind in Brandenburg einige herausragende Aufnahmen entstanden, etwa der C-Dur Sinfonie D 944 von Franz Schubert – so werktreu wie mitreißend mit einem über sich hinauswachsenden Orchester – oder des 1. Brahms-Klavierkonzerts mit der früh verstorbenen Dina Ugorskaja als Solistin. Gülke hat in Brandenburg aber auch eine beachtliche Sechste Sinfonie von Bruckner dirigiert, Zeitgenössisches und selten zu Hörendes auf die Programme gesetzt (etwa Friedrich Goldmann und Jacques Ibert).
Nach Stationen in Dresden und einer Gastprofessur in den USA wurde Gülke 1981 Generalmusikdirektor in seiner Heimatstadt Weimar, entschloss sich aber 1983, die DDR zu verlassen. Die Situation im März 1983 schilderte er später so: »Wir hatten es lange erwogen, waren längst entschieden, wollten das Kind in diesem Staat nicht groß werden lassen. Wie aber sollte es gehen? Weitere Termine der Stasi standen ins Haus, lange zuvor waren Bücher, Aufsätze, Broschüren verhindert oder verboten, ich als Adorno-Leser – ein Delikt! – angeprangert worden.« Nach einem Gastspiel in Hamburg blieb Gülke in der BRD. Von 1986 bis 1996 war er Generalmusikdirektor in Wuppertal, danach trat die Lehrtätigkeit in den Vordergrund. Es ist bitter, dass sein Wirken als Dirigent nicht besser dokumentiert ist. Gülke stand nie einem Rundfunkorchester vor und war für die Schallplattenindustrie nicht interessant. So sind – obwohl sein Repertoire enorm war, vor allem Raritäten dokumentiert: Franz Schreker, Anton Reicha, Tadeusz Baird, Udo Zimmermann. Dass wir ihn diesen Sommer nicht mehr in Chorin, wo er in den letzten Jahren regelmäßig dirigierte, gemeinsam mit seinem Freund András Schiff erleben können, stimmt traurig. In Weimar, wo er zuletzt wieder lebte, ist Peter Gülke jetzt wenige Tage vor seinem 92. Geburtstag gestorben.
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