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Türkei

Bergarbeiter sind nicht allein

Türkei: Polizeirepression gegen Kumpel im Hungerstreik für ausstehende Löhne. Festnahmen von Sozialisten im Vorfeld des 1. Mai

Foto: Efekan Akyuz/REUTERS
Sie trotzen der Staatsgewalt: Bergleute am Montag in Ankara

Sie fordern ausstehende Löhne, sichere Arbeitsbedingungen, die Wiedereinstellung entlassener Kollegen und Gewerkschaftsrechte. Statt dessen bekommen sie Knüppelschläge, Tränengas ins Gesicht und leere Versprechungen. Mitten in Ankara im Kurtuluş-Park haben türkische Bergarbeiter ein Protestcamp errichtet. Vor rund zwei Wochen sind sie zu Fuß von ihrem Braunkohlebergwerk in der Nachbarprovinz Eskişehir in die türkische Hauptstadt marschiert und befinden sich dort seit nunmehr neun Tagen im Hungerstreik. Die Bergwerksbetreiberfirma Doruk Mining, die zur regierungsnahen Yıldızlar Holding gehört, schuldet ihnen Gehälter für bis zu sechs Monate. Immer wieder attackierte die Polizei in den vergangenen Tagen die Bergarbeiter, zu deren Forderung auch die Verstaatlichung des Bergwerks gehört, bei dem Versuch, vor das Energieministerium zu ziehen. Mehrere Funktionäre der Bergarbeitergewerkschaft wurden festgenommen.

Nicht nur bei Gewerkschaftern aus anderen Branchen, sondern auch in der breiteren Öffentlichkeit gibt es viel Sympathie. Unvergessen ist, dass es Bergleute waren, die nach einem verheerenden Erdbeben im Februar 2023 in der Südtürkei zahllose Überlebende aus den Trümmern gerettet hatten, als staatliche Katastrophenhilfe versagte: »Der Bergarbeiter ist nicht allein«, tönte es in den vergangenen Tagen nicht nur auf Solidaritätsdemonstrationen, sondern auch in Fußballstadien. »Sitzt im Parlament, bekommt kostenloses Steak! Bergarbeiter kämpfen gegen den Hunger, kämpfen gegen den Hunger!« skandierten die Beşiktaş-Ultras gegen korrumpierte Politiker.

Derweil trifft eine Repressionswelle im Vorfeld des diesjährigen 1. Mai Sozialisten und Gewerkschafter in Istanbul. Am frühen Dienstag morgen stürmten Polizisten Dutzende Wohnungen. Auch die Redaktionen der linken Zeitungen Özgür Gelecek und Yeni Demokrasi wurden verwüstet. Die Generalstaatsanwaltschaft gab an, Haftbefehle gegen 62 Personen erlassen zu haben, von denen 39 vollstreckt wurden. Unter den Festgenommenen sind Führungskräfte der Tourismusgewerkschaft sowie von mehreren zum marxistischen Flügel der prokurdischen Dem-Partei zählenden Mitgliedsorganisationen wie der Sozialistische Partei der Unterdrückten (ESP), außerdem von Jugend- und Studentenvereinigungen. Es lägen Informationen vor, »wonach sie Aktionen durchführen könnten«, heißt es von der Staatsanwaltschaft, die eine 24stündige Geheimhaltung über die Ermittlungen verhängte und damit auch die anwaltliche Vertretung beschränkte. Anderen Inhaftierten wurden vermeintliche Delikte am 1. Mai vergangenen Jahres vorgeworfen. Mit unrechtmäßigen Razzien und präventiven Gewahrsannahmen werde versucht, »die Feier des 1. Mais, die Organisierung der Arbeiter, die Berichterstattung über staatlich verursachte Menschenrechtsverletzungen zu verhindern«, erklärte der Menschenrechtsverein IHD am Dienstag.

Am Montag waren bereit fast 50 Gewerkschafter und Sozialisten von der Polizei eingekesselt und vorübergehend festgenommen worden, als sie mit Nelken in den Händen auf dem Istanbuler Taksim-Platz der dort 1977 Getöteten gedenken wollten. Damals waren 37 Teilnehmer einer Maikundgebung bei einem Massaker der staatlichen »Konterguerilla« ums Leben gekommen. Seitdem blieb der für die Arbeiterbewegung der Türkei symbolische Taksim fast durchgehend für Maikundgebungen gesperrt. Anhänger revolutionärer Organisationen versuchen dennoch alljährlich, das von Tausenden Polizisten durchgesetzte Verbot zu durchbrechen, während große Gewerkschaftsbünde dazu aufrufen, weit entfernt in Kadıköy auf der asiatischen Seite der Bosporusmetropole zu demonstrieren.

junge Welt

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Erschienen in der Ausgabe vom 29.04.2026, Seite 1, Titel

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