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28.04.2026
- → Feuilleton
Pentatonische Verführung
»Léna«, das Debütalbum des griechischen Lautenisten Vasilis Kostas
Merken Sie sich diesen griechischen Allerweltsnamen: Vasilis Kostas spielt Laute, und zwar, man muss es so sagen, wie ein junger Gott. Schon in den ersten Takten des Debütalbums »Léna« befreit er sein Instrument aus der dienenden Begleitfunktion, die es gewöhnlich innehat, und lässt es solistisch glänzen, untermalt nur von sparsam gesetzten Klavierakkorden. Im zweiten Stück übernimmt die Lyra (eine Kniegeige) von Sokratis Sinopoulos die Melodie, und das Klangbild erweitert sich zusätzlich durch Kontrabass, Percussion und Aimilia Chalkias ätherische Singstimme. Was das Ensemble von Vasilis Kostas zu Gehör bringt, schöpft aus der Volksmusik der nordwestgriechischen Region Epirus, klingt aber – der verführerischen Pentatonik sei Dank – keineswegs so fremd, dass man erst nach einem entsprechenden Volkshochschulkurs kapieren würde, was hier gespielt wird.
Die achtsaitige Laute ist eng mit der Oud verwandt, die man unwillkürlich mit Anouar Brahem assoziiert. Dessen wohltemperierte, arabisch geprägte Spielart kennt man von zahlreichen ECM-Aufnahmen, wo sie im Jazzkontext fast sakral anmutet und nicht selten etwas behäbig wirkt. Ganz anders der energisch zupackende Stil von Vasilis Kostas mit seinen geschmeidigen melodischen Wendungen und einer verschwenderischen Fülle von Obertönen. Der Resonanzbauch der Laute gibt eine Menge Volumen und Nachhall für die blitzsauber angespielten Doppelsaiten her und sorgt für eine nuancierte Präsenz des Instruments, selbst wenn es von parallel geführten Lyra- und Gesangsmelodien umschwirrt und von Bass- und Percussionfiguren flankiert wird. So gleiten alle zusammen inspiriert und virtuos durch die gezupften, gestrichenen und gehauchten Glissandi – das wird nur im Titelstück für die verstorbene Mutter des Lautisten, wo auch noch ein Streichquartett mitwirkt, etwas zuviel des Guten.
Ganz verzichtet hat Vasilis Kostas dafür auf Blasinstrumente, was doppelt erstaunt, denn die allermeisten Geschichten in der Musik von Epirus wurden und werden von der Klarinette erzählt, und ihr bedeutendster einheimischer Interpret war zudem Kostas’ langjähriger Mentor. Dieser Petroloukas Halkias, der zwei Jahrzehnte in den USA lebte (wo er sogar mit Benny Goodman und Louis Armstrong auftrat), ist vergangenes Jahr hochbetagt gestorben und steht schon lange im Ruf einer Sagengestalt. Einmal soll ihm beim Üben unter freiem Himmel ganz gebannt über Stunden ein Pferd gelauscht haben. Unterricht genoss Vasilis Kostas auch beim Lautenvirtuosen Christos Zotos, er war aber bereits als Teenager ein großer Fan von Keith Jarrett und Pat Metheny. So wagte er schließlich den Schritt ans Berklee College of Music in Boston, wo ihn der Pianist Danilo Pérez unter die Fittiche nahm und in seine Band Global Messengers integrierte.
Dass Kostas für das erste Album unter eigenem Namen keinen Jazz-Folklore-Mix anstrebte, spricht stark für die Musik seiner Heimat und ist bezeichnend für seine Ambition, dieses Erbe zu pflegen und an den Nachwuchs weiterzugeben. Was er mit der Gründung und künstlerischen Leitung des Epilekto Epirus Ensembles im griechischen Ioannina und des New England Greek Orchestra in Boston angepackt hat, vermittelt er auch mit »Léna«: Die Musik aus Epirus hat eine motivische Strahlkraft sondergleichen und kann überdies sehr gegenwärtige Geschichten erzählen, etwa im Stück »Kálesma« (Einladung), das den durchreisenden Flüchtlingen auf der Balkanroute gewidmet ist.
Bestechend im musikalischen Prozess wirkt vor allem, wie Vasilis Kostas und Sokratis Sinopoulos ihre Ebenbürtigkeit als prägende Instrumentalisten inszenieren. Laute und Lyra weben unermüdlich, aber auch geduldig genug an den Mustern ihrer Ideen, bis sie auf das ganze Ensemble übergreifen und Liedgestalt annehmen. Das macht die Musik auf »Léna« so zugänglich, ja mitreißend, und rückt sie gleichsam absichtslos dann doch in die Nähe von Jazz. Von der Stimmung der folkverliebten Einspielungen eines Bill Frisell ist sie jedenfalls gar nicht so weit entfernt.
→ Vasilis Kostas: »Léna« (Artsyndesis/General Music Greece)
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