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Gendertrouble

Skandal um Achill

Der queerkritische Mann weiß vor allem eins: dass er Bescheid weiß

Foto: Fine Art Images/Heritage Images/imago
Werden keine Freunde mehr: Hektor und Achill

Sing mir den Mann, Muse. So ausgerechnet beginnt Europas Dichtung. Etwa 2.700 Jahre später fühlte Herbert sich angesprochen: Wann ist der Mann ein Mann? 1984 ließ sich die Frage noch stellen, ohne dass sich Fragen stellen. Grönemeyer dürfte kaum geahnt haben, dass er in ein Wespennest gestochen haben wird.

Die Frage spaltet die Welt, an ihr wird man Partei. »Genderwahn« heißt das Schlachtwort, das im Mund führt, wer selbst daran leidet. Geläufige Kritik an der queeren Bewegung geht selten an die theoretische Substanz. Butlers Djihad, ihre bizarre Odyssee vom Nichtidentischen zu dessen Gegenteil, der Identitätspolitik, Unzulängliches über die Unzulänglichkeit des Biologischen, kulturgeschichtlich vage Vermutungen über Wurzeln des Patriarchats, all das kommt nicht auf den Stammtisch. Den Manfred im Bierbrunnen bewegt vielmehr die Sache selbst: Menschen, die ihr Leben selbst bestimmen wollen. Er darf das nicht, warum sollen die das dürfen?

Der Mensch kann mit inkohärenten Lagen nicht gut umgehen. Er zieht die geschlossene Theorie einer adäquaten jederzeit vor. Kohärenz muss hergestellt werden um jeden Preis. Das Abweichende verstört, so regrediert man verunsichert von Freiheit und Selbstbestimmung in die heilige Ordnung der Familie und also der Natur, deren Existenz als normativ verstanden wird. Dabei wäre es nicht schwer, eine belastbare Position zu finden. Etwa mit den politischen Zielen der queeren Bewegung sympathisieren, ohne deren begriffliche Bocksprünge mitzumachen. Beide, Queerbewegte und ihre Kritiker, verstoßen gegen Humes Gesetz: Aus dem Sein lässt sich kein Sollen ableiten.

Hin und wieder ist eine Antwort längst da, lange bevor die dazugehörige Frage sich stellt. 1974 schrieb Peter Hacks ein scheinbar unscheinbares Märchen, »Meta Morfoss«. Es handelt von einem Kind, das sich dauernd verwandelt und so die ganze Stadt auf Trab hält. Mal ist Meta die Meta, mal der Professor Einstein, mal eine Muschel, mal ein Krokodil. Als man verlangt, Meta müsse sich endlich entscheiden, was sie sein will, »damit man sich daran gewöhnen kann«, antworten die Eltern: »Wir haben uns auch so daran gewöhnt (…). Es ist doch ganz klar, wer sie ist (…). Sie ist doch die Meta.« Und Metas schnurrbärtige Tante »Herr Maffrodit« setzt hinzu: »Natürlich muss man verhindern, dass sie dumme Streiche macht … Aber im übrigen glaube ich nicht, dass man viel an ihr ändern kann. Und wenn ich es zum Beispiel könnte, wüsste ich gar nicht, wo ich das Recht dazu hernehmen sollte.« Das Nichtidentische in poetischer Gestalt, der geschäftige Wirbel um Diversität und Norm mit wenigen ruhigen Worten zur Ruhe gebracht. Weiterdenken wird wieder möglich.

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Wozu zuhörn gehört. Und wissen anstelle von Bescheid wissen. Vom Mann weiß man folgendes: Er ist körperlich stark, kann Autos reparieren, fürchtet nichts, und natürlich kennt er sich aus. Letzteres gilt nicht nur für Exemplare akademisch geprägter Milieus, auch am Stammtisch sitzen in der Regel die Auskenner. Wenn man schon nicht Achill ist, will man wenigstens Odysseus sein. Oder umgekehrt. Wenig überraschend daher, dass diese Pose intellektueller Überlegenheit auch in der Polemik gegen die Queerness aufscheint, mit dem Zusatz, dass der Kritiker sich hier mehr noch als Vertreter einer Restvernunft fühlt. Die Welt geht unter, doch an ihm wird es nicht gelegen haben.

Bescheidwissen ist das Gegenteil von Wissen. Wesentliche Voraussetzungen der Wissensaneignung sind in dieser Haltung liquidiert: Reflexion, Neugier, Demut, Beweglichkeit etwa. Paternalistisch gibt der queerkritische Mann seinen Feind*innen Bescheid, umfassendes Halbwissen soll überrollen. So redet er vom generischen Maskulinum, ohne zu verstehen, dass die Funktion in »Ich gehe zum Arzt« vorliegt, in »Ich gehe zu meinem Arzt« aber nicht. So spricht er von den zwei Geschlechtern, ohne ausführen zu können, wie die über Chromosomen, DNA und Proteine ausgelösten Kaskaden, die im Embryo Keimzellen und Geschlechtsorgane wachsen lassen, näher funktionieren.

Und es versteht sich, dass er auch Hoheit über die Kulturgeschichte hat. Genderadaptionen männlicher Sujets versetzen ihn ebenso in Rage, wie er Frauensport läppisch findet. Die jüngste Aufregung hat Christopher Nolan verursacht, womit wir wieder beim Anfang wären: Sing mir den Mann, Muse. In Nolans »Odyssee« soll mit Lupita Nyong’o eine schwarze Frau die Rolle der Helena übernehmen und Gerüchten nach mit Elliot Page ein Transmann die Rolle des Achilleus. Was Nyong’o betrifft, so hatte auffälligerweise niemand ein Problem, als Diane Kruger 2004 in Petersens »Troja« antrat, obgleich eine blonde Helena auch nicht eben typisch für Hellas ist. Über Page, der mit seinem weiblichen Körper in Dysphorie stand und nach der Umwandlung durchaus noch zierlich ist, will das Netz sich nicht beruhigen. Binnen weniger Tage war es überschwemmt von KI-Clips, die die schmächtige Person in kriegerischen Szenen zeigen. Der fußfertige Schlächter soll von einem echten Mann verkörpert werden, Dwayne Johnson oder so.

Ganze Männer, halbes Wissen. In der »Ilias« steht Achilleus im Saft, er hebelt beinahe das Stadttor aus, streitet mit Agamemnon um eine Sklavin und schändet die Leiche Hektors. Die »Odyssee« erzählt eine andere Geschichte. Hier trifft Odysseus den toten Achilleus im Hades. Engstirniges Heldentum wird attackiert, der Pelide beklagt die schattenhafte Existenz, seine Gestalt ist nicht mehr solide, nicht mehr muskulös, sie ist durchlässig und hager.

Offenbar kostet die Verteidigung Homers Zeit. Zeit, die dann fehlt, ihn auch zu lesen.

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Erschienen in der Ausgabe vom 12.06.2026, Seite 11, Feuilleton

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