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Erkenntnisprobleme

Iranische Stimmen zu US-Verhandlungen

Von Knut Mellenthin
Foto: Anadolu Agency/IMAGO
Straßenszene in Teheran: Nach den zerstörerischen Bombardements ist der Alltag fast wieder zurückgekehrt (22.4.2026)

In einigen iranischen Onlinemedien, vor allem auf der Website von Press TV, dem englischsprachigen Sender des staatlichen Rundfunks, wurden in der vergangenen Woche bemerkenswerte Diskussionsbeiträge veröffentlicht. Die Diktion klingt, wie in der Islamischen Republik üblich, nach der Entschiedenheit einer offiziellen Anordnung, ohne dass sich zuverlässig sagen ließe, ob die Autoren wesentlich mehr als ihre persönliche Meinung zum Ausdruck bringen.

Schon die Artikelüberschriften sind eine klare Ansage. »Akte geschlossen: Warum Irans Atomprogramm nie wieder auf den Verhandlungstisch zurückkehren darf«, hieß es zum Beispiel am 21. April bei Press TV. Der Autor konstatiert dort, was sich kaum ernsthaft bestreiten lässt: dass nämlich die Regierungen in Teheran jahrzehntelang mit den USA über die »Atomakte« verhandelt hätten, ohne auf mehr zu stoßen als »bösen Willen, gebrochene Versprechen und eskalierenden Druck in Form militärischer Aggressivität und drakonischer Sanktionen«. In einem auf den 24. April datierten Text von Press TV wurde sogar die mehr als 20 Jahre lang betriebene offizielle Heimlichtuerei um die Inhalte der Verhandlungen kritisiert. In Wirklichkeit seien diese »für die USA einfach nur ein Werkzeug, um Druck auf Iran auszuüben und dabei die Fassade der Diplomatie aufrechtzuerhalten«.

Mehrere Diskussionsbeiträge beziehen sich direkt auf den »Revolutionsführer« Ajatollah Ali Khamenei, der am 28. Februar, dem ersten Tag des gegenwärtigen Krieges, bei einem gezielten israelischen Angriff getötet wurde. »Irans Weigerung, die Atomakte auf den Verhandlungstisch zurückzulegen«, sei in den Warnungen Khameneis begründet, lautete die Überschrift eines Artikels, den Press TV am 22. April veröffentlichte. Der Autor griff dort bis auf skeptische Vorbehalte des »Revolutionsführers« gegen das 2015 geschlossene Wiener Abkommen zurück, das von Donald Trump im Mai 2018 während seiner ersten Amtszeit zerfetzt wurde.

Zitiert wird in diesen Tagen auch Khameneis Warnung aus einer Ansprache, die er am 7. Februar vorigen Jahres vor Luftwaffenangehörigen hielt: Unter den derzeitigen Verhältnissen seien Verhandlungen mit den USA weder klug noch rational oder ehrenhaft. Am 12. April 2025 nahm die iranische Regierung trotzdem Gespräche auf. Während diese noch liefen, eröffnete Israel mit Zustimmung Trumps am 13. Juni den Zwölftagekrieg, in den die USA am letzten Tag auch direkt eingriffen.

Das fatale Spiel geht trotz dieser Erfahrung weiter: Die Führung der Islamischen Republik behauptet, sie werde nicht unter Drohungen verhandeln, hat aber genau dies trotzdem weiter getan und damit Trump in seiner Taktik bestärkt. Ob dieses Verhalten zwischen den an der Führung der Islamischen Republik beteiligten Kräften wirklich umstritten ist, wie gerüchteweise behauptet wird, könnte sich schon in den nächsten Tagen zeigen. Eine Diskussion hat begonnen, soviel scheint sicher.

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Erschienen in der Ausgabe vom 27.04.2026, Seite 3, Ansichten

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