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Aus: Literatur, Beilage der jW vom 18.03.2026
Literatur

Wer früher stirbt, ist länger tot

Metapher des Siechtums: Robert Menasses ironisch-parabolische EU-Novelle »Die Lebensentscheidung«
Von Stefan Gärtner
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Die Abbildungen dieser Beilage stammen aus Mœbius’ Graphic Novel »Die hermetische Garage – Jäger und Gejagter« (Avant-Verlag, Berlin 2026, 64 Seiten, 30 Euro). Sie erscheinen mit freundlicher Genehmigung des Verlags. Lesen Sie auch eine Rezension des Bandes unter dem Titel »Die Welt war sein Kind« auf Seite 16

Die anderen sind, versteht sich, immer blöder als man selbst, und kaum war Robert Menasses als Novelle ausgewiesenes Buch »Die Lebensentscheidung« zugeklappt und die Grunderkenntnis gespeichert, es sei nichts falsch an ihm als die Gattungsbezeichnung, schon wegen der ausführlichen Psychologie, den quasi-essayistischen Einschüben und jenem langen Atem, der auch kurzen Romanen eignet – kaum war also klar, dass das allenfalls eine ironische Novelle sei, fällt man über die Anmoderation der ­Neuen Zürcher Zeitung: »Robert ­Menasses brillant verknappte Novelle …« ­Écriture automatique im Rezensionswesen: »­Novelle«, ah, das ist was Knappes, und der Menasse hat schon Preise gekriegt, also ist es ein brillanter Mann, und also steht die Zeile. Und die Rezension vermutlich gleich mit.

Wie brillant verknappte Novellen – ein Pleonasmus, bitte sehr – gehen, ließe sich an Kleist studieren, der »Marquise von O.« oder dem »Erdbeben von Chili«, Texten, in denen kein Wort, kein Komma (und das bei Kleist!) zuviel ist, Kondensate, ganz und gar der »unerhörten Begebenheit« verpflichtet, die Goethe von der Novelle verlangt. Die Geschichte des von Europa frustrierten EU-Beamten Franz Fiala, der nach der Frühpensionierung erfährt, dass er Krebs hat, und es sich zur letzten Aufgabe macht, der so geliebten wie dominanten Mutter zu ersparen, das eigene Kind zu begraben, fängt zwar an, wie Novellen anfangen: »Am 26. Februar 2024, kurz nach Mittag, traf Franz ­Fiala eine Lebensentscheidung.« Aber dann folgt zunächst eine ausführliche Führung durch sein Brüsseler Büro nebst Einblick in die Funktionsweise des politischen Europas auf Referatsebene, denn Menasse hat zwei sehr erfolgreiche, durchrecherchierte EU-Romane geschrieben und für den ersten (»Die Hauptstadt«) 2017 den Deutschen Buchpreis bekommen.

Die »Lebensentscheidung« lebt gut davon, dass man wissen will, ob Fialas Tumor schneller ist als der Verfall der Mutter, auch wenn das parabolische Arrangement hier seinen Hinweis gibt. Denn der Wiener Fiala, der in Brüssel erleben muss, wie Interessen und Populisten Europa zermahlen, muss sich daheim, und sei’s neckend, einen »Eurokraten« schimpfen lassen, und seine fehlende Zukunft samt schmerzhafter Gegenwart ist natürlich Metapher des europäischen Siechtums, so wie der (negative) Wettlauf zwischen ihm und seiner Mama jenem gleicht, den die europäische Demokratie mit der bürgerlich-nationalen austrägt: Wer früher stirbt, ist länger tot. Da kann der Herzenseuropäer, den Menasse sich hier aus dem Fleisch schneidet, noch so leidenschaftlich die Borniertheit jener geißeln, die sich gegen den Popanz von der »Verregelung« aufhetzen lassen, als ginge es nicht zumal um Regeln, die dich und mich vor Gift und Industrie schützen, und wer die Europäische Union nicht einfach für eine Agentur des Imperialismus hält, sieht in Fiala eine Allegorie des guten, aber sterbenden Europäertums. Dass »Die Lebensentscheidung« auch ein Sozialstück ist, weil Fiala, promoviert und der feineren Lebensart zugetan, aus engen Verhältnissen stammt, verweist dann aufs Nämliche: Schließlich ist Adornos »auf Touren gebrachter Kleinbürger« drauf und dran, den Laden zu übernehmen und ihm die weltbürgerlichen Flausen möglichst auszutreiben.

Vom Schriftsteller Paul Heyse, ­einem Zeitgenossen Fontanes, stammt das Dekret, jede Novelle müsse über einen »­Falken« verfügen, wie er zentral für Boccaccios »Falkennovelle« ist, ein Dingsymbol, das die Handlung wendet und ihren Konflikt vergegenständlicht. Es versteht sich, dass in der modernen Novelle der Falke als Zitat auftauchen darf, und so liest ­Fiala seiner Mutter, die sich ein Lebtag mit Bildung gegen ihr Klassenschicksal gewehrt hat, Annette von Droste-Hülshoffs »Die tote Lerche« vor, von der geistig nachlassenden Mama als »Der tote Falke« ausgegeben. Nun muss der Falke bei Boccaccio gleichfalls sterben, und dass er stirbt, überlässt ein Kind dem Tod und stiftet eine Ehe, wie kein Leben ist, ohne dass der Tod mitspielt. Unter unserem Eindruck, dass »Novelle« bei Menasse kein triftiges Etikett sei, darf aber vermutet werden, dass hier eher (oder zugleich) ein Hinweis darauf steckt, dass die unerhörte Begebenheit gar keine ist, weder auf der ersten noch auf der zweiten Ebene.

Denn nichts ist ja banaler als der Tod, und dass Eltern ihre Kinder überleben, kommt vor. Also müsste Europas ­Ende, das gerade in den Feuilletons an die Wand gemalt wird, ein Achselzucken verdienen, denn Europa steht zwar noch drauf, ist aber nicht mehr drin, sowenig wie eben in Menasses »Novelle« eine steckt, falls man seinen kühlen, griffigen Stil nicht als novellistisch bezeichnen will. »Die Lebensentscheidung« hätte also zwei Pointen, und beide lässt man sich gern gefallen; wenn auch, versteht sich, bloß ästhetisch. Denn selbst das halb willfährige, halb verzagte Von-der-Leyen-Europa, das Fiala so verachtet, ist besser als das, das Europas Feinde wollen.

Robert Menasse: Die Lebensentscheidung. Suhrkamp-Verlag, ­Berlin 2026, 158 Seiten, 22 Euro

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