Ins Nichts
Von Felix Bartels
Eine Stadt spricht – durch die Namen ihrer Straßen und Plätze, durch Tafeln, auf denen sie Vergangenes erinnert, durch die Bauten, die sie abreißt oder stehenlässt. Jene Straße, in der die Redaktion dieser Zeitung sitzt, hieß einmal nach Wilhelm Pieck. Umbenannt wurde sie 1994. Im selben Berlin gibt es bis heute einen Hindenburgdamm, einen Hohenzollerndamm, eine Manteuffelstraße, und es ist nur wenige Monate her, dass die Treitschkestraße in Steglitz nach langer Bemühung umbenannt wurde. Kaiserreich und Kolonialismus, Weltkrieg, Rassismus und Antisemitismus lassen nach wie vor ihre Spuren stehen in Berlin, wo man sich als kosmopolitisch, polyglott und tolerant versteht.
Spurlos abhanden gekommen dagegen ist der Palast der Republik. Vor genau 50 Jahren wurde er eröffnet, am 23. April 1976. Geschlossen 1990, abgerissen 2008. Er verschwand aus der Stadt wie das Land, in dem man ihn gebaut hatte. Sein Kiez hatte jahrzehntelang die innere Kollision deutscher Geschichte vorgeführt: Cremers Marx-Engels-Forum, der Lustgarten der Hohenzollern, Fritzens Reiterstatue, Wilhelms Berliner Dom, der kahle Platz, auf dem Goebbels missliebige Bücher verbrennen ließ, die Uni, die bezeichnenderweise nicht nach Hegel heißt, alles ganz nah beieinander.
Der Abriss des Palastes war politisch motiviert, begründet wurde er medizinisch. Das Gebäude sei nicht zu retten wegen Asbestverseuchung. Die letzten Sitzungen der Volkskammer im Herbst 1990 durften dort nicht mehr abgehalten werden, die Abgeordneten zogen für wenige Wochen um. Das neue Parlament, der gesamtdeutsche Bundestag, tagte dann bald im Reichstagsgebäude. Auch das übrigens war asbestverseucht, abgerissen wurde es allerdings nicht, sondern saniert. Man werde wohl künftig zwischen Aswest und Asbost unterscheiden müssen, kommentierte der Schriftsteller Uwe Kant damals sarkastisch.
»Haus des Volkes« hieß eine 1976 ausgestrahlte, die Eröffnung des Palastes begleitende Defa-Dokumentation. Was nach schmieriger Propaganda klingt, ein authentischer Kern lag dennoch darin. Über die DDR lässt sich manches sagen, und nicht nur Gutes, unstrittig aber: Ihre Gründungsidee war human, sie selbst ein teils bizarr anmutender Versuch, das bessere Deutschland herzustellen, in dem soziale Gerechtigkeit und Frieden nicht nur als Worte existieren. In ihren besseren Momenten wurde sie diesem Anspruch gerecht, der Palast verkörperte einen dieser Momente.
Auf dem Reichstag kann man die Inschrift »Dem deutschen Volke« lesen, nicht einfach »Dem Volke«. Der Unterschied markiert mehr als eine Nuance. Heute steht, wo der Palast einst stand, das Humboldt-Forum, dessen hybride Architektur politische Implikationen bereithält. Hohenzollernfassade und geometrischer Stil der Jetztzeit feiern Hochzeit über die eigenwillige Ästhetik des Sozialismus hinweg.
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