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Konzert

Er fährt den Bus

In seinen tollen Songs und auf der Bühne wird aus Tyler Perry: Tyler Ballgame, ein Draufgänger des Pop

Foto: Niek Hage
»Bei mir seid ihr sicher, ich erledige die Arbeit« – Tyler Ballgame

Vielleicht ist es nicht cool, aber es wirkt, weißt du – wie ­Candy«, sagt Tyler Perry im Gespräch vor seinem Auftritt auf dem Momo-Festival in Rotterdam; vergangenes Wochenende war das. Es geht um den immensen Reichtum an melodischen Ideen in seinen Songs, was tatsächlich an die Beatles erinnert. »Ich habe mich immer zu starken Melodien hingezogen gefühlt. Du kannst einen x-beliebigen Song der Beatles nehmen, und es wäre ein Riesenhit für die meisten anderen Bands. Mit meiner Musik möchte ich mich diesem Level zumindest annähern, andernfalls langweilt es mich, und ich bringe es nicht raus.« Und dann nennt er noch ABBA als Beispiel für großartige Melodien. »Ich mag Pop, ich mag große Songs, die ins Ohr gehen.« Nicht sehr cool – oder doch?

»For the First Time, Again« heißt das Albumdebüt des 35jährigen Songwriters Perry, als Künstler wird er zu Tyler Ballgame. Again – noch einmal beginnen: Perry kifft sich durchs Musikstudium am Berklee College of Music, hängt rum und durch, zieht dann mit 29 von Rhode Island nach Los Angeles, wo er sich mit Gelegenheitsjobs und Coversongs in Kneipen durchschlägt.

»Ich musste nach Los Angeles, weil es dort eine Musiker-Community gibt. Die westliche Vorstellung von Individualismus ist illusorisch, künstlerischer Erfolg ist Teamarbeit.« Und ab hier wird es eine Geschichte glücklicher Zufälle. Perry baut Roy Orbisons Stück »Crying« in seine Karaokeauftritte ein. Seine Tenorstimme ist wie gemacht dafür. Es spricht sich herum, immer mehr Leute kommen, die diesen Typen sehen wollen, der wie Roy Orbison klingt. Perry erzählt: »Von klein auf liebte ich es. Meine Mutter war Sängerin; im Auto haben wir Harmonien gesungen zu Beatles-Songs oder Radiohits. Die Stimme ist ein interessantes Instrument, weil sie so sehr zur Person gehört, sie ist Teil deiner Identität. Meine ist facettenreich, je nach Song kann ich croonen wie Roy Orbison, kreischen wie Paul McCartney oder wie Jeff Buckley im Falsett mäandern.« Als weitere Inspirationen nennt er Nick Drake und Robin Pecknold von den Fleet Foxes. Jedenfalls schaut sich irgendwann Jonathan Rado von Foxygen (Produzent von Miley Cirus) circa zehn Sekunden von »­Crying« auf Instagram an und sagt zu ihm: »Du verschwendest dein Talent, du musst eigene Songs schreiben und singen. Du musst dich zeigen.«

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Nicht einfach für Perry. Es braucht eine Bühnenrolle, eine Persona, so wie David Jones erst mit Hilfe von Ziggy Stardust wirklich zu David Bowie wurde. Aus der Idee wird Tyler Ballgame, ein Draufgänger, dem die Bühne untertan ist. Der Name ist eine Anspielung auf den Spitznamen des legendären Baseballspielers Ted Williams. Perry sagt: »Viele meiner Lieblingskünstler scheuen sich, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Sie drehen sich weg, sind ängstlich. Ich war auch so.« Ein Performance-Seminar in Berklee, geleitet von James Taylors Bruder Livingston, sorgte für ein Umdenken: »Wenn jemand Angst zeigte oder sich unwohl fühlte, hieß es sofort: Hör auf damit! Du denkst zuviel an dich, du vergisst das Publikum. Ich möchte für das Publikum da sein, ihm sagen: Bei mir seid ihr sicher. Ich erledige die Arbeit. Ich fahre den Bus. Tyler Ballgame erlaubt es mir, aus mir herauszutreten, schenkt mir Freiheit. Ich muss nicht Tyler Perry sein.«

Das Interview führen wir in einem Nebenraum der prachtvollen Arminius-Kirche in Rotterdam. Eine Stunde später wird Tyler Ballgame mit seiner fünfköpfigen Band hier spielen. Er ist einer von über 100 Künstlern. Hauptsächlich geht es um Musik, klar, aber es werden auch Tänze aufgeführt, es gibt alternative Stadtführungen, Kunst steht auf dem Programm, etwa eine Ausstellung mit den großformatigen, afroamerikanische Identitäten dokumentierenden Schwarzweißfotos der inzwischen 72jährigen New Yorkerin Marilyn Nance.

Ich eile weiter zu Marta Del Grandi, die im 160K auftritt, einer schummrigen Retrospielhalle mit Videospielen der ersten und zweiten Generation. Cool, oder? Nicht, wenn der Auftritt eine gewisse Eleganz der Umgebung verlangt. Die Wahlberlinerin aus Italien singt die komplexen Songs ihrer aktuellen Platte »Dream Life« und zwei vom Vorgängeralbum »Selva« – eindringlicher Kammerpop, vom Publikum konzentriert goutiert. Leider wirkt das Ganze etwas verschenkt, falsches Ambiente. Hoffen wir auf den Sommer, da spielt Del Grandi auf dem Haldern-Pop-Festival.

Auf Youtube gibt es ein Video von einem verregneten Auftritt Tyler Ballgames vergangenen Sommer, da war er auf dem Festival End of the Road in Dorset, spielte David Bowies »Life on Mars?«. Mancher im Publikum blickte sich verstohlen um: Darf man das gut finden? Sieben Monate später gibt es kein Halten mehr. In Amsterdam, einen Abend vor dem Gig in Rotterdam, wird inbrünstig mitgesungen, entrückt in wundervollen Harmonien gebadet. Was für eine Stimme. Cool? Who cares?

Tyler Ballgame: »For the First Time, Again« (4AD/Beggars)

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Erschienen in der Ausgabe vom 22.04.2026, Seite 10, Feuilleton

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