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Aus: Ausgabe vom 02.03.2026, Seite 11 / Feuilleton
Jazz

Die Definition von Liebe

Jazzwunderkind Emma Rawicz live in Essen
Von Frank Schwarzberg
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Ganz bei sich: Emma Rawicz und ihr Saxophon

Jazz ohne Gedudel, Rock ohne Kraftmeierei. Das 24jährige Jazzwunderkind Emma Rawicz pustete am 19. Februar mit ihrem Sextett Inkyra die Essener Philharmonie durch. Mit 19 veröffentlichte sie ihr Debütalbum »Incantation«. 2023 folgte »Chroma«, auf dem Rawicz mit nach Farben betitelten Stücken auf ihre Synästhesie anspielte. 2025 erschienen das Duo­album »Big Visit« und das mit Inkyra aufgenommene »Inkyra«.

Das Spiel der Tenor- und Sopransaxophonistin aus Devon in England ist kraftvoll und selbstvergessen virtuos, dabei dennoch bandorientiert und wertschätzend. (»Liebe ist«, sagt bell hooks, M. Scott Peck zitierend, »der Wille, sich selbst zu erweitern, um das eigene oder das spirituelle Wachstum eines anderen zu fördern.«) Der Abend weckt Erinnerungen an die legendäre, 2022 verstorbene Barbara Thompson. Nicht von ungefähr hatte Rawicz am 2. Juni 2023 in der Londoner Union Chapel bei einem großen Erinnerungskonzert den Part von Thompson übernommen.

Ihre Ansagen in Essen spricht sie in recht flüssigem und gut prononciertem Deutsch. Für Rawicz nichts Besonderes: Sie ist leicht zu begeistern und sehr neugierig, lernt mehrere Sprachen, stemmt Gewichte und liest im Schnitt drei Bücher pro Woche. Dennoch wechselt sie im zweiten Konzertteil zunehmend ins Englische. Sie müsse sonst zuviel überlegen: »Is it Dativ or Akkusativ?«

Ihr Spiel ist das Gegenstück zu diesem Perfektionismus. Ganz losgelöst wirft sie sich in ihre Saxophonsoli, mal songdienlich, mal expressiv, um sich dann, ihr Mienenspiel verrät es, von den Soli der hervorragenden Mitspieler überraschen zu lassen – Scottie Thompson an Keyboard und Synthesizer (»crazy effects!«), David Preston an der E-Gitarre und Gareth Lockrane an den Flöten (dessen Piccolopassagen sind mir ein wenig zu schrill, ufern allerdings nicht aus). Denkt man sich die beiden Bläser weg, ist es eine Rockband, komplettiert durch Kevin Glasgow am E- Bass und Jamie Murray an den Drums.

Doch auch wenn letztere keine Soli bekommen (gut, Murray ein halbes), sind sie das Herz der Band. Ihre rollierenden Beats spüre ich noch tags drauf. Glasgow und Thompson verstehen sich darauf, den Bandsound so effektarm wie effektiv zu unterstützen. Emma Rawicz tanzt dazu, strahlt, lacht – und spielt. Stehende Ovationen.

Emma Rawicz: »Inkyra« (Act)

Nächster Inkyra-Termin: 24.4., Bremen, Bremer Shakespeare Company

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