Singen und Weinen
Von Frank Schwarzberg
Wolke Sieben heißt im Englischen cloud nine. Glückselig, womöglich frisch verliebt, schweben wir. Oder fahren mit der Rolltreppe neun Etagen hoch – im Kulturtempel Tivoli Vredenburg in Utrecht, mit seinen fünf Konzertsälen unterschiedlicher Größe.
Vor fast drei Jahren spielte Courtney Marie Andrews hier vor 2.000 Leuten im großen Ronda, im Vorprogramm von Wilco. An diesem 3. März performt sie mit ihrer Band vor ungefähr 300 Fans hoch oben im Cloud Nine. Rote Luftballonherzen rahmen die Bühne, weiße Friedenstauben drapieren die Mikrofone. Andrews’ neues Album heißt »Valentine«.
Um den Preis der Romantik geht es auf dem Album und im Konzert. In Utrecht wird – wie an jedem Abend der laufenden Tour – »Valentine« im ersten Teil des insgesamt 18 Songs umfassenden Konzerts komplett durchgespielt, zehn Lieder, »from start to finish«. Weshalb, frage ich die 35jährige Musikerin aus Nashville im Interview:
Das Album ist eine Einheit. Wir haben viel Wert auf die Reihenfolge gelegt. Die Songs sind wie eine Reise zur Erkenntnis, weshalb wir Liebe suchen und die Liebe uns. Der erste Song »Pendulum Swing« handelt davon, dass es in beide Richtungen gehen kann, gut oder schlecht, alles zu seiner Zeit. Du verliebst dich, dann bricht dir das Herz, am Ende denkst du nach. Auf der zweiten Seite der Platte gibt es Songs über diese Art Reflexion, »Outsider« oder »Best Friend«. Das Ganze endet mit »Hangman«, einer Liebeserklärung und der Aufforderung, ehrlich zu sein. Es ist ein bisschen aufgebaut wie ein Theaterstück.
Wir bräuchten mehr Liebeserklärungen. Statt dessen versuchen uns im dritten Stück »Bad People«, cons and clowns, also Hochstapler und Clowns, kleinzuhalten (»tear you down«). Ihr Album »May Your Kindness Remain« kam 2018 heraus, während der ersten Trump-Präsidentschaft. Ein dezidiert politisches Album. Anders als das aktuelle.
Es ist sehr schwierig, politische Lieder zu schreiben, die überdauern. Damals war ich an diesem Punkt – geschockt wie so viele, ich bin es immer noch, geradezu entgeistert. Aber möchte ich diesen bad voices so viel Raum geben? Wir werden doch konstant bombardiert von den bad guys, aber – sie verdienen unsere Aufmerksamkeit nicht – They don’t deserve our breath. Natürlich werde ich mich weiter zu Missständen äußern. Aber ich finde es nicht sehr inspirierend, davon zu singen. Künstler verdienen diesen Raum. Wir wollen sie singen hören und spielen sehen.
Sie sprechen, wenn es um das neue Album geht, von limerence, von obsessiver Verliebtheit als Gegensatz zur Liebe. Worin liegt für Sie der Unterschied?
Liebe baut sich über lange Zeit auf. Sie wächst, wenn deine Verbindung zu jemandem wächst. Obsessive Verliebtheit rührt häufig von einer Verletzung her, die du als Kind erlebt hast. Ein unersättliches Bedürfnis, die Lücke zu füllen, was unmöglich ist. Das hat wenig mit Liebe zu tun, eher damit, die Verwundung immer neu nachzuspielen. Das kann sich wie Liebe anfühlen, weil du dich nach ihr verzehrst, von ihr besessen bist. Romantik ist Besessenheit, du kannst nicht nachdenken, nicht essen. Viele Menschen fühlen anfangs so, aber das ist oberflächlich. Das ist etwas, das ich mit dem Älterwerden gelernt habe, zumal als überaus romantische Person. »We’re in love!« – gleich am ersten Tag. Aber so läuft es nicht.
Zum Lieben gehört auch, allein sein zu können. Zeilen darüber finden sich verstreut in Ihren Songs. Was bedeutet es für Sie, allein zu sein?
Es versetzt mich die Lage, in meinem Kopf eine klare Stimme zu haben. Ich mag Reflexion sehr. Ich schätze es, meine Erinnerungen zu überdenken, Zeit zu haben, mir über etwas klarzuwerden. Ich denke, es tut jedem gut, Tagesabschnitte ganz für sich zu haben.
In den Liner Notes zu »Valentine« schreiben Sie: Singen sei die direkteste Verbindung zum Herzen, »singing is the most direct line to your heart«. War das für Sie schon immer so?
Ja. Schon als kleines Mädchen habe ich gesungen – es fühlte sich an wie Weinen. Wenn du weinst, löst sich etwas in dir. Etwas hat wehgetan, aber du hast das Gefühl rausgelassen. Singen ist, wie die Seele sprechen zu lassen. Du dringst zum Kern dessen vor, was du wirklich sagen möchtest. Sicher, viele Menschen singen, ohne mit ihrer Seele verbunden zu sein. Bei meinen Lieblingssängerinnen – Billie Holiday, Joni Mitchell, Aretha Franklin – kannst du die Seele sehen, wenn sie singen.
Courtney Marie Andrews: »Valentine« (Loose Future)
Konzerttermine: 8.3., Berlin, Lido; 9.3., Hamburg, Nochtspeicher
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