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Aus: Ausgabe vom 06.02.2026, Seite 10 / Feuilleton
Nachruf

Der letzte Tanz

Der beste Songwriter, von dem man nie gehört hatte: Zum Tod von Tucker Zimmerman
Von Frank Schwarzberg
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»Er ist einer der mitfühlendsten, herzlichsten und warmherzigsten Menschen überhaupt.« – Adrianne Lenker

»Tucker Zimmerman, ­Belgium«. Ein Brief an ihn hätte so unvollständig adressiert sein können und wäre doch angekommen. Ich sitze zu Hause und höre noch einmal das Transkript des Interviews von 2024 mit Tucker Zimmerman für diese Zeitung. Er liebt, höre ich, das abgeschiedene Leben mit seiner Marie-Claire in ihrer gemeinsamen Wahlheimat am Rand von Saint-Georges-sur-Meuse bei Liège, von Bäumen umgeben. Die Leute ließen ihn in Ruhe, aber wenn er Hilfe benötige, weiß er, sie wären für ihn da. Tucker spricht mit seinen damals 83 Jahren so begeistert von seiner Wahlheimat, wie man es einem Menschen nur wünschen kann.

Seine Leute waren für ihn da, am Morgen dieses 17. Januar, aber sie kamen zu spät. Sein Haus stand schon zu lange in Flammen. Zimmerman und seine Frau konnten nur noch tot geborgen werden. Er wurde 84 Jahre alt.

Ich kannte ihn lange nicht. David Bowie hatte 2003 erklärt, Zimmermans »Ten Songs« gehöre zu seinen Lieblingsalben, es war mir entgangen. Ebenso, dass Adrianne Lenker von Big Thief ihn 2024 in einem Interview mit dem Observer für einen Grammy empfahl: »Er hat einige der schönsten Songs aller Zeiten geschrieben – er schreibt auf John-Prine-Level. Er hatte viele einfache Jobs und ist einer der mitfühlendsten, herzlichsten und warmherzigsten Menschen überhaupt.«

Zimmerman nahm damals »Dance Of Love« (2024) auf, produziert von Big Thief. Die Band vertraute ihrer musikalischen Intuition, suchte aus den von ihm vorgeschlagenen Liedern zehn aus und probierte Arrangements, während er sang und seine zwölfsaitige Gitarre spielte. Es gab eine Seelenverwandtschaft der Musiker, die Alters- und biographische Differenzen mühelos überwand. Sie sprachen nicht viel darüber, aber sie fühlten es, sagte Zimmerman mir. Und dass er sich sonst nie dafür interessiert hatte, was nach Fertigstellung mit seinen Platten passierte. Diesmal war er sehr daran interessiert, gehört zu werden; er ergriff die Gelegenheit, ein neues bzw. überhaupt ein Publikum zu erschließen. Er gab Interviews, trat im Vorprogramm von Big Thief auf und dann Ende 2024 mit einem Trio um Zach Burba unter anderem auch in Berlin. Ein später Neuanfang.

Doch was für ein Leben, bis dahin schon. Kann man alles nachlesen (-sehen und -hören) auf seiner Website tuckerzimmerman.com. Er hat den Baseballsport nach Belgien gebracht. Unendlich viele und zeitlose Songs geschrieben. Seine warme Stimme. Seine Poesie, tiefempfunden, gütig, mitunter verspielt.

»You take care of your eyes, okay?« ruft er mir noch zu. Dann endet die Aufzeichnung. Mach’ ich, Mr. Zimmerman.

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