junge Welt - 2 Wochen gratis testen!
Gegründet 1947 Montag, 20. April 2026, Nr. 91
Die junge Welt wird von 3063 GenossInnen herausgegeben
junge Welt - 2 Wochen gratis testen! junge Welt - 2 Wochen gratis testen!
junge Welt - 2 Wochen gratis testen!
Aus: Ausgabe vom 20.04.2026, Seite 11 / Feuilleton
Ausstellung

Das verdrängte Verbrechen

»Der Holocaust – Was wussten die Deutschen?« Eine Ausstellung in der Berliner Topographie des Terrors über die Mitwisserschaft am Massenmord
Von Sabine Lueken
11.jpg
Schnäppchenjäger kamen auf ihre Kosten: Versteigerung jüdischer Besitztümer (bei Hanau, 1942)

»Wir haben nichts gewusst!« riefen die Bürger Weimars, als sie von US-General George S. Patton zwei Tage nach der Befreiung des KZ Buchenwald am 11. April 1945 gezwungen wurden, die dortigen Knochen- und Leichenberge zu besichtigen. Die überlebenden Häftlinge gerieten außer sich vor Wut. »Ihr habt es gewusst«, schrien sie. »Wir haben neben euch in den Fabriken gearbeitet. Wir haben es euch gesagt und dabei unser Leben riskiert. Aber ihr habt nichts getan!« So erinnert sich die US-Fotografin Margaret Bourke-White, die dabei war.

Dass die Deutschen über den Holocaust Bescheid wussten, ist seitdem bekannt. Historiker wie Frank Bajohr oder Dieter Pohl sprechen von einem »offenen Geheimnis«. Dass es eines war, wissen heute viele nicht mehr, wie etwa eine MEMO-Jugendstudie der Stiftung EVZ von 2023 zeigt. 80 Jahre Erinnerungskultur haben es vergessen lassen. Die es wussten, sind tot. Kinder und Enkel glauben: Oma und Opa haben nichts gewusst, sie waren auch keine Nazis, sondern im Widerstand oder zumindest im heimlichen Protest gegen den Staat, der diese Verbrechen beging.

Eine Ausstellung in der Berliner Topographie des Terrors widmet sich diesen Fragen: Was konnte man wissen? Was konnte man tun? Zunächst: Wer sind »die Deutschen«? Gemeint sind jene, die 1938 innerhalb der Grenzen des Deutschen Reichs – einschließlich Österreich und Sudetenland – lebten und weder Täter noch Verfolgte waren. (Knapp 80 Millionen, 95  Prozent waren Mitglieder einer der beiden christlichen Kirchen, 5,3 Millionen der NSDAP).

Die Ausstellung wählt einen differenzierenden Zugang ohne moralische Belehrung, zeigt eine Vielzahl von Quellen. Was machte die Naziregierung selbst publik? Auf Plakaten im öffentlichen Raum wurden »Juden« von Anfang an als Bedrohung gebrandmarkt, die Presse informierte über »Die Gesetze von Nürnberg« auf den Titelseiten. Zwangslager für ­Sinti und Roma, demütigende »Prangerumzüge« und die Hetze in Stürmer-Kästen ließen schon vor Kriegsbeginn erkennen, wie es weitergehen würde. Regelmäßig wurde ab 1935 das Eigentum der Enteigneten und Deportierten öffentlich versteigert – Schnäppchenjäger kamen auf ihre Kosten.

Ab Kriegsbeginn hetzte die Presse auch gegen die jüdische Bevölkerung im besetzten Polen. Die Berliner ­Illustrierte Zeitung, ein Blatt mit Millionenauflage, zeigte im Dezember 1940 Fotos aus dem Ghetto von Lublin: »Unser Berichterstatter begleitet ein Sonderkommando der Polizei.« Im November 1941 schrieb Joseph Goebbels in der Wochenzeitung Das Reich (Auflage 1,4 Mio.), »das Weltjudentum«, dem man die Schuld am Krieg gab, erlebe nun mit dem »allmählichen Vernichtungsprozess« sein verdientes Schicksal. Das war wörtlich zu nehmen. Ab Herbst 1942, als sich die Niederlage abzeichnete, konnte das Regime auf Komplizenschaft bauen, die Bevölkerung als Mitwisser in Haftung nehmen. »Das deutsche Volk weiß, daß die Brücken hinter ihm abgebrochen sind«, hieß es im November 1943 im Stuttgarter NS-Kurier. Die Furcht vor Rache sollte die Bevölkerung zum Durchhalten bewegen.

Parallel zum Krieg im Osten begannen auch im Reich systematische Morde: Ärzte und Pfleger töteten etwa 70.000 psychisch Kranke und Behinderte. In Hadamar, wo sich eine der sechs Gasmordanstalten befand, zog regelmäßig der Geruch von verbranntem Menschenfleisch durch die Stadt. Der Schreinermeister Wilhelm Reusch fotografierte heimlich die aufsteigende Rauchsäule aus dem Dachfenster seines Hauses, als er auf Heimaturlaub war. Wenn die Busse mit Patienten eintrafen, riefen Kinder auf der Straße: »Da werden wieder welche vergast.«

Ebenfalls vor aller Augen verhungerten und starben sowjetische Kriegsgefangene. Der Bürgermeister von Wietzendorf in der Lüneburger Heide, wo sich eines der größten Lager befand, erörterte mit seinem Vorgesetzten, ob die Umgebung zugänglich sein sollte. Man wolle nicht den Eindruck erwecken, etwas zu verbergen: »Es kann nichts schaden, wenn sich die Bevölkerung diese Tiere in Menschengestalt ansieht.«

Auf der Straße, im Zug, in der Kirche, am Arbeitsplatz – überall konnte man über den Holocaust etwas erfahren. Augenzeugenberichte von Soldaten auf Heimaturlaub, von Krankenschwestern im Osteinsatz, Andeutungen in Feldpostbriefen und trotz Verbots aufgenommene Fotos von Massenerschießungen machten das Wissen konkret. Der Schutzpolizist Karl Kretschmer, Mitglied einer mobilen Mordeinheit, schrieb am 27. September 1942 an seine Frau: »Der Anblick von Toten, darunter Frauen und Kinder, ist (…) nicht aufmunternd. Wir kämpfen aber (…) heute um Sein oder Nichtsein unseres Volkes (…) Ich kann dir sagen, soweit deutsche Soldaten stehen, gibt es keine Juden mehr. Dafür werden wir sorgen.«

Zwei Drittel aller Haushalte hatten ein Radio, sehr viele hörten zeitweise BBC und die Ansprachen Thomas Manns. Die Alliierten warfen zwischen 1942 und 1944 mehr als zehn Millionen Flugblätter über deutschen Städten ab, das markanteste stammte aus Großbritannien: In roten Lettern prangte »Massenmord«, es folgten Zahlen; andere Blätter zeigten Fotos des Grauens. Eines der wenigen gegenständlichen Exponate in der Ausstellung ist ein Rasierer mit Geheimfach, in dem vermutlich Mikrofilme aus Polen nach London geschmuggelt wurden.

Direkte Kontakte mit Verfolgten gab es am Arbeitsplatz, etwa mit jüdischen Zwangsarbeitern. Firmen unterhielten Zweigstellen in den besetzten Gebieten. Der Ingenieur Hermann Gräbe rettete in Zdołbunów/Wolynien 73 für die Firma Jung aus Solingen arbeitende Juden vor der Erschießung. Die Berliner Ofenbaufirma Kori GmbH belieferte über 30 Konzentrations- und Vernichtungslager mit »Einäscherungsöfen« und pries deren besondere Effizienz.

An drei Beispielen zeigt die Ausstellung, was man wissen konnte, wenn man es wollte. Die Sozialdemokratin Anna Haag schrieb regelmäßig Tagebuch, das sie aus Angst vor Denunziation im Kohlenkeller versteckte. Karl Dürkefälden, »kriegswichtiger« Konstrukteur in einer Maschinenfabrik in Celle, kombinierte wie sie Augenzeugenberichte und Zeitungsartikel aus verschiedenen Quellen und prüfte sie auf ihren Wahrheitsgehalt. Paulheinz Wantzen, Schriftleiter der Münsterschen Zeitung, befürwortete als überzeugter Nationalsozialist die antisemitische Nazipolitik bis zum Schluss. Am 22. April 1945 notierte er anlässlich der Alliiertenberichte über Buchenwald und Belsen: »Ich kann es einfach nicht glauben! Alles in mir sträubt sich dagegen. Und ich werde nur schwer zu überzeugen sein.«

Die Ausstellung zeigt: Der Holocaust war kein Geheimnis, sondern ein weithin sichtbares, verdrängtes Verbrechen. Die Ausgrenzung der jüdischen Nachbarn war den meisten recht, viele profitierten davon. Hatten »die Deutschen« eine Mitverantwortung? Wer die Verbrechen erkannte, fühlte sich oft hilflos, so wie Anna Haag. Bis Kriegsbeginn war der Terrorapparat so etabliert, dass Protest oder Hilfe nur unter Lebensgefahr möglich war. Die Lehre aus der Ausstellung ist klar: »Wehret den Anfängen!« Gleichzeitig wird deutlich: Man konnte es wissen – man wollte es nicht wissen.

»Der Holocaust – Was wussten die Deutschen?« Topographie des ­Terrors. Bis 31. Januar 2027

Katalog Deutsch-Englisch. Berlin 2026, 18 Euro

Probeabo

Sie lügen wie gedruckt. wir drucken, wie Sie lügen.
Jetzt 2 Wochen gratis lesen – das Probeabo endet automatisch!
 

links & bündig gegen rechte Bünde

Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.

Dieser Artikel gehört zu folgenden Dossiers:

Ähnliche:

  • Wo findet man ein neues Zuhause? »Displaced Persons«
    27.01.2026

    Vorschlag

    Damit Ihnen das Hören und Sehen nicht vergeht
  • Als »Zigeuner-Mischlinge« stigmatisierte und verfolgte Sinti aus...
    11.11.2025

    Typisch deutsche Kleinstadt

    Ein Ausschnitt aus der Geschichte der Sinti-Minderheit und ihrer Verfolgung am Beispiel Berleburg. Zeitgeschichte in einer landschaftlichen Nussschale
  • Yva: Danse, ausgestellt beim 1. Pariser Salon der Aktfotografie ...
    02.08.2025

    Der schöne Schein

    Die Berliner Fotografin Yva, Else Ernestine Neulaender-Simon (1900–1942), gibt bis heute Rätsel auf

Regio:

Mehr aus: Feuilleton