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Venezuela

Ausverkauf in Caracas

Venezolanische Interimsregierung beschließt unter US-Druck Gesetze zur wirtschaftlichen Öffnung. Westliche Öl- und Bergbaukonzerne gehen auf Beutezug

Foto: Ariana Cubillos/AP/dpa
Erst am Montag unterzeichnete die Interimspräsidentin ein weiteres Abkommen mit dem US-Ölriesen Chevron (Caracas)

Venezuelas Wirtschaft wird zum Selbstbedienungsladen des US-Monopolkapitals. Drei Monate sind seit dem militärischen Überfall auf Caracas und der Verschleppung von Staatspräsident Nicolás Maduro in die USA vergangen. Die US-Regierung unter Donald Trump hält Interimspräsidentin Delcy Rodríguez die Pistole an die Schläfe, und unter diesem Druck bereitet sie dem Ausverkauf von Öl, Gold und strategischen Rohstoffen den Weg. Die Beute sichern sich Chevron, Shell und andere internationale Konzerne. Innerhalb weniger Wochen hat die von Rodríguez umgebaute Regierung mehrere Gesetze auf den Weg gebracht, die den Öl-, Gas- und Bergbausektor des Landes für ausländische Investoren öffnen. Die USA danken es, getreu dem Motto »Zuckerbrot und Peitsche«, durch teilweise Lockerungen ihrer Finanzsanktionen.

Schon Ende Januar hatte Caracas eine Reform des »Organischen Kohlenwasserstoffgesetzes«, das den Ölhandel regelt, verabschiedet. Ausländischen Konzernen werden weitgehende Zugriffe ermöglicht. Private Unternehmen dürfen nun die operative Kontrolle in Gemeinschaftsprojekten mit dem Staat übernehmen, Öl eigenständig vermarkten und Gewinne flexibler transferieren – ohne Mehrheitsbeteiligung des staatlichen Ölkonzerns PDVSA. Förderabgaben und Steuersätze wurden gesenkt, weitere Vergünstigungen angekündigt.

Besonders profitiert davon der US-Konzern Chevron, der sich den Förderblock »Ayacucho 8« im strategisch wichtigen Orinoco-Gürtel sicherte und neue Rechte zur Förderung von extraschwerem Rohöl in dem Gebiet erhalten soll. Am Montag unterzeichnete ­Rodríguez entsprechende Vereinbarungen mit ­Chevron, das zugleich seinen Anteil am Gemeinschaftsunternehmen Petroindependencia auf 49 Prozent aufstocken durfte. »Chevron konzentriert nun die größte Produktion des Landes«, frohlockte ein Manager. Mit einem erwarteten Produktionsanstieg um 50 Prozent binnen zwei Jahren wird der US-Energieriese zum eigentlichen Souverän über Venezuelas schwarzes Gold. Das britische Unternehmen Shell sicherte sich dafür das gigantische Offshoregasfeld Loran sowie die Ölfelder Carito und Pirital.

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Die venezolanische Interimsregierung argumentiert, durch die wirtschaftliche Öffnung würden Investitionen ins Land geholt und die Produktion gesteigert werden. Allerdings fließen sämtliche Einnahmen aus den Öl- und Gasgeschäften auf Konten, die von der US-Sanktionsbehörde verwaltet werden. Zahlreiche Transaktionen bleiben genehmigungspflichtig. Caracas darf nur nach Genehmigung eines »Haushaltsantrags« über kümmerliche Restbeträge verfügen – und selbst die sind zweckgebunden für Importe aus den USA. Faktisch hat Washington damit die Staatskasse unter Zwangsverwaltung gestellt.

Noch weiter reicht ein am Donnerstag vergangener Woche von der Nationalversammlung einstimmig verabschiedetes neues Bergbaugesetz. Es fegt die unter Hugo Chávez eingeführten Schutzmechanismen für die strategischen Reserven an Gold, Coltan, Bauxit und seltenen Erden vom Tisch. US-amerikanische und kanadische Bergbaukonzerne können nun Konzessionen für bis zu 50 Jahre erwerben. Die Förderabgabe ist auf lächerliche 13 Prozent gedeckelt, Streitigkeiten werden vor internationalen Schiedsgerichten fernab venezolanischer Jurisdiktion ausgefochten.

Regierungsvertreter preisen das Gesetz als »Motor« für »künftigen Wohlstand« an, doch Kritiker warnen vor den erheblichen Risiken. Die rohstoffreichen Regionen im Süden des Landes werden von bewaffneten Gruppen beherrscht. Die Vereinten Nationen prangern in Berichten Umweltzerstörung und die Verletzung von Menschenrechten im Zusammenhang mit dem illegalen Bergbau in der Gegend an.

Eine am Dienstag von der US-Regierung beschlossene Lockerung von Sanktionen, die gegen das staatliche venezolanische Bankensystem einschließlich der Zentralbank verhängt worden waren, ist da nichts weiter als ein vergiftetes Lockmittel. Es dient de facto als Demonstration der Druckmittel, die Washington zu Gebote stehen: Der Regierung in Caracas wird gerade so das nackte finanzielle Überleben zugestanden, solange die neoliberale »Marktöffnung« des Landes vorangetrieben wird.

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Erschienen in der Ausgabe vom 16.04.2026, Seite 8, Kapital & Arbeit

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→ Leserbriefe
  • Istvan Hidy aus Stuttgart 16. Apr. 2026 um 10:17 Uhr
    Der Artikel ist in seiner Kritik an externer Einflussnahme gut begründet: Wenn die wirtschaftliche Öffnung Venezuelas unter starkem Druck der USA erfolgt und ausländische Konzerne wie Chevron oder Shell überproportional profitieren, kann man das als problematisch für Souveränität und faire Entwicklung bewerten. Auch die Verknüpfung von Sanktionserleichterungen mit politischen und wirtschaftlichen Bedingungen ist kritisch zu sehen. Gleichzeitig verzerrt der Artikel die Lage durch seine einseitige Darstellung. Er blendet interne Ursachen der Krise weitgehend aus, etwa die wirtschaftliche Entwicklung unter Nicolás Maduro und Hugo Chávez, obwohl Venezuela eine der schwersten Wirtschaftskrisen der modernen Geschichte durchlaufen hat, mit massivem Einbruch der Wirtschaftsleistung und weit verbreiteter Armut. Dadurch erscheint das Land ausschließlich als passives Opfer äußerer Kräfte. Zudem ersetzt der Text Analyse durch polemische Sprache (»Beutezug«, »Selbstbedienungsladen«) und vereinfacht komplexe wirtschaftliche und geopolitische Zusammenhänge stark. Er mischt reale Entwicklungen mit einer klar antiwestlichen Deutung und verstärkt diese durch emotionalisierte Darstellung. Insgesamt ist die moralische Kritik am Einfluss externer Akteure nachvollziehbar, doch der Artikel verliert an Glaubwürdigkeit, weil er zentrale Gegenfaktoren – insbesondere die tiefgreifende interne Krise und die schwierige Lebensrealität der Bevölkerung – ausblendet und seine Argumentation einseitig zuspitzt.
  • Reinhard Hopp aus Berlin 16. Apr. 2026 um 09:12 Uhr
    Die sich vor Jahrhunderten vom Westen über den ganzen Globus ausbreitende koloniale Unterdrückung und Ausbeutung fremder Völker, Plünderung deren Länder und Zerstörung deren Kulturen, hat sich bis in unsere Gegenwart ununterbrochen fortgesetzt und ein Ausmaß erreicht, das alles bisherige noch übersteigt.
  • Onlineabonnent*in Andreas E. aus S. 15. Apr. 2026 um 22:04 Uhr
    Wenn man dieses Bild von Delcy Rodríguez sieht, sieht man die Pistole an der Schläfe. Hat der wahnsinnige Typ in Washington seinen Finanziers die Pfründe gesichert? Es scheint so. Den Preis zahlen die Millionen Bewohner der Bajeros in Venezuela, die unter Hugo Chávez und Nicolás Maduro Stück für Stück aus dem Elend von imperialistischer Ausbeutung und Unterdrückung kamen. Die bolivarische Revolution scheint tot zu sein, aber ich erinnere an eine der Aussagen von Nicolás Maduro vor dem US-amerikanischen Gericht (sinngemäß): Man kann Vietnam und Venezuela schon in einem vergleichen – beide beginnen mit »V«. Und ich hoffe sehr, dass sich das venezolanische Volk dessen besinnt. Ich denke und hoffe, dass das venezolanische Volk sich hinter dem Andenken von Simón Bolívar zusammenfindet und dem imperialistischen Feind seine Kraft entgegenwirft – wie auch in Kuba muss der Schlachtruf lauten: »Patria o muerte« – »Vaterland oder Tod«. Meine Solidarität hat auch dieses Volk.
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