Friss oder stirb
Von David Siegmund-Schultze
Am 3. Januar, dem Tag der Entführung von Venezuelas Präsident Nicolás Maduro und seiner Ehefrau Cecilia Flores, habe Washington den verbliebenen Schlüsselpersonen der Regierung in Caracas ein Ultimatum gestellt: Für die Entscheidung, sich den US-Forderungen zu beugen, »haben sie uns 15 Minuten gegeben, sonst würden sie uns töten«, sagte Übergangspräsidentin Delcy Rodríguez bei einem Treffen eine Woche nach den Luftangriffen gegen das Land. Kommunikationsminister Freddy Ñáñez hatte eine Aufnahme von Rodríguez’ Worten auf einer Konferenz mit Journalisten abgespielt, ein Video davon wurde vergangene Woche veröffentlicht. Die Drohungen gegen Innenminister Diosdado Cabello, Kongresspräsident Jorge Rodríguez und seine Schwester Delcy hätten »von der ersten Minute an begonnen, als sie den Präsidenten gekidnappt haben«, ist die Interimsstaatschefin zu hören.
Aus Kreisen der US-Regierung wurden zuletzt Behauptungen laut, die eine andere Sicht auf den 3. Januar suggerieren: US-Offizielle sagten gegenüber dem Guardian, dass sich Rodríguez bereits vor dem Tag in Gesprächen mit Washington als Alternative zum Präsidenten in Stellung gebracht habe. Ebenfalls auf Quellen in der US-Regierung basierend, meldete Reuters, dass Cabello schon Monate zuvor im Kontakt mit den USA gestanden habe. Beide widersprachen den Berichten vehement.
Mit ihren jüngsten Entscheidungen scheint die venezolanische Übergangsregierung sowohl der Opposition als auch Washington entgegenzukommen. 808 Menschen seien in den vergangenen Wochen freigelassen worden, erklärte Innenminister Cabello am Montag. Darunter waren auch Personen, die aus politischen Gründen inhaftiert worden waren. Reuters meldete gleichentags, dass der Mitte Januar verkündete Verkauf venezolanischen Öls unter US-Schirmherrschaft nun in die Tat umgesetzt wird. Das Parlament in Caracas hat am Donnerstag außerdem ein Gesetz in erster Lesung gebilligt, das die Ölförderung für ausländische Konzerne öffnen soll.
Einiges deutet jedoch darauf hin, dass auch Maduro diesen Kurswechsel vollzogen hätte. Nur wenige Tage vor seiner Entführung – nachdem der Druck aus Washington monatelang immer stärker geworden war –, sagte er: »Wenn sie Öl wollen, ist Venezuela bereit für US-Investitionen wie im Fall von Chevron, wann immer sie wollen, wo immer sie wollen und wie immer sie wollen.« Auch Ñáñez sagte auf der Konferenz: »Öl an die USA zu verkaufen war schon immer unser Plan.« Hinter der Rationalität der völkerrechtswidrigen US-Aggression bleiben daher Fragezeichen. Widersprüchlich ist auch, dass Washington noch immer Öltanker in der Karibik kapern lässt – nach dem 3. Januar waren es ganze vier –, obwohl Trump stets verkündet, Rodríguez tue genau, was er selbst wolle.
Der US-Präsident begründete die Luftangriffe auf Venezuela damit, er wolle »Land, Ölrechte und alles, was sie von uns gestohlen haben, zurückbekommen«. Die US-Ölriesen reagierten jedoch auffällig zurückhaltend auf seine Forderung, wieder in dem Land zu investieren, das sich im Zuge der Bolívarischen Revolution seine Energiesouveränität hart gegen Washington erkämpft hatte. Trump verlangt, dass die Energiemultis 100 Milliarden US-Dollar in die Hand nehmen – doch angesichts der niedrigen Ölpreise und der hohen Förderungskosten des sehr schweren venezolanischen Öls scheint sich eine solch enorme Investition für die Konzerne nicht zu rentieren.
Ein entscheidendes Hindernis für die Rückkehr der US-Energiekonzerne ist außerdem hausgemacht: die noch immer geltenden Wirtschaftssanktionen gegen Venezuela, die das Land in eine tiefe Krise gestürzt haben. Caracas unterliegt mehr als 400 ökonomischen Strafmaßnahmen, wie die New York Times (NYT) am Freitag berichtete. Allein die staatliche Ölgesellschaft PDVSA nach Informationen über den Zustand der Ölinfrastruktur zu fragen könne die Konzerne in rechtliche Schwierigkeiten bringen, sagte NYT zufolge ein Branchenvertreter bei einem Treffen im Weißen Haus diesen Monat. Besonders die erst vor kurzem beschlossene Aufnahme von venezolanischen Regierungsmitgliedern auf Terrorlisten stelle die Unternehmen demnach vor Probleme – die Verantwortlichen riskieren dadurch nicht nur Geld-, sondern gar Gefängnisstrafen.
Friedenspropaganda statt Kriegsspielzeug
Mit dem Winteraktionsabo bieten wir denen ein Einstiegsangebot, die genug haben von der Kriegspropaganda der Mainstreammedien und auf der Suche nach anderen Analysen und Hintergründen sind. Es eignet sich, um sich mit unserer marxistisch-orientierten Blattlinie vertraut zu machen und sich von der Qualität unserer journalistischen Arbeit zu überzeugen. Und mit einem Preis von 25 Euro ist es das ideale Präsent, um liebe Menschen im Umfeld mit 30 Tagen Friedenspropaganda zu beschenken.
links & bündig gegen rechte Bünde
Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.
Ähnliche:
REUTERS/Leonardo Fernandez Viloria20.01.2026Realpolitik in Caracas
Mehr aus: Ausland
-
Ohne Kommentar
vom 28.01.2026 -
Verharmlosen deutsche Medien Dschihadisten?
vom 28.01.2026 -
Algier und Paris streiten wieder
vom 28.01.2026 -
Sorge vor Wiederaufleben des IS
vom 28.01.2026 -
Die stille Zerstörung
vom 28.01.2026 -
Ein kleiner Sieg im Sudan
vom 28.01.2026