Südlibanon auf sich allein gestellt
Von Karin Leukefeld
Während Israel die Bevölkerung des Südlibanon weiter mit Bomben und Drohungen vor sich herjagt, versucht sich die Regierung in Beirut in Routine. Ministerpräsident Nawaf Salam prüfe »die laufenden Gespräche zur Beendigung des Krieges«, zitierte die libanesische Nachrichtenagentur NNA am Dienstag Informationsminister Paul Morcos. Mit wem gesprochen wird, blieb dabei unklar. Weiter werde über die Sicherheitslage sowie über den Bedarf an Unterkünften und Hilfsgütern geredet.
Konkret stellte Innenminister Ahmad Al-Hajjar demnach Koordinierungsmaßnahmen hinsichtlich von Patrouillen und Kontrollpunkten vor, um Verkehrsstaus zu verringern und die allgemeine Verkehrssicherheit zu erhöhen. Verteidigungsminister Michel Menassa überprüfe die Truppenstationierungen in Beirut. Die Verwaltung sei mit der Sicherung von Notunterkünften und Aufnahmezentren in Schulen befasst und bekämpfe den Preisanstieg. Landwirtschaftsminister Nisar Hani soll nach Angaben der Agentur in den Norden des Landes fahren, um in Akkar die Eröffnung der Landwirtschaftssaison 2026 zu verkünden. Angesichts der umfassenden Zerstörung und Vertreibung im Süden des Landes dürfte die Fahrt des Ministers viele Leute verärgern.
Seit Israel mit der Ende November 2024 vereinbarten Waffenruhe seine Angriffe auf den Libanon nicht einstellte und mehr als 10.000mal angriff, haben Hunderttausende Menschen ihre Lebensgrundlagen verloren, ohne dass die Regierung ihnen Schutz, Ausgleichszahlungen oder neue Häuser angeboten hat. In vielen Beiträgen haben Journalisten über die Enttäuschung und den Zorn der betroffenen Bevölkerung berichtet, die der Regierung vorwarf, die Libanesen mit zweierlei Maß zu messen.
Die Angriffe Israels richteten sich gegen die Schiiten, so Gesprächspartner in Beirut gegenüber jW. Schiiten leben traditionell – oft in enger Nachbarschaft mit Christen – im Süden des Landes, wo sie viele Male seit 1948 von Israel angegriffen und vertrieben wurden. Die so Vertriebenen fanden häufig Zuflucht in palästinensischen Flüchtlingslagern, die ebenfalls von Israel angegriffen wurden. Viele schiitische Familien aus dem Südlibanon siedelten sich dann im Süden Beiruts an, wo sie nun erneut angegriffen und vertrieben werden.
Zum israelischen Plan, die Lebensgrundlage der südlibanesischen, zumeist schiitischen Bevölkerung zu zerstören, gehört auch, die Schiiten im Libanon von anderen Teilen der Gesellschaft und untereinander zu spalten. Von Israel und seinen Partnern, auch Deutschland, werden Organisationen, Geschäftsleute, Aktivisten und eine im Oktober 2023 gegründete schiitische Partei – die Taharror-Bewegung – im Libanon gefördert, die gegen die Hisbollah auftreten und diese als »Marionetten des Iran« diffamieren. Libanesen, die Iran als das größere Übel für Libanon ansehen, schließen sich diesen Gruppen an oder unterstützen sie.
Übersehen wird dabei allerdings, dass die Hisbollah nicht nur mit Amal, der anderen großen schiitisch dominierten Partei, verbündet ist. Sie wird auch von Libanesen quer durch die Gesellschaft unterstützt, weil sie – im Gegensatz zu wankelmütigen Regierungen und der schwach gehaltenen libanesischen Armee – gegen das zionistische Siedler- und Expansionsprojekt Israel und für die Souveränität Libanons in eigenen Grenzen kämpft.
Die gezielten israelischen Angriffe auf die zivile Infrastruktur, Ackerflächen, Plantagen, Höfe, Dörfer und Wohngebiete im südlichen Libanon werden von Beobachtern auch als Vorbereitung einer militärischen Besatzung gewertet, die Israel immer wieder angekündigt hat. Die Angriffe auf die medizinische Infrastruktur sollen den Süden für die Bevölkerung unbewohnbar machen. Viele Gesundheitszentren und fünf Kliniken waren wegen wiederholter Angriffe gezwungen, ihre Arbeit einzustellen; Patienten mussten evakuiert werden. Mehr als 1,2 Millionen Vertriebene bedeuten für andere Kliniken und Gesundheitszentren in Beirut und im Norden des Landes eine zusätzliche Belastung, sagte ein Arzt, der anonym bleiben möchte, dem Nachrichtensender Al-Dschasira. Chronisch oder schwerkranke Patienten benötigten tägliche Behandlungen wegen Diabetes, postoperativer Versorgung oder Chemotherapie. Hinzu kämen die vielen Verletzten. Und sie werden täglich mehr.
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