Blutige Mäuler
Von Pierre Deason-Tomory
Der Berliner Privatsender 104.6 RTL sucht einen neuen Moderator für seine Frühsendung. Arno Müller wird am 26. Juni 2026 nach knapp 35 Jahren seinen letzten Arbeitstag als »Morning Show Host« und Programmdirektor abstempeln. Er hat das Hitradio am Ku’damm 1991 quasi erfunden und nach überseeischen Vorbildern zu einem nahezu perfekt produzierten seelenlosen Programm geformt, das Schule machte. Müller selbst, zuvor fünf Jahre lang Morgen-DJ bei Radio Gong in Nürnberg, avancierte zum genreprägenden Showmaster im Berliner Äther der »Nachwendezeit«, beschenkt mit enormer Disziplin und einer göttlichen Stimme, die er als junger Kerl am Mikrofon geschliffen hat, »bis mir das Blut aus dem Maul lief«.
Einmal haben es »Arno und die Morgencrew« bundesweit in die Schlagzeilen geschafft. Am 14. März 1999 sendeten sie einen Telefonscherz: Ein gewitzter Praktikant hatte als falscher Bundespräsident Herzog beim echten Kanzler Schröder angerufen. Und der war ihm auf den Leim gegangen und stotterte herum, er wisse auch nicht, warum der Lafontaine drei Tage zuvor zurückgetreten sei. Schröder war blamiert, der Skandal groß, der Geschäftsführer wurde gefeuert, Arno blieb unangetastet. Und ein Phantom, der Mensch Müller, meidet die Öffentlichkeit, hinterlässt im Netz keine Spuren.
Als Chef erlebte ich ihn 1995/96, er wurde von allen auf der Etage gefürchtet, von nicht wenigen verehrt. Mich hat er gut behandelt, immer. Hat mich angeheuert, als ich abgerissen in der Türe stand, gerade beim Talkradio nebenan abgewiesen. Dabei passte ich null in seinen Laden. Ich gab Widerworte, brach die Regeln, bespritzte ihn (unabsichtlich) mit Cola, und er? Beförderte mich zum Nachmittags-DJ. Arno ist hart im Nehmen. Am Ende hat er von 1986 bis 2026 Morgenradio durchgezogen, irre vierzig Jahre lang, und, wenn alles gutgeht, kommt er da tatsächlich noch lebend raus. Er hat es uns allen gezeigt.
Damit zu den größten Hits der Kulturradios: Peter Wawerzinek lässt sich im Ostseehörspiel »Das Meer an sich ist weniger« von der Bolschewistischen Kurkapelle Schwarz-Rot begleiten (DLF 2000, Di., 20.05 Uhr, DLF). In den »Querköpfen« hält die Berliner Lesebühnenschnauze Ahne (ohne Morgencrew) »Zwiegespräch mit Gott und dem Rest der Welt« (Mi., 21.05 Uhr, DLF). Helgard Haug hat den »Ko-ko-ko-ko-kollaps« vertont nach dem Stück »Ever Given« von Rimini Protokoll (WDR 2025, Do., 22.05 Uhr, DLF Kultur). Und Christoph Waltz zuckt als Börsenzocker im Hörspiel »Erreger« von Albert Ostermaier (BR 2001, Fr., nach 20.30 Uhr, Bayern 2).
Für aus dem Bett Gefallene bringt DLF Kultur am frühen Samstagmorgen »Eine historische Radiorevue«, Originaltöne der Jahre 1956 bis ’61, collagiert vom vormaligen Titanic-Kapitän Lionel van der Meuylen (DLF 1989, 5.05 Uhr). Abends teast Ö 1 mit Kabarett und Oper: Dieter Chmelar und Joesi Prokopetz geben mit »Für und Zwider« ihr zweites Programm (Sa., 19.05 Uhr), im Anschluss wird live in der Wiener Staatsoper Alban Bergs »Wozzeck« verhandelt (Sa., 20 Uhr).
In der neuen Ausgabe von »Essay und Diskurs« von Mathias Greffrath entwerfen ein Intendant, ein Redakteur, ein Bonze und ein Laberkopf »(K)ein Planspiel zur radikalen Reformation des Radios«; es fehlt, aber hört, der Hörer (So., 9.30 Uhr, DLF). Das Feature »Unsere Asche wird weiter brennen« erinnert an die Nazimorde vor 30 Jahren in Lübeck (DLF 2025, So., 13.04 Uhr, Mo., 20.03 Uhr, WDR 5) und SWR Kultur entlässt uns mit freudiger Botschaft: »Der Weltuntergang findet nicht statt«; jedenfalls nicht im Hörspiel von Ria Endres (SWF 1997, So., 18.20 Uhr).
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