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Aus: Ausgabe vom 02.04.2026, Seite 3 / Ansichten

Klassenkämpfer des Tages: Italiens Strandrentner

Von Luca von Ludwig
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Hier wird noch von einer klassen-, ergo vermieterlosen, Gesellschaft geträumt

In vielem sind Italiener und Deutsche sich ähnlich, sei es die Liebe zum Fußball, zu Spaßgetränken auf Basis vergorenen Ernteguts oder zu politischen Innovationen aus der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. Auch das Liegen am Strand steht in beiden Nationen hoch im Kurs.

Allerdings sind die Deutschen bei dieser Angelegenheit eher simpel gestrickt und beschränken sich darauf, ihr Revier am Ozeanrand mittels Handtuch zu markieren. Während man sich an der Ostsee noch mit dieser Form der primitiven Sonnenplatzakkumulation herumschlägt, wurde am Mittelmeer bereits eine höhere Entwicklungsstufe erreicht und das sandige Reproduktionsmittel weithin in Warenform überführt. Über die Hälfte der 7.500 Strandkilometer im Lande gehören Privatleuten, die für die Benutzung ordentliche Mieten verlangen.

Ein Seniorenpaar aus dem italienischen Pescara bekam nun jüngst die Kündigung für ihren fast 50 Jahre lang dauerreservierten Platz in einem dergestalt durchrationalisierten Strandabschnitt ausgesprochen. Die 4.000 Euro Jahresmiete reichten den Eigentümern nicht mehr, man wolle sich fortan auf »junge Leute« konzentrieren, die ihr Geld auch an der Bar lassen würden.

Die Rentner gingen auf die Barrikaden – sprichwörtlich, Sie verstehen, die Hüfte. Kann man nachvollziehen, günstiger als ein Bett im Pflegeheim dürfte der Strand allemal sein. Durch einen Shitstorm in der Lokalpresse (dem Seniorenequivalent zum gewerkschaftlichen Arbeitskampf) konnten sie ein sozialpartnerschaftliches Friedensangebot erzwingen. Der Betreiber bot ihnen einen neuen Platz in der vierten Reihe an. »Das war ein Flecken Erde, schlimmer als ein Loch«, war allerdings die Antwort der betagten Frau.

Da bleibt den Senioren wohl nur der Guerillakampf. Und als neue Urlaubsdestination bleiben nur die Berge. Aber die sind ja bekanntlich eh die besten Freunde des Partisanen. Bella ciao!

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