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Aus: Ausgabe vom 02.04.2026, Seite 3 / Ausland
Cadmiumbelastung in Frankreich

Welche Gefahr geht von dem Schwermetall aus?

Frankreich: Die Lebensmittelaufsicht hat Alarm geschlagen wegen hoher Cadmiumwerte in Weizenprodukten, berichtet Camille Dorioz
Interview: Gitta Düperthal
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Wandelnde Lebensgefahr: Frankreichs Präsident Macron neben einem Menschen im Maiskolbenkostüm auf der 62. Internationalen Landwirtschaftsmesse (Paris, 21.2.2026)

Warum ist Foodwatch in Frankreich besorgt über hohe Cadmiumwerte in Düngemitteln und folglich auch in Lebensmitteln?

Cadmium ist ein Schadstoff, der als krebserregend und reproduktionstoxisch eingestuft wird. Die hohe Belastung damit in Frankreich ist bedingt durch verbreitete großflächige industrielle Landwirtschaft. Besonders beim Getreideanbau sind häufig derart phosphathaltige Düngemittel eingesetzt. Der Stoff reichert sich im Boden an, gelangt in unsere Lebensmittel. Berichte der französischen Agentur für Lebensmittel-, Umwelt- und Arbeitsschutz, ANSES (Agence nationale de sécurité sanitaire de l’alimentation, de l’environnement et du travail, jW), der letzten Jahre zeigen: Die französische Bevölkerung ist dem zu stark ausgesetzt. Hauptquelle sind Lebensmittel, die zu mehr als 90 Prozent kontaminiert sind. Individuell können sich Verbraucherinnen und Verbraucher nicht schützen. Wir brauchen kollektive Maßnahmen, um die Verseuchung der Böden zu beseitigen: strengere Vorschriften. Daran arbeiten wir.

Welche gesundheitlichen Probleme verursacht das in der Bevölkerung?

Wissenschaftler weisen auf einen Zusammenhang zwischen Cadmiumbelastung und Bauchspeicheldrüsenkrebs hin, der in Frankreich häufiger auftrete als in anderen sogenannten entwickelten Ländern. Diese Risiken machen es dringend erforderlich, die Belastung in unserer Ernährung zu reduzieren. Die ANSES mahnte schon 2019 schnelles, sofortiges Handeln der Behörden an. Dass keine Maßnahmen erfolgten, muss uns beunruhigen.

Nach der »Esteban-Studie« von 2021 der staatlichen Gesundheitsorganisation Santé Publique France ist die bei französischen Kindern über die Nahrung aufgenommene Cadmiummenge viermal so hoch wie bei deutschen. Wie kann das sein?

Die Frage können nur Behörden beantworten. Zwar muss man die Methoden und Bewertungen vergleichen, aber Frankreich hat eine Ausnahmegenehmigung für den Cadmiumgehalt in Düngern beantragt: 90 statt 60 Prozent! Das könnte die Belastung von französischen Böden, damit auch von Lebensmitteln, erklären.

Nutzt denn die ökologische Landwirtschaft weniger phosphathaltige Düngemittel als die konventionelle?

Tendenziell verwenden Ökohöfe weniger davon. Aber sie setzen mineralische, nichtchemische Düngemittel auf Basis von Phosphatgestein ein, die Böden ebenso mit Cadmium belasten. Sie sind in die Regulierung einzubeziehen.

Die französische Bevölkerung geht häufig aus Protest gegen die Regierung auf die Straße – auch im Fall der Gesundheitsrisiken?

Klar ist die Empörung groß, vor allem wenn es um die Gesundheit der Kinder geht; vorrangig zeigt sich das in Medien und sozialen Netzwerken. Verbraucherorganisationen wie wir und engagierte französische Abgeordnete wie Benoît Biteau – selbst Landwirt, Agrarwissenschaftler und Politiker der Fraktion der Grünen im EU-Parlament – machen das Thema bekannt. Öffentlicher Druck könnte Regierung und Parlament zwingen, ein neues Gesetz zu verabschieden.

Rechte Kräfte spielen Umweltprobleme oft herunter, statt sie zu lösen. Wie gehen Sie damit um?

Tatsächlich drängen Kräfte von der Mitte bis zu den extrem Rechten in der Nationalversammlung auf das industrielle Agrarmodell. Sie verabschiedeten im Sommer 2025 das Duplomb-Gesetz (benannt nach Senator Laurent Duplomb der Partei Les Républicains. Es scheiterte im Juli 2025 aufgrund verfassungsrechtlicher Bedenken, passierte aber später geringfügig verändert das Parlament, jW). Mehr als eine Million Französinnen und Franzosen lehnten es in einer Petition ab, weil es die Zulassung gefährlicher Pestizide verlängert, dazu beiträgt, Viehzuchtbetriebe auszuweiten und riesige Bewässerungsbecken dafür anzulegen. Wir müssen den Druck auf politische Entscheidungsträger erhöhen, um die von der ANSES empfohlenen Gesundheitsstandards zu erreichen.

Gibt es diese Gesundheitsrisiken durch Cadmium so auch in anderen Ländern?

Zwar ist die Belastung in Frankreich höher, doch auch andere Länder haben das Problem. Angesichts der Gefährlichkeit des Stoffes ist eine strengere Regulierung für die öffentliche Gesundheit überall notwendig.

Camille Dorioz ist Kampagnenleiter der Organisation Foodwatch in Paris

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