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Aus: Ausgabe vom 31.03.2026, Seite 15 / Natur & Wissenschaft
Psychologie

Psychiater entdecken Umwelt

Eilmeldung: Lebensbedingungen haben Einfluss auf die mentale Verfassung. Der diagnostische Leitfaden psychischer Störungen soll überholt werden
Von Max Grigutsch
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Klinikum am Urban in Berlin (5.10.2011)

Im Jahre 1952 schrieben auserkorene Fachleute ihre Weisungen erstmals in einer heiligen Schrift nieder, die da »Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders« (DSM) heißen sollte. Der »diagnostische und statistische Leitfaden psychischer Störungen« ward zur Bibel der Psychiatrie. Jüngst überkam die Verfasser die Erleuchtung in aktualisierter Form. Ihnen dämmert nun: Die psychische Gesundheit der Menschen hängt auch von sozioökonomischen und kulturellen Faktoren ab. Wer arm ist, weiß das schon länger. Aber diese und weitere für die Spezialisten bislang unbekannte Einsichten sollen in eine Neuauflage des DSM integriert werden, wie die herausgebende American Psychiatric Association (APA) Ende Januar mitteilte.

»Das DSM hat sich in der Vergangenheit eher auf die Symptomatik und die diagnostischen Kriterien psychischer Störungen konzentriert als auf weiter gefasste Zusammenhänge wie sozioökonomische, kulturelle und umweltbedingte Gesundheitsfaktoren sowie Intersektionalität«, hieß es im entsprechenden Text einer fünfgliedrigen Artikelreihe im American Journal of Psychiatry. Mehrere »Strategien« zur Eingliederung dieser Einflüsse sind dort angeführt, die bis dato allerdings eher wie die Ausgeburt einer eilig zusammengesetzten Seminarpräsentation anmuten als wie ein Resultat der Arbeit einflussreicher Psychiatrieapostel. Als »hybrides Diagnosemodell« wird zum Beispiel das allzu einfache Vorgehen bezeichnet, bei dem in einem »Screening« die Kontextfaktoren der Patienten erfasst und mit herkömmlichen DSM-Kriterien kombiniert werden, was schlicht zu einer erweiterten »Interpretation« der Diagnose führen soll.

Interessanter ist hingegen das Modell, bei dem die Faktoren in die Diagnose- und Behandlungsmethoden eingefügt werden. Dabei würden relevante sozioökonomische, kulturelle und umweltbedingte Einflüsse routinemäßig erfasst, die Patienten gegebenenfalls an gemeinschaftsbasierte oder ökonomische Hilfsangebote verwiesen und die Ergebnisse längerfristig beobachtet. Damit reagieren die DSM-Fachleute auf Kritik, die bereits seit geraumer Zeit gegen das Klassifikationssystem vorgebracht wird.

Einige dieser Kritiker sagen aber: zuwenig, zu spät. Die »grundlegende Logik« des DSM sei verfehlt, argumentierte zum Beispiel Jim van Os, Professor für Psychiatrie an der Universität Utrecht. Seiner Meinung nach (vgl. Spektrum.de, 6.3.2026) lasse sich psychisches Leiden »durch Symptomlisten und Etiketten nur unzureichend erfassen«. Mit den vorgeschlagenen Änderungen würde nur »weiter an einem verfehlten Ansatz« herumgebastelt. »Denn wichtiger als Diagnosen sind bessere Lebensumstände. Fachleute sollten sich darauf konzentrieren, Menschen bedürfnisgerecht zu versorgen«, erklärte van Os.

Wohlwollender könnte man die zuvor genannten Strategien als Versuch eben jener bedürfnisgerechten Versorgung begreifen. Doch die Kritik nimmt kein Ende. Angekreidet wird auch der Vorschlag, ­Biomarker – sprich: körpereigene Substanzen wie ­Proteine, Enzyme, Hormone, anhand derer psychische Erkrankungen erkannt werden sollen – in die Diagnostik einzubeziehen. Nur: Wissenschaftler haben bisher noch keine verlässlichen Biomarker für die DSM-Diagnosen gefunden, wie die Überbringer der frohen psychiatrischen Kunde der APA selbst eingestehen. Namhafte Kritikerinnen und Kritiker des DSM, wie die Psychologin Ashley Watts oder der ehemalige Direktor des US-amerikanischen National Institute of Mental Health, Steve Hyman, sind laut Spektrum.de (6.3.2026) skeptisch, dass Biomarker jemals sinnvoll in die Diagnoseverfahren eingeführt werden können. Dennoch erklärte der Psychiater Jonathan Alpert, Mitglied des DSM-Unterausschusses für Biomarker, gegenüber dem Wissenschaftsjournal: »Die Frage ist nicht mehr, ob Biomarker in das DSM gehören, sondern wie sie auf schlüssige, transparente sowie ethisch und klinisch sinnvolle Weise eingeführt werden können.«

Unter den weiteren Vorschlägen für die DSM-Aktualisierung ist auch eine Umbenennung. Die Bibel soll künftig »Diagnostic and Scientific Manual« heißen, »um dessen wissenschaftliche und globale Ausrichtung besser widerzuspiegeln«, liest man in der Pressemitteilung. Global relevant ist das Handbuch durchaus, aber in den meisten Ländern, die nicht USA heißen, ist der offizielle Standard die von der Weltgesundheitsorganisation herausgegebene »International Classification of Diseases« (ICD). Diese findet auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz Anwendung.

Die aktuell gültige Version des DSM, das ­DSM-5-TR, wurde 2022 veröffentlicht. Wann sein Nachfolger erscheinen soll, steht noch nicht fest. Von den Gurus der APA wird einiges versprochen. Das Ziel der »zukunftsorientierten Vision für das DSM« sei, »wissenschaftliche Genauigkeit, kulturelle Inklusivität und Anpassungsfähigkeit zu fördern und gleichzeitig sicherzustellen, dass das DSM für Kliniker nützlich bleibt«, ließ sich APA-Chefin Marketa M. Wills zitieren. So würde das DSM ein »vertrauenswürdiges, relevantes Instrument zum Verständnis und zur Behandlung psychischer Störungen« bleiben.

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