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Aus: Ausgabe vom 21.05.2019, Seite 11 / Feuilleton
Kunst

Der verschattete Blick

Eine Retrospektive im Kunsthistorischen Museum Wien zeigt, wie stark Mark Rothkos Abstraktion in der Kunstgeschichte wurzelt
Von Sabine Fuchs
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Die Pose stimmt, das Dunkel lauert dahinter: Mark Rothkos »Portrait of Mary« (1938/39) und »Self-Portrait« (1936)

Das »Kunsthistorische Museum Wien«, entstanden aus den Kunstsammlungen der Habsburger, ist ein konservatives Haus. Die Gemäldegalerie, das Herzstück des Museums im historistischen Prunkbau an der Ringstraße, präsentiert etliche der wichtigsten zwischen dem 16. und dem 19. Jahrhundert in Europa entstandenen Kunstwerke, und auch die Sonderausstellungen zeigen meist alte Kunst – zwei der wichtigsten der letzten Jahre waren Velázquez und Breughel gewidmet.

So ist es erstaunlich, dass das KHM nun eine Schau von Gemälden des US-Amerikaners Mark Rothko zeigt, des abstrakten Realisten, bei dem wohl jeder sofort die großen, enigmatischen Farbfeldbilder vor Augen hat, für die er bekannt ist. Dennoch ist es sinnvoll, Rothko in einem Museum klassischer Kunst auszustellen, denn kaum ein anderer Maler des 20. Jahrhunderts hat sich so akribisch mit der Geschichte seiner Profession auseinandergesetzt.

Mehrfach im Laufe seines Lebens hat der 1903 im Russischen Reich geborene und als Kind mit seinen Eltern wegen des zunehmenden Antisemitismus in die USA ausgewanderte Rothko ausgedehnte Reisen nach Europa unternommen. Museen, Kirchen, archäologische Ausgrabungsstätten und die Höhle von Lascaux hat er besucht, um sich von der dortigen Kunst inspirieren zu lassen. Er wollte herauszufinden, wie Künstler unterschiedlicher Epochen die grundlegenden menschlichen Gefühle ausgedrückt haben, um die es ihm vor allem ging.

Die Ausstellung macht deutlich, welch fundamentale Bedeutung die Auseinandersetzung mit der Kunstgeschichte für Rothko hatte. Kurator Jasper Sharp hat in Zusammenarbeit mit Christopher und Kate Rothko, den Kindern des Künstlers, eine Auswahl an Bildern aus allen Schaffensperioden zusammengestellt. Sie fördert Überraschungen zutage. So hat Rothko bis weit in die 40er Jahre gegenständlich gemalt und sich dabei ganz konkret auf klassische Werke bezogen. In »Portrait of Mary« etwa setzt er sich mit Vermeers »Die Malkunst« auseinander. Er übernimmt Farbgebung und Pose, überträgt sie aber auf eine moderne Frau des 20. Jahrhunderts. Den Vergleich kann man im KHM übrigens direkt anstellen, denn Vermeers Bild hängt nur ein paar Räume weiter.

Ähnlich ging er bei einem Selbstporträt aus dem Jahr 1936 vor, es ist eine Auseinandersetzung mit Rembrandts Selbstporträt aus dem Jahr 1659. Auch hier stimmen Farbgebung und Pose – Dreiviertelansicht, gefaltete Hände – überein. Auffallend anders sind allerdings die Augen: Blickt Rembrandt dem Betrachter ernst, aber klar und offen entgegen, so verschattet Rothko seine Augen mittels dunkler Brillengläser, so dass sie fast wie die eines Blinden wirken. Dass seine Ernsthaftigkeit immer wieder in Depressionen umschlug, macht dieses Bild auf den ersten Blick deutlich. Die in der zweiten Hälfte der 40er Jahre entstandenen »Multiforms« markieren den Übergang zur Abstraktion. Bei einigen der Bilder kann man das Reale, das abstrahiert wird, noch erahnen. Es blieb eine kurze Phase. 1949 fand er dann mit den Farbfeldbildern seine bekannte Ausdrucksform.

Wie streng Rothko mit sich und seiner Kunst umging, verdeutlicht eine Anekdote: 1958 erhielt er den Auftrag, eine Serie von Gemälden für das Restaurant des Seagram Building in New York zu schaffen. Er bekam einen großzügigen finanziellen Vorschuss und begann mit der Arbeit, die »das menschliche Drama« ausdrücken sollten, wie er sagte. Dann jedoch aß er zum ersten Mal in dem Restaurant – und war entsetzt über dessen pompösen Charakter. Er verzichtete auf den Auftrag und gab den Vorschuss zurück, die schon fertigen Bilder hängen heute in den wichtigsten Museen der Welt. In Wien sind »Seagram Murals« aus dem Besitz der National Gallery of Art in Washington zu sehen.

1968 wurde bei Rothko ein Aneurysma festgestellt, das seine Schaffenskraft stark einschränkte und seine Depression verstärkte. Im Februar 1970 nahm er sich in seinem New Yorker Atelier das Leben. Der Kunsthistoriker John Berger, bekannt für sein Gespür für die sozialen Bedingungen von Kunst, bezeichnete Mark Rothko als »quintessential mi­grant«, als Prototyp des Migranten, der immer auf der Suche nach seinem Ursprung gewesen sei. Davon kann man sich in der großartigen Ausstellung in Wien überzeugen.

Bis 30. Juni, Kunsthistorisches Museum Wien

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