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Country

»Make America not suck again«

Sturgill Simpson macht jetzt Disco-Country-Rock und findet deutliche Worte für den Mann den gelben Haaren

Foto: Annie Lesser/ZUMA Press Wire/imago
Kein Freund von Metaphern: Sturgill Simpson

Sturgill Simpson ist eine sonderbar oszillierende, unberechenbare Gestalt der US-amerikanischen Country-Szene, die vielleicht präsenteste gegenwärtige Iteration der Country-Outlaws. In seinem Oeuvre purzeln Bluegrass, Honky Tonk, Psych-Country und Sci-Fi-Country-Rock, Tradition und Vision wild durcheinander. Welchen Haken er als nächstes schlägt, ob er überhaupt einen schlägt, lässt sich nicht vorhersagen.

Vor einiger Zeit kündigte Simpson an, er wolle ein groovy Album aufnehmen, »reinen, ungefilterten, unnachgiebigen, kompromisslosen Disco-Hedonismus«, als Protest gegen die Unterdrückung, die unter Trump eine neue Schamlosigkeit erreicht habe. Die Quadratur des Tumbleweeds heißt »Mutiny After Midnight«. Es handelt sich um hedonistischen Country-Disco-Rock.

»Disco« ist ein relativer Begriff: Mehr Siebziger-Stones als Chic, aber zum Teil verdammt funky. Eine musikalische Umsetzung der Offenheit, die die USA mal »great« gemacht hat. Simpson bringt die sexuelle Körperlichkeit in den Country. Wir sind in einer Kneipe, in der Trucker aller Hautfarben und Geschlechter miteinander trinken, der Mirrorball sich dreht und die Party langsam, aber sicher aus dem Ruder gerät, bis der Schweiß von den Wänden tropft, die Menschen Stärke und die Geistesverfassung für den Umsturz gewinnen, während draußen der apokalyptische Horror tobt. »Make America fuck again / Make America not suck again.« Tanz, Sex und die Liebe mit den Menschen, die uns nahe sind – als Waffe gegen den Faschismus.

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Der entscheidende Aspekt, der »Mutiny After Midnight« so gut und wichtig macht, sind die Unnachgiebigkeit und der Stolz, die selbstbewusste Behauptung und der Glaube an die Richtigkeit und Notwendigkeit dieser Behauptung. Genau der Aspekt, der im politischen Amerika fehlt, in dem die einzige große Oppositionspartei sich in desorientierter, zahnloser, pragmatischer Halbopposition verliert, während das gesamte soziale, staatliche und rechtliche Gefüge von der Regierung ausgehöhlt, ignoriert und verspottet wird. Simpson macht sich nicht die Mühe, seine Aussagen in Metaphern zu kleiden.

Die einfache Schilderung des Geschehens hat mehr Durchschlagskraft als jede künstlerische Umschreibung: »Take the constitution / systematically dismantle it / Rebuild your agenda / sit back and admire it / Keep the peasants scraping by on minimum wages / lock up all the minorities / put their babies in cages / Anybody speak out, you simply dismiss them«, beschreibt Simpson in dem fulminanten Closer »Ain’t That a Bitch« das »manufactured chaos«. Mit den Tätern kann es keine Versöhnung geben, man kann mit ihnen keine Kompromisse schließen, nicht mit ihnen verhandeln. Die Revolution, von der er spricht, kann für Trump und seine Helfer nur mit einem Ceaușescu-Moment enden. Simpsons Verdienst ist es, dass er so formuliert, dass ihm niemand die Laschheit vorwerfen kann, die die Rechten bei dem verhönen, was sie als »wokeness« identifizieren. Er bedient sich der klaren Härte und Selbstsicherheit, die mal das Merkmal der radikalen Linken war und derzeit die Stärke der Rechten ist. Es ist nicht die Zeit für »gewaltfreie Kommunikation«. Oder, in seinen eigenen Worten: »Weaponizing my autism to shit out an opus.«

Simpson droppte »Mutiny After Midnight« eine Woche vor der Veröffentlichung auf Youtube, das komplette Album in einem Block. Kein Skippen möglich, keine Werbeunterbrechungen. Auch jetzt gibt es das Album nur physisch, nicht als Stream, nicht als Download. In anderen Worten: »Setz dich hin, mach dir ein Bier auf, rauch einen Joint und hör dir in Ruhe an, was ich zu sagen habe.« Und wenn man sich die Reaktionen auf Youtube so durchlas, hat die Community genau das getan. Sind Kommentarspalten in der Regel ein sumpfiges Biotop, in dem vor allem faschistoide Trolle gedeihen, war in diesem Fall das positive Feedback fast überwältigend, kein puristisches Gejammer über den erneuten Stilwechsel, keine Missfallensäußerungen über die Politik. Die Menschen drückten ihre Verzweiflung über den Terror des Trump-Regimes aus, waren dankbar für unmissverständliche Aussagen, dafür, dass jemand das Offensichtliche ausspricht, und hofften – vermutlich nach dem zweiten Sixpack oder dem dritten Joint –, dass das Album der Kickstart für die Revolution sein möge.

»Mutiny After Midnight« und die spontanen Reaktionen darauf sind Lebenszeichen des alten Amerikas, das das Motto »Land of the free« nicht als die unternehmerische Freiheit interpretiert, den einzelnen nach Belieben auszubeuten, sondern als die Freiheit all dieser einzelnen, ein Leben nach ihren Vorstellungen zu führen.

Johnny Blue Skies & The Dark Clouds: »Mutiny After Midnight« (Atlantic)

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Erschienen in der Ausgabe vom 31.03.2026, Seite 10, Feuilleton

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