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Kunstpop

Reine Nasensache

Anhören, weil es da ist: Frau Kraushaars versponnenes Konzeptalbum »Gurke Kartoffel Ahnung«

Foto: Margarita Gestrich
Die Nase ist nicht bloß ein Schnupforgan: Frau Kraushaar klärt auf

»Niesen is a Place in Thun« sind die ersten Worte auf Frau Kraushaars neuem Album »Gurke Kartoffel Ahnung«, einem Konzeptalbum zum Thema »Nasen und Nasales«. Ich habe diesen Satz geschrieben, damit ich ihn schwarz auf weiß lesen kann, um mich von seiner Realität zu überzeugen. Es ist tatsächlich eine Platte über Nasen und alles, was mit Nasen zu tun hat, pünktlich zur ausklingenden Erkältungs- und beginnenden Heuschnupfenzeit.

Frau Kraushaar ist eine Figur, die die in Hamburg lebende bildende Künstlerin Silvia Berger geschaffen hat und gewissermaßen auch bewohnt. Entsprechend sind ihre Alben weniger Kollektionen von Songs als Umsetzungen künstlerischer Konzepte, die nicht – oder nicht ausschließlich – aus dem popmusikalischen Bereich stammen.

Nach dem ersten geographisch-historischen Exkurs zum Niesenberg im Berner Oberland schnupft und schnäuzt es sich durch zehn weitere Vignetten, auf deutsch, französisch und japanisch. »Gurke Kartoffel Ahnung« ist eher Hörspiel oder avantgardistisches Feature über nasige Themen denn Popalbum. Die Gerüche als Erinnerungsträger führen zu einem Schulfunkexkurs über Marcel Proust und den Madeleine-Effekt, die Beobachtung, dass Gerüche Erinnerungen ins Bewusstsein heben können, mal diffus, mal irritierend detailliert. Die Nase ist eben nicht nur ein Schnupforgan, sie verschafft uns über die Reizvermittlung Zugang zu Gefühlen und Erinnerungen. Sie ist auch ein Objekt der zärtlichen Betrachtung, wie in »Ton Nez«. Für Liebende kann jeder Quadratzentimeter des Körpers ein Objekt der zärtlichen Betrachtung werden, aber die Nase ist eben mitten im Gesicht, prägt den Eindruck, den man von einem Menschen hat. Und wenn der Niesreiz langsam aufsteigt und sich dann entlädt, ist sie auch ein Organ der nahezu orgiastischen Befreiung.

Selbstverständlich ist »Gurke Kartoffel Ahnung« auch auf gewisse Weise ein kindliches Album. In der Kindesentwicklung gibt es die Selbstexplorationsphase, in der die Körperteile und ihre Funktionen entdeckt und mit einer gewissen Faszination erkundet werden. Frau Kraushaar lässt ihr inneres Kleinkind auf die Nase los, die beobachtet, ertastet und ausgeleuchtet wird, in ihren körperlichen Eigenschaften und in ihren sozialen und kulturellen Konnotationen. Wenn man so will, ist »Gurke Kartoffel Ahnung« eine kleine Kulturgeschichte der Nase, die manchmal in den Fiebertraum eines Kindes zu kippen scheint, in dem sich in der Verwirrung des erkälteten Gehirns das körperliche Empfinden mit aus dem Radio oder aus den Gesprächen anderer aufgenommenen Elementen verbindet.

Das Prinzip des neuen Entdeckens erstreckt sich auch auf die Musik. Hier hat Frau Kraushaar mit Felix Raithel, der sonst unter dem schönen Alias Istari Lasterfahrer als Dub-Produzent bekannt ist, eine akribisch geplante Spielwiese assoziativer Freiheit geschaffen. Über Jahre wurde Material gesammelt, recherchiert. Am Ende der Arbeit reichte das Material für eine Ausstellung, ein Theaterstück, das auf dem Fusion-Festival aufgeführt wird, und dieses Album. Das Thema birgt natürlich auch Irritationspotential: Warum die Nase? Warum soll ich das hören? Ist das nicht total albern und versponnen? Ich würde sagen: Selbstverständlich ist das total albern und versponnen! In dem Sinne, in dem es total albern und versponnen ist, wenn Kate Bush ein Lied über ihre Waschmaschine schreibt. Und hören soll man es aus demselben Grund, aus dem man einen Berg (zum Beispiel den Niesen) besteigt: Man soll es hören, weil es da ist. Der Sinn liegt im Tun (in Thun?) und in dem, was du beim Bohren findest.

Frau Kraushaar: »Gurke Kartoffel Ahnung« (Misitunes)

junge Welt

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Erschienen in der Ausgabe vom 23.03.2026, Seite 11, Feuilleton

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