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Aus: Ausgabe vom 07.03.2026, Seite 11 / Feuilleton
Pop

Ein stoischer Mann

Tilman Rossmy und Die Regierung haben mal wieder eine Platte draußen
Von Alexander Kasbohm
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Frei von Illusionen: Die Regierung im Berliner Bi Nuu (2018)

Zum ersten Mal begegnete ich der Musik von Tilman Rossmy bei der Spex-Silvesterfeier 1994 in der Hamburger Markthalle. Rossmy spielte mit Die Regierung, Alex Chilton trat auch auf, in anderen Räumen DJs, viel Gewusel, große Party. Als ich den großen Saal betrat, sang Rossmy gerade: »Und hier komm’ ich mit dem Mädchen, das jeder will / Wir gehen Hand in Hand durch die Stadt / Und du denkst vielleicht, du möchtest an meiner Stelle sein / Aber ich glaub’ ich wär’ lieber wieder allein.« Ich drehte mich zu meiner damaligen Freundin und sagte: »Was für eine großartige Zeile!« Sie war von meiner Begeisterung ein wenig irritiert. Auch der Rest des Publikums schien eher auf Alex Chilton zu warten, eine Frau störte jedes Lied mit lauten Kommentaren unteren Niveaus. Wenn Rossmy sang: »Sind das deine Freunde da? / Sieht so aus, als kommen wir von verschiedenen Stämmen«, brüllte sie: »Ja, das glaube ich auch! Geh nach Hause!« Und so weiter im selben Stil, bei jedem Lied. Rossmy zog das Ding auf seine stoische Art durch.

Diese unbeirrbare Geradlinigkeit kennzeichnet seine gesamte Karriere. Nie interessiert daran, was »man« gerade so macht, nie in einer Szene. Das ganze Getue war ihm zuwider. Er war, auch wenn er aus Essen kam (und nicht aus Bad Salzuflen), ein wichtiger früher Protagonist der »Hamburger Schule«, ohne jemals Teil der Szene gewesen zu sein. Wie Bernd Begemann war Rossmy durchaus politisch, aber nie plakativ. Sein Weltbild wurde in Skizzen des privaten Lebens deutlich, nicht in Slogans. Was einer der Gründe dafür sein mag, dass man seine alten Platten heute noch so gut hören kann wie damals.

Ob mit Die Regierung (1984–1994), solo, mit dem Tilman Rossmy Quartett oder Die Regierung (2017 ff.) – Rossmy erzählt Geschichten vom Leben, von der Liebe, davon, wie beides oft nicht so richtig funktioniert. Aber eben auch davon, wie gut beides funktionieren kann. Er erzählt mit einer seltenen Offenheit und Direktheit, die berührt. Die manchmal auch peinlich berührt. Aber die Angstfreiheit davor, was andere peinlich finden könnten, ist eine große Stärke. Wenn man sich nämlich fragt, warum einen die eine oder andere Zeile peinlich berührt, dann liegt der Grund öfter als nicht darin, dass man genau dieses Gefühl kennt, aber es nie eingestehen würde. Vor sich selbst nicht und schon gar nicht öffentlich. Es hat eine befreiende Wirkung, diese Dinge von Rossmy stellvertretend ausgesprochen zu hören. Und selbst, wenn man einmal eine Zeile eher unangenehm findet, kann man sich sicher sein, dass Tilman Rossmy das ziemlich wurscht sein dürfte. Dieses Wissen kann durchaus befreiend wirken.

Eine einzelne Platte von Die Regierung zu rezensieren bedeutet immer, das Gesamtwerk zu rezensieren. Die Unterschiede zwischen den Alben sind eher graduell als grundsätzlich. Rossmy macht einfach immer weiter. Schreibt weiter an seinem Gesamtwerk der Selbstbeobachtung, Weltbeobachtung, Gesellschaftsbeobachtung. Auch »Immer Unbekannt« ist die Fortschreibung dieser Geschichte, die 1984 mit »Supermüll« begann. Ein weiterer Abschnitt des stoisch gegangenen Weges, mit seiner zenmäßigen Augenblicksbezogenheit. Mit dem »Anfängergeist«, mit dem jeder Situation begegnet wird. Noch immer beginnt Rossmy seine Zeilen gerne mit dem Wort »und«, noch immer beobachtet er mehr, als dass er bewertet.

Jeder Schritt ist ein Schritt ins Unbekannte, das mit Neugier betrachtet wird. Nüchtern, frei von Illusionen, Ansprüchen oder Utopien. Desillusionierung ist eben auch die Befreiung von falschen Vorstellungen, ein positiver Aspekt des Erwachsenwerdens.

Die Regierung: »Immer Unbekannt« (Staatsakt)

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