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Aus: Ausgabe vom 21.01.2026, Seite 11 / Feuilleton
Ambient

Etwas muss sterben

Licht aus: Claire Rousays verstörend schönes Ambientalbum »A Little Death«
Von Alexander Kasbohm
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Weniger trinken, nüchterner fahren: Claire Rousay

Auch das ist Ambient: nicht die Schaffung einer Umgebung, sondern ihre Verarbeitung. Claire Rousay behauptet, sie nehme 24 Stunden am Tag auf, was um sie herum passiert. Selbst, wenn das um den Fa ktor zehn übertrieben wäre, käme einiges an Rohmaterial zusammen. Nachdem Rousay sich zuletzt in Richtung autogetuntes Songwritertum bewegt hatte, ist sie mit dem Album »A Little Death« wieder bei ihrem »Kerngeschäft«, wie es im Marketingsprech heißt, angelangt. Sie vollendet damit eine lose Trilogie, die sie vor fünf Jahren mit »A Heavenly Touch« und »A Softer Focus« begonnen hatte.

Die Field Recordings für »A ­Little Death« hat Rousay in den abendlichen Dämmerstunden gesammelt. Den Stunden zwischen Tag und Nacht, die die eigentümlich schwebende Atmosphäre eines Zwischenzustands haben, die leichte Orientierungslosigkeit, die einen in der Phase des Umschaltens zwischen Aktivität und Ruhe ergreift. Diese Aufnahmen von Autos, Schritten, Stimmen und undefinierbaren Dingen, die im Zwielicht passieren, dienen nicht wie gewöhnlich als Stimmungsverstärker oder Zierrat. Sie sind das Rückgrat der Kompositionen, während Gitarre, Klavier etc. die in den Soundcollagen angelegte Atmosphäre lediglich unterstreichen, herausarbeiten, lenken.

»Little Death« war der Name einer Bar, die Rousay eine zeitlang etwas zu regelmäßig frequentierte, und das Album ist – nicht nur, aber auch – die Geschichte ihrer Befreiung vom Alkohol. Der »kleine Tod« bezeichnet so das zu Überwindende ebenso wie den Akt des Überwindens. Etwas muss sterben, damit man weiterleben kann.

Das erste Stück »I Couldn’t Find the Light« ist vielleicht das dunkelste und verstörendste. Eine verzerrte, irgendwie »kaputte«, betrunkene oder anderweitig intoxikierte Stimme sagt: »It was dark and I was on the ground, I couldn’t find the light, I don’t know if I was in a tunnel« – mit der typisch aufsteigenden Inflektion derer, die der Droge ihrer Wahl schon zu viele Hirnzellen geopfert haben. Irgendwas redet die Stimme noch von einem Spirit, was wie die Chimäre einer Erlösung wirkt, die nie kommen wird. Dazu Schritte, Rascheln, eine verzerrte Gitarre, die nicht gespielt wird, sondern nur Geräusche abgibt. Hier ist wirklich kein Licht zu finden, keine Hoffnung. Auch beim anschließenden »Conditional Love« schieben sich Dissonanzen übereinander, und diese Stimmung des Unbehagens, der Desorientierung zieht sich weiter durchs Album. Gefundene und geschaffene Sounds lassen sich nicht eindeutig voneinander unterscheiden, die individuellen Formen lösen sich auf, gehen ineinander über. Auch das Klavier, das in »Just« und »Somehow« hinzukommt, verstärkt nur das Gefühl der Hilf- und Haltlosigkeit.

In manchen Stücken erinnern die Drones an Arbeiten von Christian Fennesz, nur sind sie bei Rousay ungleich verstörender. Statt des für Fennesz typischen beruhigenden An- und Abflutens bilden sie hier eher ein desorientierendes Grundrauschen. Ein weiterer Bezugspunkt ist der Klangkünstler William Basinski mit seinen Studien zu Desintegration. Doch während bei Basinski die Arbeitsmaterialien, die Tapes, sich auflösen, ist es bei Rousay die Wahrnehmung oder das Leben selbst. Erst im abschließenden Titelstück, dem mit knapp acht Minuten längsten des Albums, scheint behutsam so etwas wie innere Ruhe, Akzeptanz und Versöhnung einzutreten. Keine Befreiung, aber immerhin eine vorsichtige Hoffnung, dass es einen Weg gibt, der aus der Dunkelheit führt.

Claire Rousay: »A Little Death« (Thrill Jockey)

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