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Aus: Ausgabe vom 17.01.2026, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Seine letzte Ölung

Über Ozzy Osbourne und Black Sabbath
Von Frank Schäfer
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Der Welt ein Ei legen: Ozzy Osbourne

Ozzy hat sich immer mal wieder gewundert in den letzten Jahren seines Lebens, wie er so alt werden und bei Verstand bleiben konnte – »wenn man das denn Verstand nennen kann«. Sharon Arden, spätere Osbourne, der genialen Strippenzieherin und Liebe seines Lebens, gebührt dafür der größte Dank. Sie hegt die Exzesse des multiplen Süchtlings auf ein gesundheitlich gerade noch gangbares Maß ein und bewahrt ihn vor den größten Dummheiten. Erstaunlicherweise ist es nicht mal der Alk- und Drogenirrsinn und die damit verbundenen Übersprungshandlungen, die Ozzy beinahe umbringen, sondern vergleichsweise harmlose und jedenfalls nüchterne Freizeitaktivitäten – wie seine Ausritte im südenglischen Buckinghamshire mit dem Quad-Bike, das er im Dezember 2003 auf den Kopf stellt, was ihm eine perforierte Lunge, ein zerbröseltes Schlüsselbein und acht Tage Koma einbringt. Ozzy überlebt, aber das ist gewissermaßen die erste Seite einer langen Krankenakte, die er in seiner zweiten Autobiographie »Last Rites« genüsslich, fast schon ein bisschen masochistisch, ausbuchstabiert.

Sein zweiter Sturz ist noch absurder. Anfang 2019 muss er seine wieder einmal letzte Konzertreise »No More Tours II« unterbrechen, weil er nach einem nächtlichen Klogang ins Bett hüpfen will, aber schlaftrunken daneben fällt und sich einen Halswirbel bricht. Irgendwann ist jede Glückssträhne eben mal zu Ende. Kurz zuvor wäre er fast an einer Staphylokokkenvergiftung in Daumen und Mittelfinger gestorben, aber auch das bringen die Ärzte mit zwei Operationen wieder in Ordnung. Die Läsionen des Halswirbels hingegen bedeuten das vorzeitige Ende seiner Bühnenkarriere, er quält sich noch ein paar Mal für ein, zwei Songs hinters Mikro, bei seinem Abschiedskonzert im Sommer 2025 sogar für ein paar mehr, aber er kommt nie wieder richtig auf die Beine. Der »Madman« lässt sich an der Wirbelsäule operieren, aber die Schmerzen werden eher schlimmer, also unterzieht er sich weiteren Korrekturoperationen. Aber das ist längst nicht alles. Die 2003 diagnostizierte Parkinsonerkrankung kann er nicht mehr verheimlichen. Sie bedarf ständiger physiotherapeutischer und logopädischer Behandlung. Hinzu kommen massive Herzprobleme, eine Operation an der Leiste, bei der man einen »Regenschirm« einsetzt, um Blutgerinnsel herauszufiltern, diverse Lungenentzündungen, ein Emphysem.

Dass er überhaupt so lange überlebt hat und mit »Ordinary Man« und »Patient Number 9« auch noch zwei durchaus achtbare Alben einsingen konnte in den letzten sechs Jahren seines Lebens, gleicht einem Wunder – und wäre ohne seine musikalischen Helfershelfer wie den jungen Produzenten Andrew Watt und Ozzys Bandfamilie um Zakk Wylde, Tommy Clufetos etc. nicht möglich gewesen. Trotzdem ist »Last Rites« alles andere als eine larmoyante Klage über den eigenen körperlichen Niedergang, sondern tatsächlich, wie der Titel es nahelegt, vor allem eine abschließende Generalbeichte.

Ozzy regelt seine Dinge und versucht, ins Reine zu kommen mit all den Leuten, denen er Unrecht getan hat. Seiner Frau Sharon vor allem. Er hat sie nach Strich und Faden belogen und betrogen und hätte sie im Alkoholdelir sogar beinahe umgebracht. Glücklicherweise besitzt ihr Anwesen in Los Angeles einen Panikknopf … Trotzdem hält sie weiterhin zu ihm, eben nicht nur als Managerin, sondern auch als Ehefrau.

In längeren Rückblenden, die ihn aus dem gegenwärtigen Krankenstand in aktivere, wenn auch nicht immer glücklichere Zeiten befördern, versteckt er überaus anrührende Liebeserklärungen. An seinen Freund Lemmy etwa, dessen Genius er hier mit einer Wärme und Empathie würdigt, die er sonst allenfalls noch für seinen früh verstorbenen Sparringspartner Rhandy Rhoads und natürlich seine »Brüder« aus Aston, Tony Iommi, Geezer Butler und Bill Ward, übrig hat.

Doch auch gegenüber den Bandkollegen muss er schließlich Abbitte leisten. Dass nach den Jahren der Trennung und den zwar monetär, aber eben nicht künstlerisch besonders ertragreichen Reunionveranstaltungen am Ende doch noch ein neues Studioalbum erscheint, hätte wohl kaum einer von ihnen für möglich gehalten. Und vielleicht auch nicht, dass »13« unter der Aufsicht Rick Rubins so ein monumentaler, würdiger Schlussstein ihres Lebenswerks werden könnte.

Dass sie es trotz allem nicht schaffen, das Original-Line-up ins Studio und anschließend auf die Bühne zu bringen, ist ein Frevel, der alle noch einmal daran erinnert, dass man sich hier eben nicht nur Kumpels vorstellen darf, die einfach mal wieder ein bisschen die Sau rauslassen wollen, sondern immer auch Geschäftsleute. Der Grund des Streits: Bill Ward möchte »genauso viel dafür bekommen wie wir anderen, was ich etwas unangemessen fand«, schreibt Ozzy. »Schließlich war er schon lange nicht mehr als Musiker aktiv gewesen. Dann erwähnte ich das in irgendeinem Interview, woraufhin es einen Riesenärger mit Sharon gab. Die Sache geriet etwas außer Kontrolle, also machten wir schließlich ohne ihn weiter.« Weil man ihm partout keinen »unterzeichnungswürdigen Vertrag« anbieten will, zieht sich Ward irgendwann zurück. Bill und Ozzy sprechen danach fast zehn Jahre nicht miteinander.

Zumindest im nachhinein bedauert Ozzy diese Entscheidung sehr. »Unser letzter Auftritt fand in Birmingham statt, und es hätte eine unglaubliche, bewegende Wiedervereinigung für uns alle werden sollen. Aber auf der Bühne herrschte eine gewisse Leere, weil Bill nicht da war. Wir redeten nicht viel darüber, aber wir alle spürten es. Ich merkte das. Es war traurig, Mann. Wir hatten alle zusammen angefangen. Wir hatten diese ganze Scheiße gemeinsam durchgemacht. Wir waren alle zusammen erfolgreich geworden. Wir waren alle zusammen um die Welt gereist. Wir wurden alle zusammen verarscht. Zweifellos hätte Bill dabei sein sollen, und er hätte auch das Album mit uns aufnehmen sollen. Ohne ihn war es nicht Black Sabbath. Es war nur eine gute Annäherung.«

Für Die-hard-Fans ist das vermutlich ein Sakrileg, aber ich muss gestehen, mir ist das nicht aufgefallen, als ich sie 2013 in der Dortmunder Westfalenhalle sah. Im Gegenteil, den Sabbath-Stalinisten stopfte Clufetos schon im ersten Wirbel von »War Pigs« das Maul. Sein Einsatz wirkte wie eine randvolle Spritze Adrenalin ins Herz der Band. Und es war schön zu sehen, wie Ozzy und Iommi fast am Ende des gemeinsamen Wegs ihre alte Bühnenliebe wiederentdecken. Wenn der Madman bei den ausgiebigen Instrumentalpassagen seine notorischen Clownerien abzog, den Solisten anfeuerte, Beifall klatschte oder einfach nur wie ein liebes Stummfilmmonster durch die Szenerie geisterte, dann huschte den beiden immer wieder ein Lächeln übers Gesicht, wie man es von alten Ehepaaren kennt. Auch Ozzy schien die wiedergefundene Harmonie gutzutun. Er musste zwar weiterhin jeden Morgen dem Herrgott danken, dass er der Welt einen Teleprompter geschenkt hatte, und der Mikroständer schien ihm zeitweise eine echte Stütze zu sein, aber so agil und stimmsicher wie auf dieser letzten Sabbath-Tour hatte man ihn länger nicht mehr erlebt.

Mit »War Pigs« begann ihr wohlerprobtes Set, das man so ähnlich schon bei der 1997er Reunion hören konnte. Zur Disposition standen ohnehin nur die Reihenfolge und vielleicht drei, vier Songs. Das übrige anderthalbstündige Klassikerprogramm aus »N. I. B.«, »Children of the Grave«, »Snowblind«, »Iron Man«, »Paranoid«, »Fairies Wear Boots«, »Into the Void« etc. war gesetzt, wobei sie immerhin drei Stücke vom neuen Album ins Programm nahmen, »End of The Beginning«, die Vorabsingle »God Is Dead?« und »Age of Reason«, die sich in diesem Kontext absolut behaupten konnten.

Die Passagen, in denen Ozzy noch einmal die Entstehung von »13« und die anschließende Tour rekapituliert, gehören zu den instruktivsten von »Last Rites«, nicht zuletzt weil die großen Sabbath-Monographien vor 2013 erschienen sind. Geezer Butlers Autobiographie »Into the Void« von 2023 widmet der Kollaboration mit Rick Rubin immerhin ein paar Seiten und spielt dessen Einfluss eher herunter. »So ziemlich jeder Produzent hätte fertiggebracht, was Rubin auf diesem Album geleistet hat«, glaubt er. »Die Plattenfirma wusste jedoch, dass seine Beteiligung einen zusätzlichen Werbeeffekt besaß.«

Bei Ozzy klingt das etwas anders. Sobald sie in den Shangri-La-Studios mit den Aufnahmen begonnen hatten, »benahm sich Rick wie der Chefguru. In weißem T-Shirt und schwarzen Shorts tapste er barfuß durch die Gegend, lag in der Ecke rum und kommentierte unsere Ideen mit: ›Mag ich … mag ich nicht ...‹ Das Ganze war verdammt merkwürdig, Mann.«

Anders als bei vielen Produktionen, bei denen er eher mit ideellem Beistand glänzt und die Bands sich über seine teuer bezahlte Abwesenheit beklagen, reißt er hier die ästhetische Kontrolle an sich, zumindest wenn man Ozzy Glauben schenken darf. Rubin ist es auch, der Ozzys Hausdrummer Tommy Clufetos, mit dem die Band die Songs erarbeitet hat, durch Brad Wilk von Rage Against the Machine ersetzt, weil sein Spiel angeblich mehr von Bill Wards Swing- und Jazz-Duktus besitzt. Rubin gibt die Richtung vor, er will mit aller Macht »zum Feeling des ersten Black-Sabbath-Albums« zurückkehren und erteilt entsprechende Ratschläge (»Schreibt bloß nichts Fröhliches«), die der Band gehörig auf die Nerven gehen. »Es erinnerte mich an die Zeiten, als die Leute Black Sabbath ständig falsch verstanden hatten und dachten, wir seien so eine Art Halloween-Band«, lästert Ozzy. Doch die Zusammenarbeit funktioniert und erfüllt genau das, was die Öffentlichkeit sich von einem Sabbath-Album wünscht. »13« landet in UK, USA, Kanada, Deutschland, Dänemark und der Schweiz auf Platz eins der Landescharts und wird zumindest, was die offiziellen Chartergebnisse angeht, das erfolgreichste Album ihrer Karriere.

Rubin hat sich durchgesetzt. Das Album ist nicht fröhlich, es steckt voller Untergangsszenarien, die aber immer wieder aufgefangen werden von angedeuteten heilsgeschichtlichen Auswegen. Nach jeder Apokalypse lockt die Wiedergeburt. Das passt ganz gut zur Kunstreligion, die Black Sabbath mit diesem musikalischen Schrein stiften wollen. Die Band wird zwar irgendwann das Zeitliche segnen, aber im Gesamtwerk transzendieren sie ihren Tod und retten sich in den Mythos.

Aber so weit ist Ozzy auch nach der letzten Sabbath-Tour »The End« noch nicht. Trotz Parkinson und Herzmalaisen steht er mit seiner bewährten Soloband um Zakk Wylde als Solokünstler weiterhin auf den Bühnen der Welt – bis zum Sturz im eigenen Schlafzimmer. Auch ohne die Pandemie hätte er die verschobenen Konzerte der letzten Welttournee »No More Tours II« jetzt nicht mehr nachholen können. Immerhin macht ihn seine Rehabrigade noch einmal so fit, dass er bei den 2022er Commonwealth Games in Birmingham zusammen mit Tony Iommi »Paranoid« schmettern kann. Er ist zwar kaum mehr in der Lage zu stehen, aber immer noch zu singen.

Dieser Bonsaitriumph bringt Sharon auf die Idee zu »Back to the Beginning«, der Sabbath-Reunion-Show im Villa Park in Birmingham, die zugleich Ozzys Bühnenabschied werden soll. Zur Feier des Tages darf nun auch Bill Ward endlich wieder mitmachen. Die Metal-Welt hat ihnen beide Daumen gedrückt, dass die vier sich mit Anstand aus der Affäre ziehen – und das haben sie. Tony Iommi und Geezer Butler sind so souverän und cool wie immer. Der ebenfalls herzkranke Bill Ward muss sich zwar nach »War Pigs« und »N. I. B.« seines T-Shirts entledigen, bringt aber immerhin noch »Iron Man« und »Paranoid« zu Ende. Ozzy sitzt auf einem Thron und singt immer mal wieder großzügig an der Melodie vorbei, aber was macht das schon in so einem Moment?!

Wie es bei alten Leuten manchmal zu beobachten ist, hat offenbar auch ihn die Aussicht auf dieses eine besondere Ereignis am Leben gehalten. Zweieinhalb Wochen nach seinem letzten großen Auftritt stirbt er an einem Herzinfarkt. In »Last Rites« erzählt er, das Konzert habe bei der Presse die Assoziation geweckt, er sei bei seiner eigenen Totenwache zugegen gewesen. »Aber es fühlte sich nicht wie eine Beerdigung an. Es fühlte sich an wie ein Fest. Das ganze Stadion war voller Liebe … Ich meine, mir liefen die Tränen übers Gesicht, aber ich fühlte mich durch all das beflügelt. Natürlich merkte das Publikum, dass ich mit mir kämpfte, und sie fingen an, den Text mitzusingen.« So kann man abtreten.

Frank Schäfer ist Schriftsteller, Musik- und Literaturkritiker. Er lebt in Braunschweig. Zuletzt erschien von ihm an dieser Stelle am 20.9./21.9.2025 »Wenn sie nicht mehr da sind – We play Rock ’n’ Roll: 50 Jahre Motörhead«.

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