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09.05.2026
- → Wochenendbeilage
Acht Blocks – zwischen Selbstverwaltung und Staatsgewalt
Die besetzte Gemeinschaft Prosfygika in Athen kämpft mit Hilfe vieler Unterstützer gegen die drohende Räumung
Morgens weht mit der süßlich duftenden griechischen Luft ab und zu Kaffeeduft vorbei – mit einem Hauch von Kardamom. Langsam sammeln sich immer mehr Leute unter dem Vordach des Kiosks, denn es tröpfelt an diesem frischen Tag. Es ist eine Mischung aus Warten und Wachsamsein. Gucken, ob wer Fotos macht, ob die Polizei, die ständig zwischen ihrer Wachstation und dem Gerichtsgebäude an der Alexandras Avenue vorbeifährt, nicht doch in die besetzten Gemeinschaftsblocks abbiegt.
Kurz bevor es zur Demo losgeht, klingelt das Handy. Zwei Streifenwagen wurden gesehen, wie sie die Mittelstraße herunterfahren. Die Gruppengespräche verstummen. Alle Blicke gehen zur Straße, bis die Autos an uns vorbei sind und auf der Alexandras wieder verschwinden.
»Schon wieder!«
Die acht Wohnhäuser des heute besetzten Prosfygika in Athen wurden 1933 für griechische Flüchtlinge gebaut. Mit dem Wachstum der Hauptstadt und wachsendem Interesse der staatlichen Immobiliengesellschaft an der Wohnfläche sahen sich die Bewohner in ständiger Bedrohung, zwangsgeräumt zu werden.
Die Menschen, die 2009 anfingen, die Wohnungen zu renovieren, Wasser- und Stromleitungen wieder anzustellen, um sich in Prosfygika ein Zuhause zu errichten, sind heute auf den Straßen, um für ihr Bleiberecht zu kämpfen. Vor dem Nationalen Zentrum für öffentliche Verwaltung und Selbstverwaltung (EKDDA) versammeln sich rund 40 Bewohner, internationale Verbündete und Unterstützer der Nachbarschaft mit einem Transparent und Flyern, um laut zu sein. »Es ist wichtig, durch alle Wege die Aufmerksamkeit auf unser Tun zu lenken« – so ein Mitdemonstrant.
Es ist ein Aufruf für »gemeinsamen Widerstand« gegen die Renovierung der Wohnungen aus öffentlichen Mitteln. Als in den 90ern der Bau eines Einkaufszentrums geplant war und etliche Bewohner ihr Eigentum aus Angst vor der Zwangsräumung verkauften, waren kurz zuvor zwei Wohnungen mit staatlichen Geldern renoviert worden. Die Gemeinschaft möchte diese Kosten lieber selber tragen, um staatlichen Eingriffen auszuweichen.
Jedoch muss das Recht an der eigenen Finanzierung erkämpft werden. Dafür befindet sich Aristotelis Chantzis (Aristos) seit dem 5. Februar im Hungerstreik – wenn nötig, bis in den Tod. Am 1. Mai folgte dem auch Suzon Doppagne. Sie schreibt: »Der griechische Staat und alle Institutionen haben nicht auf unsere Forderungen reagiert. Sie haben sich für das Schweigen entschieden und lassen Aristotelis Chantzis den Weg in den Tod gehen. Von nun an tragen sie auch die Verantwortung für meinen Tod.«
Was für Konsequenzen hätte eine Räumung für die Menschen hier? Die Frage beantwortet Elianora*, ein Mitglied der Nachbarschaft. »Aristos beschreibt in seinen Forderungen, dass er für das Überleben in einen Hungerstreik bis zum Tod geht und versucht, eben genau damit deutlich zu machen, was eine Räumung für die Gemeinschaft bedeuten würde. Nämlich einen extrem schnellen Tod. Natürlich nicht für alle, aber für sehr, sehr viele. Gerade wenn wir von den alten und kranken Leuten reden, die hier rundum Pflege von der Gemeinschaft erhalten. Es gibt für sie keine Netzwerke und auch keine Hilfe vom Staat. Sie würden auf der Straße landen und sterben. Das ist die Realität, die eine Räumung hier bedeuten würde. Gerade für Menschen, die keine Dokumente haben. Aber auch für Leute, die zwar Dokumente und einen Job haben, aber sich davon keine Miete leisten können. Die würden jetzt vielleicht nicht sterben, aber sie würden auf jeden Fall in sehr prekären Lebenssituationen enden.«
Vor dem Haus mit den Hungerstreikenden ist ein Zelt aufgebaut. Darin sitzen fünf Personen an einem Tisch und halten sich mit Tee und Kaffee warm. Zwei Leute in Warnwesten verteilen jeden Tag in der Woche Flyer mit Informationen über die aktuelle Lage von Aristos und seine Forderungen für die Gemeinschaft. Nach der Schicht ist Zeit für ein paar Fragen. Von Maria erfahre ich, dass sie auch aus Deutschland kommt und schon seit Januar hier ist – noch vor dem öffentlichen Hilferuf der Kommune. Seither habe sich sehr viel verändert. »Es ist schon angespannter geworden, als es zu Anfang war«, sagt sie. Die Bedrohung sei realer geworden. Vor allem aber würden durch den Hungerstreik viele Kapazitäten gebunden, die anderswo nicht mehr verfügbar seien. Daher seien die internationalen Unterstützer »ultrawichtig, gerade in so einer Phase«. Denn die festen Bewohner seien mit dem Hungerstreik und der Verteidigungsstrategie beschäftigt, und die Gemeinschaft müsse ja irgendwie auch am Laufen gehalten werden.
Auf die Frage, wie für Maria ein typischer Tag in Prosfygika aussehe, erzählt sie, dass während der Schicht immer Dinge passierten, »die man nicht vorhergesehen hat«. Aber es sei sehr schön, »zwischendurch Abwechslung zu haben«. Und natürlich rede man viel miteinander, sie hat auch einen Griechischkurs gemacht. Und abends helfe sie dann bei der offenen Nachbarschaftsversammlung. »Am Sonntag war ich zwischendurch natürlich noch auf der Demo. Und dann habe ich ganz lange im Kiosk gesessen und gequatscht.« Maria ist zwar nicht für die Kommune hierhergekommen, doch seitdem sie von Prosfygika erfahren hat, hilft sie mehrmals die Woche mit.
Tag und Nacht
Redon* sitzt abends am Kiosk und trinkt Cola. Er ist aus Albanien gekommen, um seinen Cousin zu besuchen, der hier lebt. Auf die Frage, wie er hierhergekommen ist, antwortet er auf Englisch: »Mit einem Visum, um meine Familie zu besuchen. Jetzt ist es abgelaufen.« Redon erzählt von den Orten, an denen er bereits war und was er gesehen hat. Er reise zwar gerne, doch seit er in Prosfygika angekommen ist, sieht er, wieviel Unterstützung die Gemeinschaft benötigt, und ist geblieben, um zu helfen. »Ich stehe jeden Morgen um 6.30 Uhr auf.« Wir trinken, diskutieren über Musik und lachen zusammen, bis die Kioskdame Feierabend machen will. Wir ziehen unsere Jacken an, nachdem die Heizpilze ausgeschaltet worden sind, und schnappen unsere Stühle, um sie zu stapeln und reinzubringen. Alle restlichen Besucher helfen beim Abbau, der so selten länger als fünf Minuten dauert. Auf dem Weg zurück zu unseren Wohnungen ist das grün blinkende Licht über uns. Es ist die Drohne der Polizei, die jeden Abend über den Blocks hin- und herfliegt.
Nachdem die meisten sich schlafen gelegt haben, steht Amalía* auf. Sie hat heute Nachtwache. Dick eingemummelt in zwei Jacken und eine Decke sitzt sie auf dem Dach. Vor ihr liegt eine Packung gesalzener Erdnüsse, ihr Blick geht auf die Straße direkt unter ihr. Stille.
Ein Lkw-Fahrer parkt direkt vor einem der Gemeinschaftshäuser und räumt Ware aus, stellt sich daneben und pinkelt auf die Straße. Aus der Vogelperspektive wird er beobachtet. Er räumt die Ware in die gegenüberliegende Bäckerei, aus der jetzt der Geruch von frischem Hefeteig und Zimt vom Wind herübergetragen wird. Dann fährt er wieder weg. Stille.
Nach der Nachtwache wird versucht, soviel Schlaf wie möglich zu bekommen, denn für viele geht es morgens bereits mit anderen Aufgaben weiter. Nicht alle Kleiderschichten werden ausgezogen, bevor man sich unter die Decke legt, denn es ist kalt in Athen Ende März, und die Wände tragen die Kälte von außen nach innen. Heizungen und warmes Wasser sind nicht in allen Wohnungen vorhanden. Erst im vergangenen Jahr wurden von einer Gruppe 25 Boiler bereitgestellt und installiert. Für weitere fehlt es an Geld.
Amalía leitet auch den Fensterworkshop und hilft als Teil des Technikteams, die Häuser und ihr Innenleben instand zu halten. Heute ist das Treffen später als sonst, auch wenn es gerade Zeitdruck gibt. Zwei Wohnungen sollen am nächsten Tag fertig renoviert sein, da die Zimmer benötigt werden, um neue Menschen aufzunehmen, die ihre Ankunft schon angekündigt haben. Die Fenster und Türen, teils mit neuem Glas versehen, benötigen aber noch jeweils zwei Anstriche. Die Gruppe entscheidet sich, nur noch einmal mit Farbe über das Holz zu gehen und eine Tür im Originalzustand zu lassen, damit die Räume am nächsten Tag beziehbar sind.
»Die Technikteams sind ein gutes Beispiel dafür, dass wir Menschen haben, die sehr professionell mit Technik umgehen oder schweißen können. Und das sind keine Menschen, die eine Ausbildung in dieser Richtung gemacht haben.« Aber sie hätten Leute gefunden, erzählt Elianora weiter, ältere Arbeiter aus der Gemeinschaft, »die genau dieses Wissen einer jüngeren Person an die Hand geben und ihnen sozusagen eine selbstorganisierte kurze Ausbildung vermitteln«.
Immer was zu tun
In Prosfygika wird ständig von einer Aufgabe zur nächsten gesprintet. Bei den Plena haben die Diskutierenden meist müde Augen. »Gab es diesen Stress schon vor Beginn des Hungerstreiks?«, frage ich Elianora. Natürlich seien sie gerade in einer extremen Situation, »wo jeder Tag zählt. Jeder Tag, an dem wir zuwenig Druck aufbauen und an dem es keine Rückmeldungen gibt oder wir nicht weiterkommen im politischen Kampf gegen die anstehende Räumung, ist ein Tag, an dem unser Genosse Aristos mehr leidet.« Gleichzeitig sei dessen Entscheidung, in den Hungerstreik zu gehen, eine Entscheidung der gesamten Gemeinschaft, »die auf der Annahme basiert, dass wir alle hier bereit sind, alles für das Überleben der Community zu geben und genau das zur obersten Priorität zu machen«.
Aber die andauernde Rastlosigkeit in den Blocks habe nicht direkt damit zu tun, sagt Elianora: »Der Workload oder die Einsatzbereitschaft bzw. Notwendigkeit zur Einsatzbereitschaft ist hier immer sehr hoch gewesen.« Es sei auch schon immer klar gewesen, dass wir das nicht einfach nur für eine begrenzte Zeit machen – »dass es auch Leute gibt, die alt werden, die mehr Pausen brauchen. Aber um zu erreichen, dass mehr von uns das machen und wir eine ruhigere Arbeitsweise haben können, müssen wir uns mehr öffnen.« Vor zwei Jahren hätten sie deshalb beschlossen, dass in den nächsten zwei Jahren 150 Leute mehr in die Kommune ziehen sollen. »Und wir sind auf gutem Wege, das zu schaffen.«
Der Stress wirke sich nicht unbedingt negativ auf das Zusammenleben in den acht Blocks aus, im Gegenteil beobachten Elianora und Maria ein Zusammenrücken der Menschen. Auf die Frage, was das »Überleben der Community« bedeutet, antwortet Elianora: »Dass die gesamten acht Häuserblocks von der Alexandras bis zum Krankenhaus, zwischen der Polizeihauptstation und dem Obersten Gerichtshof bleiben. Dass wir hierbleiben, dass die Strukturen bleiben, dass wir unsere Autonomie erhalten. Genau das bedeutet das.«
→* Die Namen sind der Redaktion bekannt.
ÜS Infobox: Autor Kanal
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