Der nächste Krieg wäre euch sicher
Am 9. Mai 1945 veröffentlichte die Zeitschrift Freies Deutschland in Mexiko einen Aufruf Heinrich Manns an das befreite Berlin
Berliner: Ihr Arbeiter von Berlin, Jugend Berlins und ihr Übriggebliebenen aus unserer Zeit, die ihr nicht alles und auch uns nicht ganz vergessen habt: Wir sprechen zu euch als Zugehörige, wir sind euch nicht entfremdet, trotz langer Abwesenheit. (…) Berlin ist in Europa eine große Fackel der Vernunft gewesen, eine Lichtstadt war es bis in die Jahre der widerwärtigen Verfinsterung ganz Deutschlands. Die letzten, nichtswürdigen Gebieter des Landes sind auf ihrem Weg zur Macht am längsten aufgehalten worden von Berlin. (...)
Jetzt wäre es leicht, aber auch leichtherzig und fühllos, euch zu sagen: Seid noch froh, die Sieger tun euch nichts, menschlicher sind sie auf jeden Fall als eure bisherigen Unterdrücker. Wir sagen davon nichts. Eine eroberte Hauptstadt bleibt immer die Beute und die Geisel des Siegers. Mag er gerecht denken, muss er doch hart sein. Ihm ist Berlin, das er besetzt hält, nicht die Lichtstadt, die wir kannten, die über Europa hinausstrahlte. Er darf nichts kennen als das Berlin der verruchten Pläne auf Knechtung und Vernichtung des Kontinents, des Weltalls. (…)
Betrachtet eure Befreier, Berliner. Sie haben es alle die Zeit nicht leichter gehabt als ihr; im Gegenteil, ihnen war von euren Gebietern, die schon glaubten, sie geböten über das ganze Europa, viel Schlimmeres zugedacht, als ihr jemals zu fürchten hattet. Nur mit äußerster Kraft konnten sie die Drohung – die ihr waret! – von sich abwenden.
Was das fertige Unglück betrifft, ist es merkwürdig ähnlich ausgefallen, bei ihnen und bei euch. Auch dort zertrümmerte Städte, hungernde, frierende Menschen, Krankheiten, und ganze Generationen so gut wie ausgetilgt. Wir vergessen keinen Augenblick, Berliner, zu wem wir sprechen. Wenn ihr, schrecklich, wie es euch jetzt geht, uns dennoch anhört, haben wir euch zu danken, euch zu rühmen. Bedenkt nur, eure Sieger, ihre Angehörigen zu Hause, mehrere ihrer Nationen sind durch ganz dasselbe Elend gegangen. Manches Volk steckt tief darin, wie ihr. Und der Toten sind überall die schauerlichen Legionen.
Wie heißt das? Ihr und sie tragen, ob Sieger oder Besiegte, viel von dem gleichen Schicksal: Wie hätte man das sonst genannt? Wenn alles geschehene Unrecht zu streichen ginge? Brüderlichkeit würde es heißen. Das Wort hat recht, trotz allem. Vergeßt es nicht, vergeßt es nie wieder! (…)
Eure Eroberer haben euch befreit von den Urhebern, den vorsätzlichen, durchaus bösen Veranstaltern eures Leidens: Das rechnet ihnen an. Sie taten es nicht um euretwillen, euch meinten sie zu bestrafen für das angerichtete Elend der Welt, ihr eigenes Elend. Tatsächlich aber geben sie euch die Gelegenheit, die ihr allein nicht gefunden oder nicht begriffen hattet: euch selbst zu befreien. Nur von einem Eroberer befreit sein heißt noch gar nichts. Ihr müßt es selbst tun. Andere haben eure Unterdrücker besiegt. An euch, zu verhüten, dass sie wiederkehren. Ihr habt, kurz gesagt, eure Revolution zu machen. Jede moderne Nation, die groß wurde und Achtung errang, hat ihre Revolution gehabt – die eine vor hundert und mehr Jahren, die andere kürzlich. Die deutsche Revolution ist versäumt: daher die beiden deutschen Kriege, die vergeblich geblieben sind, wie der dritte fehlschlagen würde. Ein Volk, das sein eigenes Land erobert und befreit hat, braucht keine fremden Kriege. Ein freies Volk will andere nicht knechten. (…)
Berliner Arbeiter und ihr Intellektuellen, ihr waret meistens gewohnt, die öffentlichen Vorgänge auf das Wirtschaftliche zurückzuführen. Wenn die lügnerische Rassenlehre euch nicht dumm gemacht hat, dann wisst ihr, dass weniger blonde Bestien und Herrenmenschen euch gegen die Welt, gegen euer Land und Volk missbraucht haben. Vielmehr waren es gewöhnliche Geldmacher, geschäftlich überall verfilzt, an Deutschland nicht, nur an ihrem Weltgeschäft interessiert. Ihr Beauftragter Hitler war undeutsch wie sie. (…)
Vor allem bedankt euch bei seinen Geldgebern, die ihn und seinen entsetzlichen Unfug über euch gebracht haben! Ruht nicht, bis der letzte von ihnen verschwunden und unschädlich ist, wenigstens soweit sie in Deutschland sitzen. Den großen Generalstab abschaffen? Richtig, aber damit allein wären neue Katastrophen nicht abgewendet. Die Junker entmachten? Richtig, aber der Adel ist ohnedies im Untergang. Die Industriellen und Finanzleute sind der Feind, den ihr schlagen sollt. Das könnt nur ihr selbst. Versagt ihr, kann auch kein fremder Sieger helfen. Ruht nicht, bis alle lebenswichtigen Unternehmungen übergegangen sind aus der Privathand in die öffentliche! Solange noch eine der großen Industrien individualistisch betrieben wird, drohen euch Rechtlosigkeit und Gewalt wie je. Der nächste Krieg wäre euch sicher, wie der vorige euch gewiß war.
→ Heinrich Mann: An das befreite Berlin. Freies Deutschland, Mexiko, Sondernummer vom 9. Mai 1945 – auch als Flugblatt verbreitet. Hier zitiert nach: Heinrich Mann: Verteidigung der Kultur. Antifaschistische Streitschriften und Essays. Aufbau-Verlag, Berlin 1973, Seiten 357–360
→ Unter den 66 Unterzeichnern des Aufrufs befanden sich neben Heinrich Mann u. a. Alexander Abusch, Erich Arendt, Ludwig Renn, Anna Seghers, Kurt Stern und Bodo Uhse
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Das Verwaltungsgericht Berlin hat im Juli 2024 in der ersten Instanz entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jährlichen Verfassungsschutzberichten erwähnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden. Seit vielen Monaten warten Verlag und Redaktion inzwischen auf eine Entscheidung des Gerichtes, ob eine Revision möglich oder gleich ein Gang vor das oberste Gericht nötig ist.
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