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28.03.20261 Leserbrief
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Globale Ungleichheit und Weltkriegsgefahr
Im November erschien das Buch des serbisch-US-amerikanischen Ökonomen Branko Milanović »Die große globale Transformation: Nationaler Marktliberalismus in einer multipolaren Welt« auf englisch, eine deutsche Ausgabe liegt noch nicht vor. Am Freitag veröffentlichte die FAZ ein ausführliches Interview mit dem Autor, das Feuilletonredakteur Oliver Weber geführt hat. Überschrift: »Anfang einer neuen Weltordnung«.
Milanović, der 20 Jahre zum Teil als Chefökonom mit dem Schwerpunkt soziale Ungleichheit für die Weltbank gearbeitet hat, meint, »dass die neoliberale Weltordnung, die den Globus seit den achtziger Jahren bestimmt hat, vorbei ist.« Er spricht auch vom »Zeitalter der Globalisierung«. Ein Beleg für dessen Ende ist ihm aktuell der Iran-Krieg, der unabhängig vom Ausgang »das Ideal des freien Handelsverkehrs außer Kraft« gesetzt habe. Das sei aber nur ein Beispiel für vieles: »Handelssanktionen, Investitionshindernisse, Grenzen für Migranten, Protektionismus, die Aufteilung der Welt in Einflusssphären«.
Weber fragt, ob nicht »der Neoliberalismus aber doch ein großer Erfolg« gewesen sei, die globale Ungleichheit etwa sei beträchtlich gesunken. Milanović stimmt zu: »Die Einkommensschere zwischen den Ländern ist kleiner geworden, die weltweite Armut hat sich enorm verringert. Das ist Asien zu verdanken und vor allem natürlich China, das in den vergangenen Jahrzehnten einen beispiellosen Aufstieg erlebt hat. Noch nie in der Weltgeschichte, auch nicht während der europäischen industriellen Revolutionen, haben so viele Menschen so schnell und so kräftig ihren Wohlstand gesteigert.«
Milanović hat schon früher geschlussfolgert, dass sich eine neue globale Mittelklasse bilde, die Ähnliches konsumiere, einen ähnlichen Lebensstil pflege. Diese Angleichung führe zugleich zu Statusverlusten. Ein deutscher Arbeiter bei VW verdiene zum Beispiel heute mehr als vor 30 Jahren, aber bestimmte Dinge seien zu teuer für ihn geworden: ein iPhone, die Familienreise nach Thailand oder Tickets für die Fußballweltmeisterschaft. Besonders gelte das für die unteren Einkommensgruppen im Westen.
Der FAZ-Redakteur fragt, ob deswegen der Aufstieg Chinas »im Westen in erster Linie als Bedrohung« erscheine. Milanović bejaht das und verallgemeinert: »Die globalen Erfolge werden aus dem Blickwinkel von Nationalstaaten betrachtet.« Dabei sei es »ein einfacher humanistischer Gedanke, dass der Westen langfristig einen relativen Abstieg erleben muss – definitionsgemäß können nur so die anderen Weltregionen ökonomisch aufholen und sich die Menschheit dem Ideal der Gleichheit annähern«.
Das erscheint ökonomisch wie sozial merkwürdig naiv: Die Zusammenballung ökonomischer und politischer Macht in neuartigen Monopolen, also Verschärfung von Ungleichheit und Konkurrenz, insbesondere in den USA besagt, dass der Kampf um die US-Dominanz bereits in vollem Gange ist. Milanović ebnet die Klassengegensätze ein und bietet nur das hohle Konstrukt einer »globalen Elite« an, die in Russland, China und den USA gleichermaßen von den politischen Führungen eingehegt werde. Die »globale Seite des neoliberalen Projekts« sei verabschiedet worden, geblieben sei die nationale. Auf die Frage, ob die Gefahr großer Kriege gewachsen sei, antwortet Milanović ausweichend: Nationale Interessen werden nach ihm »immer rücksichtsloser vertreten«, und: »In mancherlei Hinsicht gleicht die Situation der vor dem Ersten Weltkrieg, als der Aufstieg des deutschen Kaiserreichs die englische Hegemonie in Frage stellte.«
Der Vergleich scheint angebracht. Die entscheidende Ursache für die Weltkriegsgefahr ist von Milanović aber nicht zu erfahren.
Der Vergleich mit der Situation vor dem Ersten Weltkrieg scheint angebracht. Die entscheidende Ursache für die Weltkriegsgefahr ist von Milanović aber nicht zu erfahren.
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Istvan Hidy aus Stuttgart 29. März 2026 um 10:47 UhrArnold Schölzels Beitrag überzeugt vor allem durch seine Gewissheit – weniger durch seine Analyse. Die komplexe Weltlage wird auf ein altbekanntes Deutungsmuster reduziert: Kapitalismus gleich Konkurrenz gleich Kriegsgefahr. Das ist eingängig, aber analytisch unerquicklich. Indem Schölzel nahezu alle Entwicklungen auf Klassenkonflikte zurückführt, blendet er zentrale Realitäten aus. Aktuelle Spannungen speisen sich nicht nur aus ökonomischen Interessen, sondern ebenso aus geopolitischen Machtfragen, technologischer Konkurrenz und sicherheitspolitischen Überlegungen. Diese Vielschichtigkeit lässt sich nicht mit einem ideologischen Raster erklären, das offenkundig mehr bestätigen als verstehen will. Besonders befremdlich ist zudem, wie beiläufig die historisch beispiellose Verringerung globaler Armut relativiert wird. Dass hunderte Millionen Menschen ihren Lebensstandard erheblich verbessern konnten, ist kein Randaspekt, sondern eine der zentralen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte. Auch der bemühte Vergleich mit der Lage vor dem Ersten Weltkrieg wirkt eher alarmistisch als erhellend. Wer aus jeder Verschiebung im globalen Machtgefüge zwangsläufig auf eine neue Katastrophe schließt, ersetzt Analyse durch Dramatisierung. Schölzels Text zeigt damit weniger die Schwächen von Milanovićs Ansatz als die Grenzen einer Weltsicht, die in alten Erklärungsmustern verharrt und der Gegenwart – geschweige denn der Zukunft – nicht mehr gerecht wird.
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