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Aus: Ausgabe vom 28.03.2026, Seite 9 / Schwerpunkt
Iran-Krieg

»Gott will es«

USA: Evangelikale in der Trump-Regierung wollen die Streitkräfte zum Heer von Glaubenskriegern umbauen – ohne »dumme Rules of Engagement«
Von Susann Witt-Stahl
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Christlicher Nationalismus zur Schau getragen: Hegseth auf der Basis »Pearl Harbor-Hickam« in Honolulu (25.3.2025)

US-Kriegsminister Pete Hegseth inszeniert sich seit Beginn des Iran-Kriegs als Vollstrecker göttlicher Vorsehung. »Gelobt sei der Herr, mein Fels, der meine Hände geschickt macht für den Kampf, meine Finger für den Krieg«, las er aus Psalm 144 des Alten Testaments bei einer Pentagon-Pressekonferenz und versprach, »Tod und Zerstörung« auf die Feinde herniederregnen zu lassen. Hegseth, Träger von Tattoos mit dem Jerusalemer Kreuz und dem Schlachtruf der Kreuzfahrer »Gott will es«, betonte bei einem nationalen Gebetsfrühstück, dass die »Krieger« der USA nicht nur mit dem »Arsenal der Freiheit«, sondern auch mit dem »Arsenal des Glaubens« bewaffnet seien.

Im Dezember 2025 hatte Hegseth beklagt, dass die Autorität des Seelsorgerkorps als »spirituelles und moralisches Rückgrat« der US-Streitkräfte in den vergangenen Jahrzehnten durch »säkularen Humanismus« untergraben worden sei. Unter dem Motto »Making the Chaplan Corps Great Again« ließ der Ex-Fox-Moderator am Dienstag Reformen in Kraft treten: Diese sehen zum Beispiel die Ersetzung der Rangabzeichen der Militärprediger durch religiöse Insignien vor. Damit soll ihre »göttliche Berufung« hervorgehoben und die Überzeugung und Standhaftigkeit der Soldaten gestärkt werden.

Wie in Gaza

Die Konditionierung der US-Streitkräfte zum christlichen Nationalismus ist zukunftsweisend für Kampfeinsätze ohne Jus in bello. Dass die Trump-Regierung die Option beansprucht, die Fesseln der Haager und Genfer Abkommen sowie der Zusatzprotokolle zu sprengen und einer Kriegführung unbeschränkter Rücksichtslosigkeit nachzugehen, hat ihr Kriegsminister bereits im Fall Iran deutlich gemacht: »Das sollte nie ein fairer Kampf sein, und es ist kein fairer Kampf. Wir schlagen sie, während sie unten sind«, verkündete Hegseth Mitte März auf einer Medienkonferenz. Vorher hatte er damit geprahlt, die »dummen Rules of Engagement« abgelegt zu haben. Die Bombardierung von Schulen, Krankenhäusern und Wohnvierteln geschehe mit voller Absicht, meint der Investigativjournalist Ben Norton unter Verweis auf Berichte der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und von UNICEF. »Die USA und Israel wollen im Iran die gleiche Art von Vernichtungskrieg wiederholen, den sie in Gaza geführt haben.«

Die Trump-Administration verbindet mit der israelischen Rechtsregierung, nationalreligiöse Narrative als Legitimationsideologie für schwerste Kriegsverbrechen zur Durchsetzung imperialer Interessen einzusetzen – getragen von einem unerschütterlichen Exzeptionalismus: Die Errichtung Großisraels wird von fundamentalchristlichen wie rechten jüdischen Zionisten als »gottverheißen« betrachtet.

»Präsident Trump wurde von Jesus gesalbt, um das Signalfeuer im Iran anzuzünden, Armageddon zu veranlassen und seine Rückkehr zur Erde zu markieren«, so die Ansage eines Kommandeurs einer US-Armeeeinheit, die demnächst in den Iran-Einsatz gehen könnte. Sie ist in einem Report der Military Religious Freedom Foundation (MRFF) dokumentiert und wurde von 15 Soldaten bezeugt, deren Namen wegen zu befürchtender Repressalien geheimgehalten werden. Mittlerweile sollen rund 200 Beschwerden von Angehörigen der US Army über Offiziere bei der Stiftung eingegangen sein, die ähnliche Wahnphantasien in der Truppe verbreitet haben sollen. »Jedesmal, wenn Israel oder die USA im Nahen Osten beteiligt sind, bekommen wir dieses Zeug über christliche Nationalisten, die unsere Regierung und sicher unser US-Militär übernommen haben«, schlug MRFF-Präsident Mikey Weinstein im Guardian Alarm und ergänzte wenige Tage später gegenüber USA Today: »Den Krieg gegen den Iran gerechtfertigt erscheinen zu lassen durch Interpretationen der Offenbarung Johannes und christliche Endzeiteschatologie ist ein Frontalangriff auf unsere Verfassung, unsere nationale Sicherheit und die Sicherheit der ganzen Welt.«

Richtung Apokalypse

Dass die Evangelisation des US-Militärs in Richtung Apokalypse voranschreitet, bestätigt auch die kürzlich bekanntgewordene Berufung von Erika Kirk in den 16köpfigen Aufsichtsrat der United States Air Force Academy (USAFA). Das Gremium, das sich gewöhnlich aus Politikern und ranghohen Exmilitärs rekrutiert, ist unter anderem für die Überprüfung des Lehrplans der Akademie sowie die Erziehung der Kadetten zu Moral und Disziplin zuständig. Dass die Vorsitzende der von evangelikalen Eiferern durchsetzten MAGA-Jugendbewegung »Turning Point USA« auf den Posten ihres Mannes Charlie nachrückt, der durch dessen Ermordung im September 2025 freigeworden ist, wurde vom US-Präsidenten veranlasst. Das sei der nächste Schritt der Verwandlung der US-Armee in eine »christlich-nationalistische Prätorianergarde«, zitiert The Intercept eine ehemalige USAFA-Dozentin. Für Pete Hegseth ist er allein schon wegen der »Bedrohung« durch den Iran eine Notwendigkeit: »Wir kämpfen gegen religiöse Fanatiker, die nach nuklearen Waffen streben, um ein religiöses Armageddon herbeizuführen.«

Hintergrund: US-Kriege als Kreuzzüge

Die Evangelisation der US-Armee war eine Strategie im Kalten Krieg gegen den Einfluss des Kommunismus und der Friedensbewegung. »Es war Vietnam, das wirklich das Blatt wendete«, konstatierte die Historikerin Anne C. Loveland in ihrem 1996 erschienenen Band »American Evangelicals and the U. S. Military, 1942–1993«. Mit John C. Broger hatte schon ab 1961 ein christlicher Fundamentalist die Abteilung Armed Forces Information and Education des Verteidigungsministeriums geleitet.

In den 1980er Jahren propagierte Ronald Reagan als Präsident der religiösen Rechten die Stellvertreterkonflikte gegen den Systemkonkurrenten Sowjetunion als »Kreuzzug« gegen das »Reich des Bösen«. George W. Bushs »War on Terror« verhalf millenaristischen Anschauungen zum Durchbruch. »Evangelikale sind eine wachsende Kraft im Militärseelsorgerkorps«, titelte die New York Times 2005 und präsentierte Erhebungen der US Air Force, gemäß der sich die Zahl der Prediger des bibeltreuen Christentums in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt hatte. Laut einer Studie der Military Association of Atheists and Freethinkers stellten Evangelikale 2017 schon 69,1 Prozent der Militärseelsorger. Es häufen sich Berichte über die Diskriminierung von Soldaten, deren anderer Glaube von evangelikalen Geistlichen als »satanisch« geächtet wird.

Wie Al-Dschasira bereits 2009 enthüllt hatte, wurden US-Soldaten im Afghanistan-Einsatz aufgefordert, das Neue Testament in Paschtu zu verbreiten. »Wir als Christen jagen Leute für Jesus«, rief ein Prediger in der Armeebasis Bagram zur Bekehrung der muslimischen Bevölkerung auf. Obwohl das klare Verstöße ebenso gegen die US-Verfassung wie gegen die Regularien des Central Command waren, in denen »Missionierung« an erster Stelle der »verbotenen Aktivitäten« gelistet ist, signalisierte das Pentagon keinen Willen einzugreifen. (sws)

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Ulf G. aus Hannover (29. März 2026 um 20:44 Uhr)
    »Gott will es« zu sagen, das ist schon eine ziemliche Unverfrorenheit angesichts eines Gottes, der immer mal wieder bereut, was er so angestellt hat, etwa den den Menschen gemacht (1.Mo6,6) oder Saul zum König erhoben (1.Samuel15,11) zu haben. »Bibeltreue« ist angesichts diverser sachlicher Unstimmigkeiten in der Bibel schlicht unmöglich. Man kann die Bibel nur als spirituelles Erbauungsbuch lesen, nicht aber als mathematisch exaktes Anweisungslexikon. Wo der Krieg geliebt wird, hängt man ihm gern ein Mäntelchen der Ekstase und des Rausches um, das den Krieger aller Irdischkeit enthebt und ihn in völliger Selbstaufgabe dem Glanz des ewigen Heils entgegeneilen lässt. Hesekiel 38/39 bzw. die Apokalypse der Johannes (Kapitel 20) mögen da den Kampfgeist heben - wenn auch wohl nur dann, wenn man zuvor sein Hirn ausschaltet. Vor dem großen endzeitlichen Kampf findet nämlich die Auferstehung des Fleisches statt. Hesekiel beschreibt im Kapitel 37, wie sich die Gräber der Israeliten öffnen und sich die Knochen wieder mit Fleisch und Haut bedecken und die derart Auferstandenen aus der Diaspora dann alle ins Land Israel zurückkehren. Derlei konnte man bislang noch nicht in der Zeitung lesen. Israel würde unter katastrophaler Überfüllung leiden. Meldungen über Verwüstungen jüdischer Friedhöfe hängen eher mit Vandalismus und weniger mit dem Anbruch der Endzeit zusammen. Über solche Unstimmigkeiten schaut man gern hinweg, wenn's der tieferen Freude an der Morderei dient. Und Spaß soll der Krieg schließlich machen, das sagt selbst Trump. Schon traurig, wie sehr Politik von Stimmungen, Emotionen und Kopflosigkeiten bestimmt ist. PS: Warum lässt sich unter dem Artikel »Heimatfront des Herrn« kein Leserbrief unterbringen?
  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (29. März 2026 um 10:10 Uhr)
    Wo leben wir eigentlich – im 21. Jahrhundert oder in einer apokalyptischen Fantasie aus dem Mittelalter? Es ist der 27. März 2026, und einflussreiche Politiker, Prediger und Millionen Anhänger in den USA sprechen ernsthaft von Endzeitschlachten, biblischen Feindbildern und göttlich legitimierten Kriegen. Statt rationaler Außenpolitik und diplomatischer Verantwortung wird hier ein brandgefährlicher Mix aus Religion, Ideologie und Machtpolitik zelebriert. Wenn politische Entscheidungen mit »Gut gegen Böse«-Narrativen aus religiösen Schriften begründet werden, ist das kein Glaube mehr – das ist Fanatismus mit geopolitischen Folgen. Besonders erschreckend ist, wie offen hier auf eine Eskalation hingearbeitet wird: Iran als »Persien«, Russland als »Magog«, der Krieg als göttlicher Plan. Das entmenschlicht reale Menschen und reale Konflikte. Es verwandelt komplexe politische Krisen in ein simples, gefährliches Weltbild, in dem Gewalt nicht nur gerechtfertigt, sondern geradezu erwartet wird. Und währenddessen wird im Hintergrund an einer Vision gearbeitet, die mit Demokratie unvereinbar ist: eine religiös geprägte Staatsordnung, in der politische Macht durch angeblich göttliche Mission legitimiert wird. Das ist kein Randphänomen mehr – das ist tief im politischen und gesellschaftlichen Einfluss verankert. Die eigentliche Frage ist nicht nur »Wo leben wir?«, sondern: Wie konnte es so weit kommen, dass apokalyptischer Glaube wieder zur politischen Triebkraft wird – und wer hält das noch auf?
  • Leserbrief von Alexander Wiese aus Feldmoching (28. März 2026 um 20:34 Uhr)
    Supaaa, völlig durchgeknallte, hirngewaschene, bosblöde Wahnsinnige, die an aus dem Arsch gezogene, magische Zauberwesen glauben, sitzen an den roten Knöpfen der mit Abstand hochgerüstesten Armee der Welt und nutzen die Macht, weitere junge Rekruten – quasi Kinder – in ihren mörderischen Wahn hineinzuziehen. Hat die Menschheit ja mal wieder toll hin bekommen.

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