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Israelisches Atomprogramm

Geheimnisvolle Baustelle

Israel: Bei dem am Wochenende angegriffenen Reaktor Dimona wird seit mehreren Jahren gebaut

Foto: REUTERS
Offiziell ist wenig bekannt über das Atomkraftwerk Dimona (6.8.2000)

Iran hat am Sonnabend – wahrscheinlich zum ersten Mal – Israels Schwerwasserreaktor bei Dimona angegriffen. Zwei Raketen schlugen in Dimona und im nahegelegenen Arad ein. Insgesamt wurden fast 200 Einwohner der beiden Städte verletzt und zahlreiche Gebäude zerstört oder beschädigt. Die Attacken sollen Vergeltung für den vorhergegangenen israelisch-US-amerikanischen Angriff auf die iranische Atomanlage in Natans sein.

Dass Dimona die Grundlage des israelischen Atomwaffenprogramms ist, kann spätestens seit den umfangreichen und präzisen Aussagen, mit denen Mordechai Vanunu 1986 an die Öffentlichkeit ging, als unzweifelhaft gelten. Der Nukleartechniker, der neun Jahre lang im Shimon Peres Negev Nuclear Research Center, wie die Anlage seit 2018 offiziell heißt, gearbeitet hatte, verbrachte wegen dieses »Verrats« 18 Jahre im Gefängnis und wurde seit seiner Entlassung 2005 immer wieder wegen Pressekontakten und Äußerungen unter Hausarrest gestellt. Er ist jetzt 73 Jahre alt.

Im April 2016 berichtete die linksliberale israelische Tageszeitung Haaretz, Wissenschaftler hätten vor kurzem bei einer Ultraschalluntersuchung 1.537 Risse und andere Beschädigungen der Reaktorstruktur entdeckt. Kein Wunder: Die Anlage ist seit 1963 in Betrieb. Die extremen Belastungen durch Hitze und Strahlungen greifen die Beton-Ummantelung des Reaktorkerns stark an. Maximal 40 Jahre gelten im allgemeinen als normale Laufzeit. Im Rahmen der mageren Informationen und des von der Zensur Tolerierten begann man, mit zunehmender Besorgnis über Dimonas Zukunft zu sprechen.

Am 18. Februar 2021 ließ das International Panel on Fissile Material (IPFM), ein seit 2006 bestehender Arbeitszusammenhang an der ­Princeton University im US-Bundesstaat New Jersey, Satellitenfotos aus der nächsten Umgebung des Reaktors veröffentlichen. Sie zeigten eine Baugrube von 140 Metern Länge und 50 Metern Breite, deren Tiefe auf die Planung von drei unterirdischen Stockwerken schließen ließ. Das IPFM erklärte dazu, dass die Arbeiten Ende 2018 oder Anfang 2019 begonnen worden seien. Die israelische Regierung verweigerte jeden Kommentar. Das entspricht der offenbar unumstößlichen Praxis, keine Angaben zur Atomwaffenproduktion zu machen und den Besitz derartiger Waffen weder zu bestätigen noch abzustreiten. Experten interpretierten die Aufnahmen dahingehend, dass es sich um eine vollständige Erneuerung oder sogar einen Neubau der Anlage handeln könne. Andere Theorien zogen die Möglichkeit in Betracht, dass Platz für die Lagerung von Atommüll geschaffen wurde, oder dass zentrale Teile der israelischen Plutoniumproduktion durch ihre Verlagerung unter die Erdoberfläche besser geschützt werden sollten.

Im September vorigen Jahres griff Associated Press das Thema aufgrund neuer Satellitenaufnahmen wieder auf. Sie zeigten, dass wenige hundert Meter vom Reaktor entfernt immer noch gebaut wird. Zur Interpretation der Fotos zog die Nachrichtenagentur sieben Experten zu Rate. Drei von ihnen meinten, Ort und Größe des Baugebiets und die Tatsache, dass anscheinend eine mehrgeschossige unterirdische Anlage geplant sei, deuteten als wahrscheinlichste Möglichkeit auf den Bau eines neuen Schwerwasserreaktors hin. Die übrigen vier Wissenschaftler schlossen diese Annahme zwar nicht aus, hielten aber auch die Errichtung einer Atomwaffenfabrik für eine plausible Erklärung. Sie wollten sich nicht festlegen, da die Bauarbeiten noch in einem frühen Stadium seien.

Spätestens seit Sonnabend vergangener Woche ist die Frage des Schutzes von Dimona gegen Raketenbeschuss akut. Unabhängig davon ist aber auch die Dringlichkeit der Beendigung des verantwortungslosen Betriebs der überalterten, schadhaften Anlage nicht noch länger zu ignorieren. Der jetzt 85jährige emeritierte Professor für Physikalische Chemie Uzi Even, der in den 1960er Jahren zum ersten Wissenschaftlerteam in Dimona gehört hatte, plädierte schon 2016 beim Bekanntwerden der Schäden dafür, den Reaktor abzuschalten.

junge Welt

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Erschienen in der Ausgabe vom 24.03.2026, Seite 6, Ausland

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