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21.03.2026
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Bundesrepublik half Israel bei Atombombenbau
Medienbericht bestätigt westdeutsche Beteiligung an Nuklearprogramm, liefert aber kaum neue Informationen
Offiziell deklariert war eine 1960 unter Kanzler Konrad Adenauer vereinbarte Finanzhilfe für Israel als deutscher Beitrag zur »Entwicklung des Negev«. In Wirklichkeit floss vermutlich ein großer Teil des Geldes in den Bau des Atomreaktors bei Dimona, der dem Nahoststaat als Grundlage seiner nuklearen Aufrüstung diente.
Zwischen 1961 und 1973 habe die BRD jedes Jahr zwischen 140 und 160 Millionen D-Mark überwiesen, berichtete die linksliberale israelische Tageszeitung Haaretz am 13. März. Zusammengerechnet ergebe sich eine Summe von fast zwei Milliarden DM, die nach heutigem Wert ungefähr fünf Milliarden Euro entsprechen würde. Die erste Zahlung in Höhe von 82 Millionen DM sei im Dezember 1961 erfolgt. 1962 seien es 97,6 Millionen gewesen und jeweils rund 150 Millionen DM in den Jahren 1963, 1964 und 1965.
Adenauers Nachfolger Ludwig Erhard (16. Oktober 1963 bis 30. November 1966) habe die Vereinbarung als rechtlich nicht verbindlich angesehen, da sie weder im Kabinett diskutiert noch vom Bundestag beschlossen, sondern von Adenauer verheimlicht und an beiden Gremien vorbeigeleitet worden sei. Trotzdem seien die Zahlungen auch in Erhards Amtszeit, bei etwas veränderten Formalitäten, fortgesetzt worden. 1966 und 1967 habe Israel jeweils 160 Millionen DM erhalten, danach bis zum Auslaufen des Abkommens 1973 jährlich 140 Millionen DM. Offiziell habe es sich um ein Darlehen der staatlichen Kreditanstalt für Wiederaufbau zu äußerst günstigen Bedingungen gehandelt, heißt es in Haaretz. Dieses sei aber nicht zurückgezahlt, sondern 1989 praktisch in eine Schenkung umgewandelt worden.
Das klingt nach einer aufregenden Geschichte. Trotzdem fand der Artikel, den Haaretz unter der Überschrift »Deutschland finanzierte heimlich Israels Atomprogramm« veröffentlichte, kaum Beachtung. Dafür kann es mehrere Gründe geben. Erstens ist der behauptete Sachverhalt nicht neu. Zweitens liefert der Autor – Uri Bar-Joseph, emeritierter Professor für Internationale Beziehungen an der Universität von Haifa – auch keine bewiesenen Tatsachen und Einzelheiten, die bisher unbekannt waren. Insbesondere wird nicht belastbar deutlich gemacht, wie groß der Anteil der deutschen Zahlungen war, der direkt dem Reaktorbau und der Entwicklung von Nuklearwaffen zugute kam. Schimon Peres, der damalige Leiter des israelischen Atomprogramms, sah sich Jahrzehnte später als 91jähriger, wenige Monate vor seinem Tod, genötigt, im Spiegel vom 2. April 2015 ausdrücklich zu leugnen, dass »deutsche Millionen« in den Aufstieg Israels zur einzigen Atommacht Westasiens geflossen sind. Das Geld aus der BRD sei wirklich »in die Entwicklung der Negev-Wüste«, wie etwa den Bau einer Meerwasserentsalzungsanlage, investiert worden.
Als direkte Antwort auf Peres’ Dementi schrieb Hans Rühle, 1982–1988 Planungschef im Bundesverteidigungsministerium, in der Welt vom 14. April 2015: »Jahrelang zahlte Bonn dem jüdischen Staat unter strenger Geheimhaltung Hunderte Millionen. Angeblich für Entwicklungsprojekte. In Wahrheit ging es um Atomwaffen.« Einige Wochen später erzählte Rühle die ganze Geschichte noch einmal in der Zeitschrift Internationale Politik vom 4. Juni 2015. Dort schrieb er: »Die deutsche Finanzhilfe zur Entwicklung des israelischen Nuklearwaffenpotentials hat dem Staat der Juden eine Überlebensgarantie besonderer Art gegeben, die den Urhebern der ›Aktion Geschäftsfreund‹ zur Ehre gereicht.« Das war einer von mehreren Tarnnamen, unter denen das sogenannte Darlehen damals abgewickelt wurde.
In dem jetzt erschienenen Artikel von Haaretz sind keine relevanten Informationen zu finden, die nicht schon 2015 von Rühle erwähnt wurden. Bar-Joseph übernimmt auch dessen Behauptung, der Deal sei bei dem berühmten Treffen Adenauers mit dem israelischen Premierminister David Ben-Gurion vereinbart worden, das am 14. März 1960 im New Yorker Waldorf-Astoria-Hotel stattfand. Aber dafür gibt es keine Beweise, es existiert kein Transkript des Gesprächs. Franz Josef Strauß, seinerzeit Verteidigungsminister, notierte später, die israelische Seite habe dieses Thema erstmals 1961 bei einem Treffen in Paris zur Sprache gebracht.
Anmerkungen
Der genannte Artikel aus der Welt:
Der Beitrag aus der Internationalen Politik:
https://internationalepolitik.de/de/aktion-geschaeftsfreund
Die jüngsten »Enthüllungen« von Haaretz:
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