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Aus: Ausgabe vom 17.04.2026, Seite 15 / Feminismus
Sudan

Täter mit der Waffe in der Hand

Sudan: »Ärzte ohne Grenzen« dokumentiert die Erfahrungen überlebender Frauen in Nord- und Süddarfur, die brutale sexualisierte Gewalt erleben mussten
Von Ina Sembdner
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Eine Überlebende: Awadeya floh aus Al-Fascher und lebt nun einem Lager in Tawila (15.11.2025)

Diese Vorsichtsmaßnahme sudanesischer Frauen illustriert einen notwendigen Pragmatismus, der schwer erträglich ist: Um nach einer Vergewaltigung zumindest nicht schwanger zu werden, bitten sie die Helfer von »Ärzte ohne Grenzen« (franz. abgekürzt MSF) um empfängnisverhütende Mittel, bevor sie einen Fußmarsch antreten – etwa um Habseligkeiten von dort zu holen, woher sie durch den nunmehr drei Jahre lang andauernden Krieg vertrieben wurden. Wissend darum, »dass sexualisierte Gewalt auf den von RSF und ihnen nahestehenden Gruppen kontrollierten Straßen unvermeidbar sei«, wie der Ende März veröffentlichte MSF-Bericht »›Es gibt etwas, das ich dir sagen möchte …‹: Die Krise der sexualisierten Gewalt in Darfur überleben« festhält – 24 Seiten, die Betroffenen eine Stimme geben.

Während der Fokus in diesem Bericht auf den Verbrechen der von den Paramilitärs der RSF und mit ihnen verbündeten bewaffneten Gruppen liegt, wird eingangs klargemacht, dass »sexualisierte Gewalt von allen am Konflikt beteiligten Parteien verübt wurde«. In der Region Darfur im Westen des Sudan, gegenwärtig mehrheitlich unter Kontrolle der RSF, habe die anhaltende Verbreitung jedoch »ihre Wurzeln in jahrzehntelangen Konflikten und dem wiederholten Versagen, die Zivilbevölkerung zu schützen und die Täter zur Rechenschaft zu ziehen«. Schon während des von den Vorgängertruppen der RSF im Einvernehmen mit der damals herrschenden Regierung unter Omar Al-Baschir begangenen Völkermords Anfang der 2000er Jahre dokumentierte MSF, »wie Vergewaltigungen weit verbreitet waren und systematisch als Teil der von bewaffneten Milizen begangenen Massengreuel eingesetzt wurden«. Heute sei dies erneut zu einem »wesentlichen Merkmal des brutalen Konflikts in Darfur« geworden.

»Sie brachten uns auf eine freie Fläche. (…) Der erste Mann vergewaltigte mich zweimal, der zweite einmal, der dritte viermal und der vierte einmal. Abgesehen von den Vergewaltigungen schlugen sie uns mit Stöcken und richteten Waffen auf meinen Kopf. Ein anderes Mädchen, das 15 war (…), wurde von drei Männern vergewaltigt. Wir wurden die ganze Nacht über vergewaltigt.« 95 Prozent der Überlebenden in Norddarfur berichteten, von bewaffneten Personen angegriffen worden zu sein, 68 Prozent in Süddarfur, von denen wiederum fast 60 Prozent von mehreren Angreifern während einer Tat sprachen. Viele der Übergriffe geschahen bei alltäglichen Verrichtungen wie Feuerholzsammeln oder bei der Feldarbeit. Insgesamt suchten zwischen Januar 2024 und November 2025 mehr als 3.300 Überlebende Hilfe bei Gesundheitseinrichtungen in Nord- und Süddarfur, die von MSF unterstützt werden. Davon waren 97 Prozent Frauen und Mädchen.

In Norddarfur erlebten viele sexualisierte Gewalt – wie eingangs geschildert – auf der Flucht vor den mordenden Milizen rund um die Einnahme der Hauptstadt Al-Fascher im Oktober 2025. »Zwei der Frauen in unserer Gruppe wurden vor unseren Augen von der RSF-Miliz vergewaltigt. Es waren vier bis fünf Männer, die das gemeinsam taten. Ein Mädchen war 22 Jahre alt und starb noch vor Ort.« Insgesamt wurden innerhalb von drei Tagen mindestens 6.000 Menschen getötet. Die tatsächliche Zahl Überlebender sexualisierter Gewalt dürfte um ein Vielfaches höher liegen als die in diesem Bericht von MSF dokumentierten Fälle. Auch ihnen wird damit eine Stimme gegeben.

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