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Aus: Ausgabe vom 16.01.2026, Seite 6 / Ausland
Westbank

Israel nimmt Angehörige als Geiseln

Palästina: Tel Aviv hat die Witwe des getöteten Hamas-Kommandeurs Jahja Ajasch inhaftiert. Gefangennahmen werden zunehmend als Druckmittel eingesetzt
Von Mathias Dehne
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Gewalt und Willkür als staatliche Strategie: Israeliche Siedler vertreiben Palästinenser in Jericho (12.1.2026)

Jahja Abd Al-Latif Ajasch war in den 1990er Jahren einer der bekanntesten Kommandeure der Kassam-Brigaden, des militärischen Arms der Hamas. Ajaschs Lebensweg spiegelt die Tragik vieler palästinensischer Biographien wider. Dem jungen Mann wurde seinerzeit nach einem Bachelor in Elektrotechnik das Visum für ein Masterstudium in Jordanien von den Besatzungsbehörden verwehrt. 1992 schloss er sich den Kassam-Brigaden an. Ajasch nahm eine entscheidende Rolle bei der Herstellung von Sprengsätzen und der Planung von sogenannten Märtyreroperationen ein. Er war deshalb besser bekannt als der »Ingenieur«.

Wie Tareq Baconi im Buch »Hamas Contained« zeigt, etablierte die Hamas diese Suizidattentate als strategisches Instrument politischer Gewalt erst nach intensiven Debatten und unter dem Eindruck des Massakers in der Ibrahimi-Moschee in Hebron. Am 25. Februar 1994 – während des Fastenmonats Ramadan – ermordete der ultrarechte Siedler Baruch Goldstein dort 29 Palästinenser und verletzte über 100 weitere beim Morgengebet. Der erste Suizidanschlag im heutigen Israel im April 1994 war eine direkte Reaktion auf das Massaker. Sieben Menschen wurden dabei getötet und mehr als 50 verletzt. Die durch Ajasch orchestrierten Anschläge kosteten insgesamt etwa 90 Israelis das Leben, darunter viele Zivilisten.

Am 5. Januar 2026 jährte sich Ajaschs Tod zum dreißigsten Mal. 1996 tötete Israels Armee den 29jährigen gezielt und außergerichtlich mit Hilfe eines mit Sprengstoff präparierten Mobiltelefons. Nach dem Attentat berichtete die New York Times, dass über 100.000 Menschen die Straßen Gazas säumten, seinen Sarg trugen und ihn als Volkshelden ehrten. Jassir Arafat besuchte Ajaschs Familie und sprach ihr sein Beileid aus. Der katarische Sender Al-Dschasira griff in einem Bericht die Parallele zwischen seiner Hinrichtung und den völkerrechtswidrigen Pager-Attacken in Libanon im September 2024 auf.

Wenige Tage nach Ajaschs dreißigstem Todestag erfolgte am vergangenen Freitag die Verhaftung seiner Witwe in Nablus. Hijam Ajasch – besser bekannt als Umm Al-Baraa – sei, wie israelische Medien berichteten, wegen Aufstachelung in den sozialen Netzwerken verhaftet worden. Corpus delicti soll unter anderem ein Video sein, das ihren Ehemann als das darstellt, was er gewesen ist: der Mastermind hinter den ersten Suizidattentaten der Hamas. Außerdem soll sie weitere positive Bezugnahmen auf den palästinensischen Widerstand gepostet haben.

Der türkische Sender TRT veröffentlichte am Dienstag ein Foto zweier israelischer Soldaten, die neben Umm Al-Baraa stehen. Sie ist gefesselt und hat die Augen verbunden; der Soldat zu ihrer Rechten lächelt. Saher Dschabarin, Hamas-Chef in der Westbank, warnte in einer Erklärung: »Die fortgesetzte Verhaftung von Frauen (…), insbesondere von Ehefrauen und Müttern von Märtyrern und Gefangenen, wird zu Vergeltungsmaßnahmen führen und den Zorn unserer rebellischen Jugend und unserer heldenhaften Widerstandskämpfer gegen den Besatzer und seine Siedler in der besetzten Westbank schüren.«

Die Verhaftung Umm Al-Baraas ist kein Einzelfall, sondern Teil einer systematischen Strategie. Wie die Menschenrechtsorganisation Palestinian Prisoners Society am 8. Januar berichtete, sind seit Beginn des Krieges gegen Gaza 650 Frauen verhaftet worden – allein in den ersten acht Tagen dieses Jahres waren es fünf. Seit Beginn des Gazakriegs werden Frauen zunehmend als Geiseln festgehalten, um männliche Verwandte unter Druck zu setzen. Hinter Gittern sind sie Berichten zufolge Erniedrigungen und sexuellem Missbrauch ausgesetzt. Wie Umm Al-Baraas Fall werden die meisten Gefangennahmen mit Posts in sozialen Netzwerken begründet. Der Vorwurf lautet häufig »Aufstachelung«.

Die anhaltenden Repressionen sind Teil der israelischen Regierungsstrategie, die Palästinenser zu verdrängen. Das zeigt sich auch an den aktuellen Siedlungsplänen: Wie die israelische Tageszeitung Haaretz am Dienstag berichtete, mussten mehr als 100 Menschen unter ständigen Schikanen innerhalb eines Tages ihre Häuser in Ras Ein Al-Audscha in der Westbank verlassen. Die Aktion wurde von Beobachtern als »die abscheulichste ethnische Säuberung, die man sich vorstellen kann« bezeichnet.

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