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Aus: Ausgabe vom 10.01.2026, Seite 6 / Ausland
Brief aus Jerusalem

Zionismus muss enden

Brief aus Jerusalem: Ideologische Basis befeuert Völkermord in Palästina
Von Helga Baumgarten
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Tatgtäglich sind Palästinenser der Gewalt und Willkür der Besatzungsmacht ausgesetzt (Hebron, 10.12.2025)

Der Genozid in Gaza geht weiter. Inzwischen mehren sich die Zeichen, dass Israel seinen völkermörderischen Siedlerkolonialismus auf Westbank und Ostjerusalem ausdehnt. Wie reagieren die Palästinenser darauf? Lara Kilani hat im Dezember auf der Seite Mondoweiss und dann nochmals zusammen mit Leila Shomali im Ebb Magazine aus Oxford hervorgehoben, dass Zionismus und Kolonialismus bzw. Siedlerkolonialismus die historisch-politisch-ideologische Basis für den Völkermord sind. Ohne deren Beendigung würden ethnische Säuberung, Rassismus und Gewalt gegen Palästinenser nicht enden. Direkt damit gekoppelt, verstehen sie den palästinensischen Widerstand gegen Siedlerkolonialismus als eine endogene Bewegung seitens der direkt Betroffenen. Das bedeutet für sie, dass die Entwicklung antizionistischer Strategien einzig und allein durch die Palästinenser erfolgen soll..

Darauf aufbauend wenden sich die Autorinnen gegen die Einstaatenlösung und gegen die Forderung nach Gleichheit. Sie argumentieren, dass dies im Kern »liberale« Slogans seien. Sie würden Siedlerkolonialismus lediglich auf die 1967 besetzten Gebiete begrenzen, während das 1948 auf den Trümmern des historischen Palästinas gegründete Israel davon ausgenommen sei. Nicht zuletzt aus diesem Grund konzentrieren sie sich auf die klare Trennung zwischen dem Staat Israel unter der Führung zionistischer Siedlerkolonialisten und Palästina ohne dieselben.

Ihre Option für eine Zweistaatenlösung begründen Kilani und Shomali mit den Ergebnissen der letzten Meinungsumfrage von Khalil Schikakis Institut PCPRS in Ramallah vom Oktober 2025, die wie immer in der Westbank und im Gazastreifen durchgeführt wurde. Die Mehrheit der Befragten bevorzugt die Zweistaatenlösung. Allerdings übersehen die Autorinnen eine wichtige Einschränkung: Ganze 56 Prozent gehen nämlich zugleich davon aus, dass diese wegen der Präsenz der Siedlungen gar nicht mehr praktikabel ist.

Auch die Option eines demilitarisierten palästinensischen Staates in den Grenzen von 1967 wird von 53 Prozent abgelehnt, 44 Prozent sprechen sich dafür aus. Interessant sind die Unterschiede zwischen Gaza und Westbank. In Gaza plädieren 61 Prozent für diese Option, während es in der Westbank lediglich 33 Prozent sind. Ähnliche Unterschiede finden sich auch in der Wahl diverser Lösungsoptionen: 47 Prozent bevorzugen die Zweistaatenlösung, 18 Prozent optieren für eine Konföderation, allerdings lediglich acht Prozent in der Westbank im Vergleich zu 33 Prozent im Gazastreifen. Die Einstaatenlösung erhält zwölf Prozent Zuspruch, zehn Prozent in der Westbank gegenüber 14 Prozent im Gazastreifen.

Ihre Kritik an der Einstaatenlösung und der Forderung nach Gleichheit begründen die Autorinnen mit »liberalen« selbsternannten jüdischen Antizionisten bzw. der internationalen Solidaritätsbewegung, die diesem »liberalen« Kurs folge. Dagegen postulieren sie, dass ausschließlich die palästinensische Bewegung und ihre Sprecher formulieren könnten oder gar dürften, was Antizionismus und Dekolonisation seien. Nur von ihnen könne der Entwurf für ein anderes Palästina kommen.

Haben die Verfasserinnen je von der linken Organisation Matzpen gehört? Juden und Palästinenser in Israel haben seit den 1960er Jahren für eine sozialistische Zukunft gekämpft, gemeinsam, in voller Solidarität und Gleichheit. Schwer nachvollziehbar ist, wenn Omar Barghuti, der wichtigste Gründer der Israel-Boykott-Bewegung BDS, attackiert und seine Forderung nach Gleichheit als überholt abgelehnt wird. Offensichtlich haben die Autorinnen nie gelesen, was die Forderungen von BDS und im Besonderen von Barghuti sind, damit Gleichheit »from the river to the sea« möglich wird. Barghuti besteht kategorisch auf dem Ende des Zionismus als Ideologie und als Herrschaftsstruktur, auf dem Ende des Siedlerkolonialismus und einer erfolgreichen Dekolonisierung. Darin wird er von vielen jüdischen Antizionisten und Solidaritätsaktivisten weltweit unterstützt.

Hinweis: Eine erste Fassung des Beitrags enthielt im ersten Absatz einige durch redaktionelle Bearbeitung und Kürzung erfolgte Ungenauigkeiten, die korrigiert wurden. Wir bitte das zu entschuldigen. (jW)

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