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01.05.2026, 13:56:15
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Hartmut Nickel wäre zufrieden
Deutschen Eishockeyliga: Die Eisbären Berlin müssen die Meisterfeier noch einmal vertagen. Doch die Chancen auf den zwölften Ligatitel sind weiter exzellent.
Titelhattrick für die Berliner Eisbären? Die vierte Meisterschaft in den vergangenen fünf Jahren unter Meistertrainer Serge Aubin, der zwölfte ihrer Klubgeschichte in der Deutschen Eishockeyliga (DEL) seit 2005? Die große Feier ist nach der 3:4-Niederlage vom späten Donnerstag abend vertagt. Nach dem 7:3-Sieg im ersten Finalmatch beim Vorrundenzweiten zum Auftakt, dem 5:1 zuhause und dem 5:1 auswärts fehlt dem Titelverteidiger noch ein Sieg. Spiel fünf in der finalen Serie nach dem Modus Best-of-seven steigt am Sonntag in Mannheim.
Die 14.200 Fans in der ausverkauften heimischen Uber-Arena hätten auf dieses Szenario liebend gern verzichtet und waren nach der 3:1-Führung knapp sieben Minuten vor Schluss schon bester Hoffnung, dass sie gleich den Meisterpokal feiern würden. Dann schlugen die Kurpfälzer kurz vor ultimo noch zweimal zum 3:3-Ausgleich zurück und vermasselten den Hausherren in der zweiten Verlängerung und der insgesamt 84. Spielminute durch Luke Esposito endgültig die Party. Natürlich und erst recht auch dem frenetischen Anhang in der Hartmut-Nickel-Kurve, wo das Banner mit seinem Namen seit sieben Jahren unterm Hallen-Dach hängt. Hartmut Nickel ist hier unvergessen, eine Vereinslegende. Er war von 1963 an mehr als ein halbes Jahrhundert für die Berliner im Einsatz, zunächst als Spieler, auch mal als Cheftrainer, die meiste Zeit jedoch als Assistenzcoach. Er starb 2019.
Nickel würde heute mit Freude beobachten, dass die Eisbären ungeachtet der Heimniederlage in Finalmatch vier auf dem besten Weg zu ihrer zwölften DEL-Meisterschaft sind. Zwar hatte er als Crack und später als Betreuer mit den »Dynamos« 15 nationale Titel gewonnen. »Aber das kann man ja nicht mit der DEL vergleichen, das sind verschiedene Welten. Damals hatten wir doch nur zwei Klubs« sagte Nickel einmal über die »DDR-Minimeisterschaft« zwischen Berlin und Weißwasser. Der ersten gesamtdeutsche Titelgewinn der Berliner gelang 2005. Das Team unter Führung der legendären Cheftrainer Pierre Pagé und Don Jackson, die von Nickel als Fachmann für Trainingssteuerung, Fitness und Kondition unterstützt wurden, ließ bis 2013 noch sechs weitere Triumphe folgen.
Der Aufschwung der Ostberliner Eisbären, seit 1994 im Besitz der Anschutz Entertainment Group mit Sitz in Los Angeles, weckten beim 127maligen DDR-Nationalspieler immer auch Erinnerungen an alles, was er vor 1989 erleben musste. Die »Dynamos« in Berlin und Weißwasser hatten es Erich Mielke zu danken, dass sie nicht in der Versenkung verschwanden wie die Klubs in Rostock, Erfurt, Crimmitschau oder Dresden. Hartmut Nickel hätte abendfüllende Vorträge darüber halten können, wie er zwischen 1963 und 1974 als Spieler den offiziellen Kurswechsel miterlebte und auf welch abenteuerlichen Wegen Teile der nötigen Eishockeyausrüstung über die Grenzen nach Ostberlin transportiert wurden. Zwischen 1980 und 1990 erlebte er als Assistent von DDR-Nationaltrainer Joachim Ziesche das Schmerzlichste mit, was einem Sportler widerfahren kann: freiwillige Niederlagen. Trotz der »kleinsten Meisterschaft der Welt« tat sich die Auswahl mitunter schwer, der politischen Order zu folgen und um keinen Preis ihren Platz in der zweitklassigen B-Gruppe zu verbessern. »Bis 1973 durften wir uns sogar Prämien für den Nichtaufstieg abholen«, erinnerte sich Nickels Weggefährte Joachim Ziesche einmal. »1980 mussten wir uns alle Mühe geben, um die Schweiz in die A-Gruppe zu schieben.«
So versteht sich, dass Nickel den Eishockeyboom in der größer gewordenen BRD genoss. Sein besonderes Lob galt immer den Fans, die das Team tragen – früher im alten Wellblechpalast oder heute in der hochmodernen Arena am Ostbahnhof. »Nach der Wende mit der Integration in die Profiliga haben diese Leute das Eishockey erstmal richtig lernen müssen. Inzwischen können sie das Spiel immer besser lesen und die Mannschaft zum richtigen Zeitpunkt anfeuern.« 1996 kehrte er von einem dreijährigen Intermezzo in Hannover an die Spree zurück: »Ich hatte nach nur wenigen Trainingseinheiten gespürt, aus dieser Truppe ist ein deutscher Meister herauszukitzeln.« Schon 1998 war das große Ziel zum Greifen nahe. Die Eisbären erreichen erstmals ein DEL-Finale – just gegen die Mannheimer Adler – und feierten die Vizemeisterschaft. »Von so etwas hatten wir hier jahrelang geträumt. Nie hätte jemand gedacht, dass das mit der Meisterschaft mal Realität wird.« Basis für den Aufstieg mit bislang elf Titeln sei die »Eisbären-Familie« auf und neben dem Eis, war Hartmut Nickel überzeugt. »Wenn ich irgendwo Cheftrainer werden könnte, würde ich das nicht machen, sondern lieber hier als Assistent weiterarbeiten.« Sein Versprechen hat er über viele Jahre eingehalten, bis er 2016 in den Ruhestand verabschiedet wurde. Die Hartmut-Nickel-Kurve macht ihm bis heute Ehre.
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