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Aus: Ausgabe vom 16.03.2026, Seite 16 / Sport
Paralympics

Die Mär von der Neutralität

Trennbar untrennbar: Sport und Politik bei den 14. Winterparalympics
Von Gabriel Kuhn
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Warwara Worontschichina (Belluno, 12.3.2026)

Am Sonntag gingen in Italien die 14. Winterparalympics zu Ende. Ein Abkommen zwischen dem Internationalen Paralympischen Komitee (IPK) und dem Internationalen Olympischen Komitee (IOK) regelt seit 1991, dass die Paralympics jeweils nach Olympischen Spielen am selben Ort abgehalten werden. Das hat logistische Vorteile und bringt den Paralympics mehr Aufmerksamkeit.

Das 1989 gegründete IPK mit Sitz in Bonn ist vom IOK unabhängig. So gelten bei den Paralympics eigene Regeln. In diesem Jahr war das von besonderer Bedeutung, was die Teilnahme russischer und belarussischer Athleten betraf. Bei der Generalversammlung des IPK im September 2025 beschloss eine Mehrheit der Delegierten, sie bei den Paralympics wieder zuzulassen – nicht als »neutrale Athleten« unter olympischer Flagge, sondern als Vertreter ihres Landes, mit Fahnen, Hymnen und allem Drum und Dran.

Für Russland war es die erste offizielle Teilnahme bei Winterparalympics seit 2014. 2018 war das Land aufgrund der Vorwürfe systematischen Dopings bei den Olympischen Winterspielen in Sotschi 2014 gesperrt, und 2022 in Beijing wurde den bereits angereisten Athleten einen Tag vor den Spielen aufgrund des Krieges in der Ukraine die Teilnahme verweigert.

Nachdem russische und belarussische Athleten im Vorfeld der diesjährigen Paralympics kaum an Weltcupwettbewerben hatten teilnehmen können, konnten sie auch die Qualifikationskriterien für die Paralympics nicht erfüllen. Das IPK stellte daher Wildcards aus, sechs für Russland, vier für Belarus.

Die russischen und belarussischen Athleten, die an den Paralympics teilnahmen, bewiesen, dass sie sich trotz jahrelangen internationalen Boykotts in Form gehalten hatten. Vor den abschließenden Wettbewerben am Sonntag hielt Russland bei neun Medaillen, Belarus bei zwei. Die erste russische Goldmedaille gewann die Alpine Skiläuferin Warwara Worontschichina im Super-G stehend. Als einen Tag später die Langläuferin Anastassia Bagijan im klassischen Sprint der Sehbehinderten ebenfalls Gold gewann, protestierte die deutsche Silbermedaillengewinnerin Linn Kazmaier. Gemeinsam mit ihrem Guide Florian Baumann wandte sich die 19jährige bei der Hymne von der russischen Fahne ab. Auch das obligatorische Selfie der Medaillengewinner verweigerte sie. Zu Protesten gegen die Teilnahme von Russland und Belarus war es bereits bei der Eröffnungsfeier gekommen, als mehrere Länder, darunter auch Deutschland, ihre Delegationen zurückzogen.

Medaillenspiegel

Sportlich lief es für das deutsche Team ähnlich wie vor vier Jahren in Beijing. Dort lag die Medaillenausbeute bei 19, vor dem Schlusstag in Italien bei 16. Die bis dahin einzigen Goldmedaillen gewann die 36jährige Alpine Skiläuferin Anna-Lena Forster im Riesenslalom und in der Abfahrt sitzend. Als stärkste deutsche Disziplin erwies sich einmal mehr der Biathlon. Dort sicherte man sich neun Medaillen. Einen besonderen Erfolg verbuchte die 14fache paralympische Medaillengewinnerin Andrea Rothfuss. Zwar blieb der 36jährigen Alpine Skiläuferin bei ihren sechsten Paralympics eine Medaille verwehrt, doch sie war trotz einer längeren Erkrankung an Depression wieder am Start. Rothfuss nutzte die Gelegenheit, um in ihren Interviews das Thema psychische Gesundheit im Sport anzusprechen.

Vor dem Abschlusstag lag China mit 38mal Edelmetall im Medaillenspiegel deutlich vorn. 2022 etablierte sich das Land vor heimischem Publikum mit 61 Medaillen eindrucksvoll als Paralympicsgroßmacht. Davor hatte China bei Winterparalympics eine einzige Medaille gewonnen. Dies führte zu zahlreichen Diskussionen um das sogenannte Klassifizierungsdoping. China wurde vorgeworfen, das damals wegen der Coronapandemie modifizierte Klassifizierungssystem ausgenutzt zu haben, um Athleten in Wettbewerben an den Start zu bringen, für die sie eigentlich nicht zugelassen waren. Diese Diskussionen gab es in diesem Jahr nicht. Die Erfolge des chinesischen Teams seit 2022 scheinen zu bestätigen, dass China im Parasport schlicht große Fortschritte gemacht hat.

Goldenes Gloggnitz

Global kämpft der Parasport immer noch um Anerkennung. Doch auch hier gibt es Fortschritte. In Österreich sind die Geschwister Aigner Stars. Gemeinsam holten drei von ihnen in Beijing 2022 neun Medaillen im Alpinen Skilauf für Sehbehinderte, heuer waren es mindestens ebenso viele. Dabei hat mit Barbara Aigner eines der erfolgreichen Geschwister ihre Karriere mittlerweile beendet. Die Geschwister Aigner leben in dem kleinen Dorf Gloggnitz in Niederösterreich. Österreichischen Medien gefällt, dass Gloggnitz bei den diesjährigen Paralympics mehr Goldmedaillen als das Gastgeberland Italien oder die Nachbarn aus Deutschland gewonnen hat.

Mehr als 20 Paralympicsmedaillen hat mittlerweile die US-Amerikanerin Oksana Masters zu Buche stehen. Die Paralympics 2026 waren ihre insgesamt achten, da sie nicht nur im Langlauf und Biathlon im Winter an den Start geht, sondern auch im Rudern und Radsport im Sommer.

Olympische Ohrringe

Masters wurde in der Ukraine geboren und übersiedelte als Achtjährige in die USA. In der Ukraine wird der Parasport durchaus großgeschrieben. Vor allem im Biathlon sammelt das Land fleißig Medaillen. Bei den diesjährigen Paralympics waren es 16. Über die Teilnahme Russlands waren die ukrainischen Athleten nicht eben glücklich. Oxana Schischkowa, die 15fache Medaillengewinnerin im Langlauf und Biathlon der Sehbehinderten, verwies in Interviews auf die schweren Verletzungen, die ihr Bruder im Krieg gegen Russland erlitten hatte. Ukrainische Funktionäre sprachen von »systematischen Schikanen«, denen das ukrainische Team seitens des IPK und der italienischen Veranstalter ausgesetzt gewesen sei. So sollen Zuschauern ukrainische Flaggen mit Aufschriften abgenommen worden sein, die die Veranstalter nicht lesen konnten. Kleinlich wirkt, dass die Gewinnerin im Biathlonsprint stehend, Olexandra Kononowa, Ohrringe in den ukrainischen Landesfarben mit der Aufschrift »No War« ablegen musste. Das erinnert an den Ausschluss des ukrainischen Skeletonpiloten Wladislaw Geraskewitsch bei den Olympischen Winterspielen; auf Geraskewitschs Helm waren Porträts von im Krieg gefallenen ukrainischen Sportlern abgebildet.

Sport und Politik lassen sich nicht trennen, Gegenteiliges ist eine Mär. Würde man das anerkennen, ließe sich mit heiklen Fragen vielleicht besser umgehen. Nicht teilnehmen konnte bei diesen Paralympics übrigens der einzige gemeldete Teilnehmer aus dem Iran. Für den Langläufer Aboulfazl Khatibi Mianaei gab es aufgrund der militärischen Angriffe der USA und Israels keinen sicheren Reiseweg.

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