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Aus: Ausgabe vom 19.03.2026, Seite 10 / Feuilleton
Nachruf

Der Schritt zur Dialektik

Zum Tod des österreichischen Philosophen, Juristen und Politikers Alfred J. Noll
Von Hannes A. Fellner, Martin Küpper und Jörg Zimmer
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Alfred J. Noll im Juni 2018 in Wien

Am 16. März ist Alfred J. Noll im Alter von 66 Jahren verstorben. Mit ihm verlieren wir nicht nur einen bedeutenden marxistischen Intellektuellen, sondern einen Genossen und Freund, bei dem sich theoretische Klarheit, politische Haltung und persönliche Integrität auf seltene Weise verbunden haben.

Im deutschsprachigen Raum gab es nur wenige, die sich mit ihm hätten messen können. Noll war einer jener selten gewordenen Intellektuellen, die Philosophie nicht als Kommentar, nicht als akademische Disziplin, sondern als Wissenschaft des Gesamtzusammenhangs begreifen – als Einheit von Theorie und Praxis, von Analyse und Eingriff, von Begriff und Kampf.

In enger Verbindung mit Hans Heinz Holz und Silvia Holz gehörte er zu jenem Kreis, der den Marxismus in einer Zeit seiner tiefsten ideologischen Defensive nicht nur bewahrte, sondern weiterentwickelte. Wie Holz verstand auch Noll den Marxismus als offenes System. Er schöpfte aus seinen Quellen, ohne sich in ihnen zu erschöpfen. So erschloss er ihm immer wieder neue Dimensionen. Seine Beschäftigung mit Immanuel Kant ist hierfür exemplarisch. Noll zeigte, dass Kant den »realen Widerstreit« bereits als Grundstruktur der Natur und des Denkens erfasst hatte, ohne jedoch den Schritt zur Dialektik des Widerspruchs zu vollziehen. Noll sah die Aufgabe des Marxismus nicht darin, die Philosophie zu verwerfen, sondern sie auf ihrer eigenen Grundlage zu überschreiten.

So dialektisch eignete sich Noll die klassischen Denktraditionen an. Er machte etwa Thomas Hobbes für den Marxismus produktiv, indem er die Frage nach Souveränität, Gewalt und Rebellion aus ihrem bürgerlichen Horizont herauslöste und in den Zusammenhang gesellschaftlicher Widersprüche stellte. Wenn man ihn fragte, welchen Teil von Hobbes er gerade bearbeite, antwortete er lächelnd: den ganzen.

Seine Rezeption der italienischen Marxisten Galvano Della Volpe und Alessandro Mazzone, deren Werke er erstmals dem deutschsprachigen Publikum zugänglich machte, zeigt Noll als einen Denker, der den Marxismus als Wissenschaft verteidigt – gegen Irrationalismus, gegen theoretische Beliebigkeit, gegen die Auflösung in bloße Diskurse. Ebenso konsequent war seine Auseinandersetzung mit Martin Heidegger, den er als ideologischen »Werkmeister« eines reaktionären Denkens begrifflich analysierte und nicht moralisch verurteilte.

Von besonderer Bedeutung waren allerdings seine Arbeiten zur Rechtsphilosophie, denn in diesen erarbeitete er sich die Grundlage für seine juristische Praxis. Noll analysierte Recht als verdichtete Form gesellschaftlicher Widersprüche – als »unerbittlichen Spiegel« der bestehenden Verhältnisse. In dieser Perspektive wurde seine Praxis als Jurist für Medien-, Restitutions-, Verfassungs- und Menschenrecht selbst zu einem Feld der Kritik, zu einem Ort, an dem sich Theorie und Praxis unmittelbar verschränken. Das bedeutete auch: Einfluss nehmen, Öffentlichkeit herstellen und um Aufklärung bemühen.

Nolls Leben war vorbildlich im konkreten, gelebten Sinn. Er war, bei aller theoretischen Strenge, ein zutiefst zugänglicher und zugewandter Mensch, dessen intellektuelle Schärfe nie in Distanz umschlug. Wer mit ihm sprach, erlebte keinen dogmatischen Lehrmeister, sondern einen präzisen, wachen, humorvollen Gesprächspartner, der Begriffe ernst nahm, ohne die menschlichen Verhältnisse dahinter aus dem Blick zu verlieren. Immer sah er das Potential in seinem Gegenüber, ermutigte, die eigenen Grenzen zu überschreiten, wenn sich die Möglichkeit dazu bot, sich aber auch zurückzuziehen, wenn das Ziel unerreichbar war. Diese Haltung prägte auch seine juristische und politische Praxis. Er griff immer wieder in konkrete Auseinandersetzungen ein, verteidigte, widersprach, klärte auf, in dem Versuch, die Widersprüche der bestehenden Ordnung sichtbar zu machen. Auch sein Engagement im österreichischen Nationalrat war von dieser Haltung getragen: nicht Anpassung an das Gegebene, sondern Nutzung der gegebenen Formen, um über sie hinauszuweisen. Dafür respektierten ihn selbst erbitterte politische Gegner.

Gerade deshalb bewahrte er sich eine seltene intellektuelle Unabhängigkeit. In einer Zeit, in der viele den Marxismus entweder in akademische Spezialdiskurse auflösten oder vorschnell aufgaben, hielt Noll an der Notwendigkeit fest, begriffliche Klarheit mit politischer Erfahrung und Praxis zu verbinden. Vielleicht war es gerade diese Verbindung aus intellektueller Strenge, praktischer Erfahrung und persönlichem Engagement, die ihn zu dem machte, was er war: ein Dialektiker im besten Sinne – und ein Mensch, mit dem man gern Zeit verbrachte.

Mit Noll verliert die marxistische Bewegung einen Intellektuellen von seltenem Niveau. Was er praktisch und theoretisch geleistet hat, wird weiterwirken. Es ist an uns, diese Arbeit fortzusetzen.

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