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Aus: Ausgabe vom 05.02.2026, Seite 10 / Feuilleton
Epistemologie

Was ist Natur?

Zum Tod der Wissenschaftsphilosophin Renate Wahsner
Von Martin Küpper
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Andreas Cellarius, »Scenographia Systematis Copernicani«, um 1660

Vor mehr als zehn Jahren kamen in Berlin Menschen zusammen, die ein gemeinsames Interesse an der Dialektik verband. Sie gründeten eine Ortsgruppe innerhalb eines philosophischen Vereins. Die Runde war sowohl sozial als auch in ihren Kenntnissen vielfältig. Studierende trafen hier auf Beschäftigte im IT-Bereich und Ingenieure und auch auf Philosophen aus der DDR, die ihre Erfahrungen einbrachten. Regelmäßig wurden Referate vorbereitet, das Vereinsjournal gemeinsam gelesen und Workshops organisiert, etwa zu Fragen der Naturdialektik. Dass solche Themen überhaupt Raum fanden, war vor dem Hintergrund der Lehrpläne an den Berliner Universitäten eine Besonderheit. Besonders prägend war auch der Austausch zwischen den Generationen. Wenn Jüngere mit großer Zuversicht Thesen darüber vortrugen, wie die Dialektik der Natur zu verstehen sei, begegneten die Älteren dem Gesagten mitunter skeptisch. Sie mahnten zur Zurückhaltung und dazu, die Probleme gründlicher zu durchdenken. Außerdem rieten sie dazu, sich zunächst in die spezifischen Vorgehensweisen der Wissenschaften einzuarbeiten, bevor man zu kühnen Schlussfolgerungen gelangt.

Insbesondere Renate Wahsner, die am 22. Januar in Berlin verstorben ist, hob mitunter mahnend den Zeigefinger. Immer wieder wies sie darauf hin, dass Philosophie und Physik nicht dasselbe seien und man es sich nicht zu leicht machen solle. Die 1938 in Lausen bei Leipzig geborene Tochter eines Tischlers wusste, wovon sie sprach, denn sie hatte neben Philosophie auch Physik studiert und wurde in den 1960er Jahren am Lehrstuhl von Hermann Ley promoviert. Ley war maßgeblich daran beteiligt, innerhalb der Philosophie in der DDR eine Forschungsrichtung zu etablieren, die sich mit den philosophischen Problemen der Natur-, Technik- und mathematischen Wissenschaften befasste. In nahezu allen sozialistischen Ländern hatten diese Bereiche die beste personelle und finanzielle Ausstattung. Nach einer Zwischenstation als Vizepräsidentin der Urania wechselte sie Mitte der 1970er Jahre an das Zentralinstitut für Astrophysik an der Akademie der Wissenschaften in Berlin, das von dem berühmten Physiker Hans-Jürgen Treder geleitet wurde. 1982 folgte sie ihm ans Einstein-Laboratorium. Nachdem dieses 1991 abgewickelt wurde, war die inzwischen zur Professorin für Wissenschaftsgeschichte ernannte Wissenschaftlerin in einigen akademischen Kurzzeitbeschäftigungen tätig, bevor das Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte ihre letzte berufliche Heimat wurde.

Ihre Arbeiten, die sie häufig gemeinsam mit dem Physiker Horst-Heino von Borzeszkowski verfasste, umfassen viele Themen: von den erkenntnistheoretischen Grundlagen der Naturwissenschaften und der Rolle des Messens in ihnen bis hin zur Rezeption der Naturwissenschaften in der französischen Aufklärung bei Voltaire sowie in der klassischen bürgerlichen Philosophie, insbesondere bei Kant und Hegel. In »Mensch und Kosmos – die copernicanische Wende« (1978), eine umfassende Quellensammlung zur Geschichte der Astronomie, verbirgt sich hinter der Einleitung eine gründliche Einführung in die philosophischen Grundfragen der Astronomie. Darin heißt es: »Die astronomischen Erkenntnisse müssen erst philosophisch verarbeitet, mit der bestätigten wissenschaftlichen Weltanschauung vermittelt werden, um zu einer weltanschaulichen Bedeutung zu gelangen.«

Das Problem, das sie viele Jahre beschäftigte, besteht darin, dass Philosophie und Naturwissenschaften auf unterschiedlichen Voraussetzungen beruhen. Während die Naturwissenschaften formalisiertes, mathematisch vermitteltes Wissen über objektiv vorausgesetzte Naturzusammenhänge produzieren, reflektiert die Philosophie die Bedingungen, Grenzen und Begriffe, unter denen diese erkannt werden. Beide brauchen einander, sind aber nicht identisch. Sie kritisierte daher Vorstellungen, die die Ergebnisse der Naturwissenschaften ungebrochen in die Philosophie überführen oder umgekehrt die Philosophie zur Letztinstanz naturwissenschaftlicher Erkenntnis erklären wollten. Wissenschaftliche Erkenntnisse sind nämlich historisch vermittelte Arbeitsprodukte, die an bestimmte Praxisformen wie das Experiment gebunden sind. Sie sind ein immer wichtiger werdender Bestandteil des gesellschaftlichen Stoffwechselprozesses zwischen Mensch und Natur, der durch Industrie und Produktion vermittelt wird und in einen einheitlichen, materiellen Weltzusammenhang eingebettet ist.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Heinrich H. aus Stadum (4. Februar 2026 um 23:49 Uhr)
    Vielen Dank für diese – wenn auch aus traurigem Grund erfolgte – Darstellung. Für einen Besserwessi wie mich erweitert sich der philosophische Horizont dadurch drastisch. Ausgelöst durch die Artikel »Der Kampf um die Rente« und »Der erste Anlauf« habe ich mich auf die Suche nach technikgeschichtlicher Literatur in der DDR gemacht. Beim weiteren Kreisen um das Thema bin ich auf Namen wie Herbert Hörz und Walter Hollitscher gekommen. Jetzt, bei der Suche nach »Wahsner« taucht »Hörz« wieder auf. Im Max Stirner Archiv Leipzig findet sich dieses Buch: »Philosophie der Zeit: Zeitverständnis in Geschichte und Gegenwart« (Deutscher Verlag der Wissenschaften. Berlin. 1990). Meine dringende Empfehlung: Frau lese das »Vorwort zur digitalisierten Ausgabe«! Vielleicht motiviert dieses Zitat, nach dem Vorwort weiterzulesen: »Der diaMat stand jedoch vor einer grundlegenden Schwierigkeit. Welcher Art sind die Beziehungen zwischen den allgemeinen Gesetzen der Dialektik und den gleichermaßen universalen Gesetzen der mechanischen Bewegung?«

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