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Aus: Literatur, Beilage der jW vom 15.10.2025
Philosophie

Architektur des Rationalen

Wieso, weshalb, warum überhaupt noch Philosophie? Wolf-Dieter Gudopp-von Behm stellt die großen Fragen nach dem Denken unter den Wissenschaften
Von Martin Küpper
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Die Wissenschaften sind als Produktivkraft wichtiger als je zuvor in der Menschheitsgeschichte. Sie schaffen eine ständig wachsende Menge an Wissen, der niemand mehr gerecht werden kann. Von Hegel heißt es, er sei ein exzellenter Kenner der Wissenschaften seiner Zeit gewesen. Dafür bleibt an Bologna-Universitäten heute keine Zeit mehr. Denn nur, wer sich den dominanten Diskussionsformen unterordnet, kann in diesem System bestehen. Der Zwang, schnell viele Publikationen vorzuweisen, befördert konformes und sektorales Denken. Bevor Kant im Jahr 1781 seine »Kritik der reinen Vernunft« veröffentlichte, hatte er – bis auf wenige Ausnahmen – zehn Jahre lang nichts publiziert. Unter den heutigen Bedingungen sind Denkleistungen dieser Art kaum noch vorstellbar.

Was kann also angesichts des schwindelerregenden Fortschritts der Wissenschaften und der Zwänge der Universitäten noch von der Philosophie erwartet werden? Wolf-Dieter Gudopp-von Behm, der in den 1970er Jahren an der Universität Marburg erst promoviert, dann habilitiert und später auf Basis des »Radikalenerlasses« mit Berufsverbot belegt wurde, widmet sich diesen und vielen weiteren Fragen in seiner Schrift »Philosophie im wissenschaftlichen Zeitalter?«. Entscheidend ist der Untertitel. Das Buch soll eine »Hinführung« zu dem Problem sein, durch das sich Philosophie von anderen Disziplinen unterscheidet: Sie macht sich selbst zum Gegenstand ihrer Überlegungen. Dafür unternimmt der Autor sechs Anläufe, in denen er unter anderem die Fragen stellt, was Philosophen sind und was sie tun, wenn sie über Wissen, Denken, Begriffe und Theorie nachdenken. Ist die Philosophie eine Wissenschaft oder nur elaboriertes Denken? Und wohin führt dieses Nachdenken überhaupt? Die antike Philosophie und Altgriechisch stellen dabei die Grundlage, denn sie sind der Nährboden der Philosophie bis in unsere Tage.

Es sind das Staunen und das Sich-Wundern über die Umwelt, die seit jeher die überlebensnotwendige Bedürfnisbefriedigung begleiten und das Fragen anleiten. Sie begründen das Wissen-Wollen und ermöglichen Wissenschaft. Die Wissenschaft »fragt nach dem ›Warum‹ und ›Wodurch‹. Ihre Kardinalaufgabe ist es, Wesen und Erscheinung eines Sachverhalts zu unterscheiden, im Vielerlei der Zusammenhänge Gesetzmäßigkeiten zu entdecken und zu formulieren.« Es gibt kein Chaos, genauso wenig wie es so viele Welten wie Perspektiven auf sie gibt. Die Fluchtlinie ist immer die eine, vielgliedrige Welt, während unser Blick auf sie immer nur ein Ausschnitt ist. Der Autor stellt die Aufgabe an die Philosophie, die Architektur des Rationalen so durchzuarbeiten, dass einerseits die gesellschaftlichen und natürlichen Entwicklungen kritisch mitbedacht werden und dass andererseits die innere Ordnung des Denkens bzw. der Wissenschaften reguliert wird. Insofern ist die Philosophie eine zutiefst demokratische Angelegenheit und ein soziales Organ, entgegen aller ihr auferlegten Profitzwänge.

Gegen die Tendenz einer bornierten Überspezialisierung, bei der vor lauter »double-blind peer reviewed papers« das Ganze aus dem Blick verloren wird, macht Gudopp-von Behm die Dialektik geltend. Sie ist, wie er Hans Heinz Holz paraphrasiert, »wenn man etwas nicht in drei Sätzen sagen kann«. Demnach geht die Dialektik davon aus, dass die Wirklichkeit ein in sich wirkender Zusammenhang von Unterschiedenem ist, in dem »Recht« und »Maß« den Weltprozess antreiben und formen. Die Wirklichkeit braucht weder einen äußeren Beweger, der das Geschehen ins Rollen bringt, noch einen Mechaniker, der hin und wieder die Uhr aufzieht. Wie in einem Rechtsprozess enthält sie nämlich die wechselseitige Verletzung und Vergeltung, eine Einheit im Streit und die ständige Neujustierung des Gegebenen, wo die Dinge aneinander Maß nehmen und beimessen. Ob die Metapher des Rechtsprozesses, die Gudopp-von Behm sehr erfrischend aufruft, allerdings schon den Charakter eines »Generalbegriffs« erhält, muss in weiteren Diskussionen geklärt werden. Denn zunächst benennt sie nur den Ort, an dem die antike Philosophie entstand: den Gerichtshof.

Der Autor gelangt zu dem zunächst desillusionierenden Schluss, dass die Philosophie im wissenschaftlichen Zeitalter nahezu obsolet geworden ist. Was von ihr bleiben könnte, sei zweierlei. Einerseits ist es die Dialektik, das Wissen um die sich ständig verändernden Zusammenhänge in der Wirklichkeit. Dieses Wissen kann nur gewonnen werden, wenn eine Bildung bereitgestellt wird, die es ermöglicht, über den berühmten Tellerrand des Bekannten zu blicken. Dessen Form versucht er andererseits mit dem schwer zu übersetzenden Begriff der Syneidesis zu umschreiben (am ehesten: Zusammenschau). Zu dessen Bedeutungen zählen das Gewissen, das Mitwissen, das Gedächtnis und das reflektierende Bewusstsein seiner selbst. Beides vermag nur die Philosophie, denn keine andere wissenschaftliche Disziplin erörtert diese Problemstellungen. Trotz der immer wieder durchbrechenden Skepsis werden wir von Gudopp-von Behm nicht ratlos zurückgelassen. Mit seinem Buch wird die alte Frage nach dem Gegenstand der Philosophie wieder von neuem gestellt – in einer Zeit, in der die Philosophie ihrer gesamtgesellschaftlichen Irrelevanz entgegengeht. Die Angst davor ist der stärkste Impuls, der die Philosophie ­vorantreibt.

Wolf-Dieter Gudopp-von Behm: Philosophie im wissenschaftlichen Zeitalter? Eine Hinführung. Neue-Impulse-Verlag, Essen 2025, 132 Seiten, 19,80 Euro

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