Die Zeitschrift Argument erneuert sich
Von Arnold Schölzel
Das Argument-Heft 344 markiert einen Generationswechsel in Herausgeberschaft und Redaktion. Der Philosoph und Schriftsteller Lukas Meisner löste den Philosophen Wolfgang Fritz Haug als Herausgeber ab, die Zeitschrift erscheint weiterhin im Auftrag des Berliner Instituts für kritische Theorie (Inkrit), in diesem Jahr in zwei Ausgaben. Meisner schreibt im Editorial zum Heft: »Wir führen mit ihm den Beginn der Zeitschrift in seinem Kampf dem Atomtod fort.« Weniges sei heute so geboten wie Antimilitarismus, zumal selbst weite Teile der Linken ins »Racket des Bellizismus integriert« seien. »Gerade pluraler Marxismus«, zu dem sich Meisner in einem weiteren Artikel programmatisch bekennt (siehe Vorabdruck in jW vom 15.1.2026), könne »die virilistische, kolonialistische, ökozidale Seite des Kriegführens nicht ausblenden«. Zudem sei Militär »eine der wichtigsten Brutstätten der Faschisierung«.
Neben den Anfängen der Zeitschrift in der antimilitaristischen Bewegung Ende der 50er Jahre schließt sich, so Meisner, das Heft 344 an die Argument-Ausgaben der 90er Jahre an: »Der Kollaps des Realsozialismus war kein Grund zu undifferenziertem Feiern«: Der »Turbokapitalismus« und das »Ansteigen des braunen Sumpfes« habe keine Grenzen mehr gekannt. Mit »einem aggressiven Unilateralismus des Kapitals« und »folglich mit Kriegen als ›Kollateralschaden‹« sei der westliche Triumphalismus vom »Ende der Geschichte« eingeläutet worden.
Dem geht der Schwerpunkt des Heftes »35 Jahre westdeutsche Einheit« nach. Er enthält Beiträge unter anderem von Daniela Dahn (»Die Einheit war eine feindliche Übernahme auf Wunsch der Übernommenen«), Mandy Tröger (»Die AfD und ihre Instrumentalisierung des Treuhand-Traumas«), Ceyhun Elgin (»Vom Postsozialismus zum Neofaschismus?«), Raul Zelik (»Vom ›Weiter-so‹ zum Spätfaschismus«) sowie einen gemeinsamen Artikel von Sascha Freyberg, Martin Küpper und Lukas Meisner: »Begriff und Leugnung der Entfremdung in Ost und West. Eine Übung in pluralem Marxismus«. Sie vertreten die Auffassung, um Entfremdung zu überwinden, müsse »ein Blick nicht nur in die Geschichte, sondern auch in die Ideengeschichte des Realsozialismus geworfen werden.«
Das ist zumindest im akademischen und publizistischen Bereich hierzulande ein neuer Ansatz. Die Autoren halten fest, nach 1989/90 sei »der Marxismus vor allem als westlicher, d. h. dezidiert antikommunistischer übriggeblieben, in Deutschland unter dem Namen ›Kritische Theorie‹ firmierend«, die im »Ostblock« lediglich »Propaganda und Dogmatik« habe wittern können. Dem wollten sie »eine Erinnerung an die andere Seite entgegensetzen bzw. zumindest korrektiv zur Seite stellen«. Das genügt elementaren Anforderungen an Wissenschaft, zugleich lässt sich fragen, ob die westliche Ignoranz so ausschlaggebend ist. Im globalen Süden einschließlich China war das Nichtwissenwollen nicht oder wenig dominant.
Ein eigener Literaturteil eröffnet von nun an jedes Heft, gewohnt umfangreich bleibt der Rezensionsteil zu Philosophie und Sozialwissenschaften.
Das Argument 344. 242 Seiten, 20 Euro (ermäßigt 17,50 Euro, Jahresabo 30 Euro, ermäßigt 24 Euro). Bezug: argument.de
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Leserbrief von Hans Buchhalter aus Berlin (17. Februar 2026 um 08:42 Uhr)Man könnte etwas genauer lesen und dann es so sehen: Herr Meisner hat seine größten Schuhe angezogen, um in die Fußstapfen seines Meisters W.F. Haug zu treten, um in den Kämpfen seiner Zeit das Denken zu beherzen. Dies hat er mit der geballten Kraft seines Zettelkastens bzw. dessen elektronischer Nachfolge, die einer KI würdig wäre, unternommen, um den Kollektivsingular Marxismus, sozusagen der Nachfahre des pluralen Marxismus, auf Vordermann bzw. aufs Triptychon zu bringen. Bevor es richtig losgeht, zeigt er aber seinen Humor mit Frigga Haug: »Auch Emanzipation braucht Allgemeinheit.« Aber er ist kein eingeschüchterter David, der hypnotisiert auf Goliath starrt, sondern eine »materiale Nichtidentität«, die gegen »die Identifizierung mit dem System der Realabstraktion« ein »Quell der Widerständigkeit jenseits der Integration« bildet, dabei mit Marcuse vulnerabel und interdependent; es treibt ihn zu Solidarität und gegenseitiger Hilfe! Auch wir helfen gerne durch das Kleingedruckte und die hoch auftürmenden Seiten »ohne unnötig verkomplizierende Diagnose«. Zweites Beispiel für Meisters 2.0 Humor. (Von n zu t ist es auch nicht so weit.) Dafür ist aber »das befreiende Möglichkeitsfenster zu öffnen«, damit, die Philosophie der Praxis, d. h. Gramsci wird nicht vergessen!, »um Willen neuer Verhältnisse« frische Luft herein komme. Also kein Ende der Entfremdung, sondern neu hinzukommend oder auch nicht, sehen wir auf dem dreigeteilten Bild Ideologiekritik, Gegenhegemonie und Politstrategie. – Geht es nur mir so, dass ich bei »Politstrategie« ans Politbüro denken muss, dem freilich bei dieser Gegenhegemonie Angst und Bange würde? Da zu wenig Platz ist, hier könnte man, wenn man den wollte, weiter lesen: https://imueberbau.de/neustart-zu-lukas-meisner-konturen-eines-triptychons-in-das-argument-1-20026-s-12ff/
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Leserbrief von Onlineabonnent/in Franz S. (16. Februar 2026 um 11:20 Uhr)Seinem Lehrmeister Wolfgang Fritz Haug folgend, bekennt sich Lukas Meisner zu einem »pluralen Marxismus«. Im Gegensatz zum Marxismus-Leninismus – den man laut Haug »beerdigen« sollte (»Perspektiven gegenwärtigen marxistischen Denkens. Interview mit Vesa Oitinen») – dürfte die Konterrevolution beim »pluralen Marxismus« schon in der Theorie einprogrammiert sein. Meisner weiter: »Der Kollaps des Realsozialismus war kein Grund zu undifferenziertem Feiern.« Ins Deutsche übersetzt: Ein Grund zum Feiern schon, aber bitte differenziert. Dazu wiederum Haug im oben genannten Interview: »Der Fall der Mauer, so bitter seine Begleiterscheinungen und Folgen in vieler Hinsicht sind, hat auch für die Sozialisten der Welt den Horizont neu geöffnet.«
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