Gegründet 1947 Mittwoch, 18. März 2026, Nr. 65
Die junge Welt wird von 3063 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 18.03.2026, Seite 11 / Feuilleton
Oper

Verheerungen des Krieges

Küsse und Bisse: Pascal Dusapins »Penthesilea« an der Staatsoper Hannover
Von Kai Köhler
Penthesilea_c_Bettina_Stoess (2).jpg
Evokation des Schreckens mit nur wenigen Ruhepausen

Heinrich von Kleists »Penthesilea« ist ein monströses Stück. Die amazonische Titelheldin wie auch der Grieche Achilles können Liebe nur als Sieg oder Niederlage fühlen. Sie treffen im Krieg aufeinander, kommen voneinander nicht los, und als endlich in einem letzten Kampf Achilles sich zum Schein besiegen lassen will, hetzt Penthesilea nicht nur ihre Hunde auf ihn. Sie selbst schlägt die Zähne in das Opfer. Wie sie in hilfloser Rückschau auf ihre Raserei sagt: »Küsse, Bisse, / Das reimt sich, und wer recht von Herzen liebt, / Kann schon das eine für das andre greifen.«

Die gut dreitausend Dramenverse ergäben einen endlosen Opernabend. Wer das Stück vertont, muss entschlossen streichen. Der Komponist Pascal Dusapin und Beate Haeckl haben ein Libretto erstellt, das zwar alle wichtigen Stationen der Handlung enthält, aber trotzdem etwas Neues ist. Auch wenn Penthesilea Königin der Amazonen bleibt, so ist doch das Gesetz dieses Frauenstaates nur noch angedeutet: dass die Frauen ab und an im Krieg Männer erbeuten müssen, um die für die Zeugung der nächsten Generation zu nutzen, und dass Liebe dabei nicht vorgesehen ist.

Mit den sozialen Rahmenbedingungen schwindet die Sprache. Kleists gerade in diesem Werk komplexe Verse sind schwierig zu vertonen. Dass es möglich ist, hat freilich Othmar Schoeck in seiner »Penthesilea«-Oper von 1925 bewiesen. Bei Dusapin und Haeckl blieben oft nur Fragmente der Verse stehen. Alltagssprache mischt sich ein, Ausrufe, einmal auch die »Stahlgewitter« Ernst Jüngers.

Es handelt sich um eine Kriegsoper. Die Gewalt hat die Gesellschaften schon weitgehend zersetzt. Dusapins Musik ist sinnliche Vermittlung dieses Zustands, von Entwicklung lässt sich kaum mehr sprechen. Der Komponist versucht nicht, dem unvernünftigen Treiben seiner Figuren irgendeinen Sinn zu geben. Er schreibt Ausdrucksmusik. Das klingt in der Orchestereinleitung erst zerbrechlich, entwickelt sich dann zu einer gut einstündigen Evokation des Schreckens mit nur wenigen Ruhepausen. Im Drama gibt es eine lange Passage, in der Penthesilea und Achilles anscheinend zueinanderkommen, was freilich auf einer Täuschung beruht. Bei Schoeck ist das eine zentrale Szene, die den Kontrast zum Kriegsgetümmel zuvor und danach setzt. Bei Dusapin ist es in wenigen Minuten abgetan, keine Pause unterbricht die Gewalt. Lang ist bei ihm der Schluss, Penthesileas vergegenwärtigender Rückblick auf das, was sie getan hat.

Mit Ausnahme eines prominent hervortretenden Zymbals, das eine Atmosphäre bedrohlicher Fremdartigkeit erzeugt, ist die Orchesterbesetzung zwar konventionell. Doch weiß Dusapin mit den Instrumenten immer neue, keineswegs verbrauchte Töne für Bedrohung, Angst und Brutalität hervorzubringen. Das Niedersächsische Staatsorchester Hannover unter Stephan Zilias vermittelt das, auch mit der oft geforderten Lautstärke, überzeugend.

Das passt zu den Kriegslandschaften, die im Bühnenbild von Paul Zoller angedeutet sind. Am Boden sieht man etwas Steppenartiges, an den Seiten ragt etwas auf, was mit einiger Phantasie als eine Fabrikwand gesehen werden kann, darauf aber nicht festgelegt ist. Die Inszenierung Lorenzo Fiorinis überzeugt besonders dann, wenn sie sich auf solch Zeichenhaftes beschränkt. Man sieht dann etwas wie den Krieg schlechthin, was politisch natürlich nicht sehr erhellend ist, aber dem entspricht, was diese Oper ihrer ganzen Anlage nach leistet: zu zeigen, was der Krieg schlimmstenfalls mit und aus den Menschen macht.

Dabei ist allzu viel Konkretion eine Gefahr. In Hannover kommen echte Hunde auf die Bühne, und mit Penthesilea zusammen zerreißen sie roten Stoff (der Achilles-Sänger hat sich zum Glück vorher weggerollt). Nach unendlich vielen Gewaltbildern in Fernsehen und Kino wirkt das schwach, und zudem lenkt die Sorge ab, ob die Viecher der gelernten Rolle treu bleiben. Wahrscheinlich ist Kleists Entscheidung, diesen größten Schrecken qua Botinnenbericht mitzuteilen, wirksamer. Nur vertrüge sich das nicht mit der reduzierten Sprache, die im Konzept der Oper angelegt ist.

Insofern ist auch diese inszenatorische Entscheidung konsequent. All diese Szenen werden getragen von Figuren, die unbedingte und zerstörerische Leidenschaften vermitteln, ohne dass deren Herkunft nachvollziehbar werden soll. Dabei hat auf seiten der Griechen Achilles (Peter Schöne) immerhin noch einen Gegenpart, nämlich Odysseus (Yannick Spanier), der ihn nach Maßgabe dessen, was für die Kriegführung rational ist, von Penthesilea fernzuhalten versucht. Schöne vermittelt die gewalthafte Fixierung auf die fanatische Frau stimmlich wie körperlich intensiv. Den schwierigeren Part hat Katrin Wundsam als Penthesilea, und dies nicht nur, weil Dusapin für sie eine Vielzahl von Tonlagen und Artikulationsweisen komponiert hat, die sie souverän meistert. Ihr ist, wie schon bei Kleist, mit Prothoe eine Vertraute zugeordnet, die zwar wie Odysseus Vorschläge macht, die so vernünftig wie absehbar erfolglos sind. Nur ist Prothoe in ihrer Hingabe an die Königin eine weitere Fanatikerin, die alles für die Geliebte tut und noch da, wo sie zu helfen meint, zum unheilvollen Verlauf beiträgt. Olga Jelínková weiß der Figur das notwendige Gewicht zu geben.

Die orchestrale und sängerische Umsetzung der Oper ist in Hannover exemplarisch. Die Inszenierung ist werkgerecht, was einige Irritationen einschließt. Das 2015 uraufgeführte Werk ist musikalisch dicht und bei allem Einsatz moderner Mittel sinnlich überwältigend. Erst danach fragt man sich, was man über den Krieg erfahren hat und was nicht.

Nächste Aufführungen: 21., 29.3., 8.4.

Probeabo

Sie lügen wie gedruckt. wir drucken, wie Sie lügen.
Jetzt 2 Wochen gratis lesen – das Probeabo endet automatisch!
 

links & bündig gegen rechte Bünde

Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.

Ähnliche:

  • »Jesus sagte zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber...
    22.04.2025

    Der neue Judas

    Kämpferischer Jesus: Bohuslav Martinůs »The Greek Passion« an der Staatsoper Hannover
  • Wer diese Oper inszeniert, sollte die Möglichkeit der Übersteige...
    27.11.2017

    Wo bleibt der Rausch?

    Richard Strauss’ »Salome« an der Staatsoper Hannover ist fast zu klug

Regio:

Mehr aus: Feuilleton