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Aus: Ausgabe vom 11.03.2026, Seite 6 / Ausland
Nahostkonflikt

»Was noch bleibt …«

Palästina: Walid Khalidi galt als maßgeblicher Historiker der Nakba. Nun ist er im Alter von 100 Jahren verstorben. Ein Nachruf
Von Helga Baumgarten, Jerusalem
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Walid Khalidi 1947 als junger Akademiker – damals arbeitete er für die Arabische Liga in Jerusalem

Der palästinensische Historiker und Politologe Walid Khalidi ist am Sonntag in Cambridge im US-Bundesstaat Massachusetts im Alter von 100 Jahren gestorben. Die Bedeutung seiner Arbeit über die Vertreibung der Palästinenser 1948 kann gar nicht groß genug eingeschätzt werden. Schon 1959 publizierte er als Professor an der American University von Beirut (AUB) einen wegweisenden Artikel unter dem Titel »Why did the Palestinians leave« (Warum verließen die Palästinenser das Land?). Darin widerlegte er die zionistische Behauptung, dass die Palästinenser auf Anweisung ihrer eigenen Führung ihre Dörfer und Städte aufgegeben hätten. Selbst Benny Morris, der erste der sogenannten neuen Historiker Israels, hat diese Mär wieder aufgewärmt.

1961 widmete sich Khalidi ebenfalls an der AUB den zionistischen militärischen Strategien in seinem nach wie vor relevanten Beitrag »Plan Dalet. The Zionist Master Plan for the Conquest of Palestine« (Plan Dalet. Der zionistische Masterplan für die Eroberung Palästinas). Damit war er den »neuen Historikern« Israels, insbesondere Ilan Pappes 2006 veröffentlichter und 2007 auch auf deutsch erschienener Untersuchung »Die ethnische Säuberung Palästinas«, um Jahrzehnte voraus. Was bis heute fehlt, ist auch nur eine einzige Publikation von Khalidi in deutscher Sprache.

1971 erschien Khalidis unübertroffenes Buch »From Haven to Conquest: Readings in Zionism and the Palestine Problem until 1948« (Von Zuflucht zur Eroberung: Texte zum Zionismus und zur Palästina-Frage bis 1948). 1984 folgte »Before Their Diaspora: A Photographic History of the Palestinians, 1876–1948« (Vor der Diaspora: Eine fotografische Geschichte der Palästinenser 1876–1948). 1992 wurde, gleichsam als Abschluss einer Trilogie zur palästinensischen Nakba, »All that Remains: The Palestinian Villages Occupied and Depopulated by Israel in 1948« (Alles, was bleibt: Die palästinensischen Dörfer, die 1948 von Israel besetzt und entvölkert wurden) veröffentlicht. Dem deutschen Leser bleibt all dies vorenthalten.

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Die nach Walid Khalidis Familie benannte Khalidi-Bibliothek in Jerusalem beherbergt einen reichen Schatz an historischen Manuskripten (2017)

Wer war Walid Khalidi? Er wurde 1925 in Jerusalem geboren und gehörte einer der angesehensten Familien der Stadt an. Die Khalidis spielten eine zentrale Rolle als religiöse Richter und als Intellektuelle. Khalidi erwarb 1951 an der Universität Oxford, wo er bis 1956 lehrte, seinen Doktortitel. Seine Kritik am damaligen Krieg Großbritanniens, Frankreichs und Israels gegen Ägypten führte zum Wechsel an die AUB. Dort gründete er 1963 gemeinsam mit dem Philosophen Constantin Zurayk und dem Ökonomen Burhan Dajani das »Institute of Palestine Studies«, das erste palästinensische Forschungsinstitut – inzwischen auch in Washington und in Ramallah vertreten –, das seit 1971 das Journal of Palestine Studies publiziert. Für Nahost- und Palästina-Spezialisten ist es eine Quelle von unübertroffener Qualität. Wer zu Palästina oder zu Israels Politik in Palästina forscht, muss dort vertreten sein.

Neben seiner Arbeit als Historiker der Nakba publizierte Khalidi Analysen regionaler und palästinensischer politischer Entwicklungen. In dem Artikel »Thinking the Unthinkable: A Sovereign Palestinian State« (Das Undenkbare denken: Ein souveräner palästinensischer Staat), der 1978 in Foreign Affairs herauskam, griff er direkt in Kontroversen zu den Plänen der PLO unter Führung Jassir Arafats ein. Seine Position war klar: Er stand hinter der Zweistaatenlösung, die er als einzig zukunftsträchtig ansah.

Zuletzt äußerte er sich zu Entwicklungen im Apartheidstaat Israel, als US-Präsident Donald Trump 2017 den Bau der US-Botschaft in Jerusalem unterstützte. Er sollte nämlich auf Land, das in palästinensischem Privatbesitz war, erfolgen. Die Khalidis gehören zusammen mit weiteren Jerusalemer Familien zu den rechtmäßigen Eigentümern. Nachzulesen ist das in einer der letzten Publikationen Khalidis, »The Ownership of the U. S. Embassy Site in Jerusalem« (Die Eigentumsverhältnisse des Geländes der US-Botschaft in Jerusalem), erschienen 2000 im Journal of Palestine Studies. Tatsächlich wurde die Botschaft inzwischen auf gestohlenem palästinensischen Grund und Boden errichtet.

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