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27.04.2026
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Warum sollen die besetzten Häuser geräumt werden?
Griechenland: Eine große Gentrifizierungsstrategie bedroht die autonom verwalteten Wohnblocks Prosfygika, sagen Isa M. und Korsa S.
Die offenbar größte besetzte Nachbarschaft Europas, die Athener Wohnblocks Prosfygika, befinden sich neben einem Krebskrankenhaus zwischen einer Polizeidirektion und dem Obersten Gerichtshof. Die Besetzung dauert mittlerweile 30 Jahre an. Seit 16 Jahren hat sich die »Gemeinschaft des besetzten Prosfygika« gebildet, vor allem um organisierte Kriminalität zu vertreiben. Die Siedlung sollte schon einige Male für Milliardenprojekte weichen, hat sich aber immer wieder gewehrt. Wofür steht der Name Prosfygika, und wer lebt dort?
Isa M.: Der Name bedeutet übersetzt quasi »Ort der Geflüchteten«. In den Dreißigern wurden diese acht Häuserblocks erbaut, um Geflüchteten aus Kleinasien eine Unterkunft zu geben. Sie befindet sich im Arbeiterviertel Ambelokipi. Früher war sie am Stadtrand, heute liegt Prosfygika mitten im Stadtzentrum von Athen. Ob durch Partisanen in Zeiten der Besatzung durch den Hitlerfaschismus, zur Zeit der Militärjunta in den 70ern oder während der neoliberalen Politik ab den 90er Jahren: Prosfygika war immer ein Ort des Widerstands und ist ein historisches Monument. In den 2000ern haben sich auch Drogenhändler angesiedelt. Anarchisten, Kommunisten, arme Leute, Geflüchtete und türkische Revolutionäre haben sich dann dagegen zusammengetan.
Korsa S.: Es wurde eine Vollversammlung gegründet, und zentrale Werte wurden festgelegt: kein Eigentum, keine Handelsbeziehungen untereinander, keine Gewalt zwischen den Mitgliedern der Gemeinschaft. Einerseits leben hier Leute, die als Revolutionäre oder als politische Kämpfende hergekommen sind. Andererseits leben hier Leute, die sich dazu entschieden haben, anstatt auf der Straße zu leben, Teil einer Gemeinschaft zu werden.
Die Siedlung ist selbstverwaltet und organisiert sich nach dem Prinzip des kommunalen Konföderalismus. Wie muss man sich das vorstellen?
K. S.: Die Selbstverwaltung basiert, wie Karl Marx schon für eine befreite Gesellschaft vorschlug, auf den Fähigkeiten und Bedürfnissen ihrer Mitglieder. Deswegen bilden die Bedürfnisse der Mitglieder die Grundlage unserer Strukturen. Eine wichtige Sache dabei ist, dass alles horizontal gedacht wird. Die Gemeinschaft entscheidet für sich selbst, was sie braucht. Das passiert in der Vollversammlung, und das passiert auch in allen kleineren Zusammenschlüssen.
I. M.: In der Vollversammlung werden Entscheidungen getroffen. Die anderen politischen Organe helfen bei der Umsetzung. Die autonomen Strukturen basieren auf kollektiven Entscheidungen. Die Selbstverwaltung funktioniert ohne Profitlogik. Es wird regelmäßig evaluiert und kritisiert, um sich weiterzuentwickeln.
Die Regionalregierung von Attika hat gemeinsam mit der EU und der griechischen Regierung einen ausgearbeiteten Plan zur Räumung vorgelegt. Was sind die Hintergründe dieses Plans?
I. M.: Der Plan ist Teil einer größeren Gentrifizierungsstrategie des Staates für die Stadt Athen. Es gibt die Bemühung, ausländisches Kapital herzubringen, um Profit aus der Stadt und dem Wohnraum zu schlagen. Wohnungen für Patientinnen des Krebskrankenhauses und deren Angehörige sollen gebaut, die Siedlung also »saniert« werden. Für Wohnungslose und Krebspatienten ist die Community im Stadtteil die einzige Lösung – und zwar selbstverwaltet. Wir gehen davon aus, dass der Plan von der Regierung kommt, da Prosfygika seit 16 Jahren einer der wichtigsten Orte des Widerstands in Griechenland ist.
Was macht die Situation heute besonders?
K. S.: Diesmal ist der Plan sehr konkret, und die Finanzierung mit 14 Millionen Euro durch die EU ist gesichert. Damit geht einher, dass es mehr Repression gegen die Bewohner gibt. In den letzten Wochen gab es in Athen Durchsuchungen, Festnahmen und Schikane. Das erste Mal, seit die Gemeinschaft existiert, soll es zu so einer absoluten Räumung kommen. Außerdem werden die Forderungen im Gericht, auf den verschiedenen Regierungsebenen und in den Medien ignoriert.
Wie wehren Sie sich gegen die drohende Räumung?
I. M.: Die Community hat sich dazu entschieden, Prosfygika bis zum Ende zu verteidigen. Das geschieht auf mehreren Ebenen, politisch, sozial und auch rechtlich. Am 5. Februar ist Aristotelis Chantzis, ein Mitglied und Bewohner von Prosfygika, in einen Hungerstreik getreten. Die Verantwortlichen sind bislang nicht auf seine Forderungen eingegangen. Daher wird am 1. Mai eine weitere Person in den unbefristeten Hungerstreik treten.
K. S.: Aktuell läuft die Mobilisierung für den 16. Mai. Dann soll eine große Demonstration unseres Sieges stattfinden. Denn: Wir werden gewinnen …
Isa M. und Korsa S. (Namen geändert) sind Mitglieder des Internationalen Komitees der Kampagne »Save Prosfygika« zur Verteidigung des besetzten und von Gentrifizierung bedrohten Stadtteils in der griechischen Hauptstadt Athen
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