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Aus: Ausgabe vom 04.03.2026, Seite 8 / Kapital & Arbeit
Arbeiterbewegung Schwedens

Selbstorganisierung als Schlüssel

Schweden: Das Arbeiterzentrum Husby stärkt migrantischen Arbeitern ohne Gewerkschaft den Rücken
Von Gabriel Kuhn
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Eine Streikkundgebung der syndikalistischen Gewerkschaft SAC (Upplands-Bro, 17.6.2021)

Wenn das »Arbeiterzentrum Husby« (Husby Arbetarcentrum) im Gemeindehaus aufschlägt, ist viel los. Jeden Dienstagabend lädt die 2019 gegründete Initiative zur kostenlosen Rechtsberatung. Die Gäste sind fast ausschließlich Migranten. In den schwedischen Gewerkschaften sind sie unterrepräsentiert. Viele arbeiten Teilzeit und müssen regelmäßig ihre Jobs wechseln. Über ihre Rechte wurden die wenigsten informiert. Das macht sie zu gefundenem Fressen für skrupellose Ausbeuter, die Überstunden nicht ordnungsgemäß abrechnen, Löhne nicht auszahlen oder Angestellte grundlos entlassen. In diesen Fällen springt das Arbeiterzentrum ein. Oft reicht es, die Verfehlungen aufzuzeigen. Geben die Ausbeuter trotzdem nicht klein bei, eskaliert das Arbeiterzentrum den Konflikt: Es kommt zu Blockaden und öffentlichen Kampagnen. Hunderten Arbeitern wurde bereits geholfen.

Husby liegt im Norden Stockholms, ist ein Stadtteil in der Peripherie, wie er für schwedische Städte typisch ist: mangelnde Infrastruktur, soziale Probleme, Lieblingszielscheibe rechter Parteien. Die Bevölkerung besteht fast ausschließlich aus Migranten erster und zweiter Generation. 2014 schrieb es internationale Schlagzeilen, als eine Jugendrevolte hier ihren Ausgang nahm. Nach einem Polizeieinsatz mit Todesfolge entlud sich die Wut über das Gefühl, als Bürger zweiter Klasse behandelt zu werden.

Dass die Aktivisten sich an den US-amerikanischen Workers’ Centers orientieren und nicht am schwedischen Gewerkschaftsmodell, hat seine Gründe. Shamal Ali, von Anfang an dabei, erklärt dies im Gespräch mit jW so: »Nach dem schwedischen Arbeitsrecht kannst du als Gewerkschaft einen Konflikt nur lösen, indem du dich mit dem Arbeitgeber auf Verhandlungen einlässt oder zum Arbeitsgericht gehst.« Das aber täten die Gewerkschaften nur, »wenn sie sich sicher sind, zu gewinnen«. Folglich blieben viele Mitglieder ohne Hilfe – »und wenn du nicht Mitglied bist, bekommst du ohnehin keine«.

Das Arbeiterzentrum hilft hingegen allen. Nehmen sich die Aktivisten eines Falls an, erwarten sie, dass die Betroffenen für einen geringen Monatsbeitrag Mitglied werden. Wer nach einem gewonnenen Konflikt aussteigt und beim nächsten Problem wieder auftaucht, muss sich eventuell hinten anstellen. Das Prinzip der Solidarität wird im Arbeiterzentrum großgeschrieben. Genauso wie die Selbsthilfe: »Die Bereitschaft zur Organisierung – und damit meinen wir Selbstorganisierung – ist der Schlüssel für alles. Wir sind keine Serviceeinrichtung, die sich um Konsumenten kümmert«, erklärt Ali. Das Projekt beruhe »auf Partizipation und aktiven Mitgliedern«. Die Konflikte verliere man demnach vor allem dann, wenn die betroffenen Arbeiter aufgeben.

Doch im Arbeiterzentrum geht es nicht nur um Arbeitsplatzkampf. Eine Zusammenarbeit mit anderen Projekten sorgt dafür, dass man dienstagabends in Husby auch Hilfe bei Problemen mit Vermietern oder Einwanderungsbehörden bekommt. Zudem gibt es für Bedürftige eine Tafel. An anderen Tagen findet Kampftraining für Jugendliche statt, und Kinder erhalten Unterstützung bei den Hausaufgaben. »Arbeiter haben nicht nur bei der Arbeit Probleme. Sie haben genauso Probleme mit ihrer Wohnung oder der Schule ihrer Kinder. Sie brauchen in jedem Lebensbereich Unterstützung«, so Ali.

Das Arbeiterzentrum Husby antwortet auf akute Probleme, die die schwedischen Gewerkschaften nicht lösen können. Mit den Syndikalisten der Sveriges Arbetares Centralorganisation (SAC), seit 1910 die radikale Alternative zu den sozialdemokratischen Gewerkschaften, wurde lange kooperiert. Mit Hilfe des Arbeiterzentrums gelang der SAC 2019 ein Coup, als sie im neuerrichteten nordischen Lager des deutschen Onlinekleidergiganten Zalando die Mehrheit der Belegschaft organisierte. Doch als die Gewerkschaft in Verhandlungen stecken blieb, demonstrierten Mitglieder des Arbeiterzentrums lautstark vor den Toren des Lagers. Heute wenden sich die Arbeiter dort eher an das Arbeiterzentrum, nicht an die Gewerkschaft, auch nicht die radikale. Es sollte ein Weckruf sein.

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