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Politische Kunst

Documenta – Distomo

Von Bernd Kant

Die 14. Documenta setzt sich in Beziehung zur permanenten Krise in Griechenland, die weiterhin von der EU geschürt wird. »Von Athen lernen« heißt das Motto der Kunstausstellung, von der ein Teil bereits seit Anfang April auch in der griechischen Hauptstadt stattfindet.

Am vergangenen Samstag eröffnete nun die Hauptausstellung in Kassel – am Jahrestag des Massakers, das SS-Einheiten am 10. Juni 1944 im griechischen Dorf Distomo anrichteten, bei dem 218 Bewohner umgebracht wurden. Zu diesem Anlass erinnerte die Kasseler Antifa an die faschistischen Verbrechen von SS und Wehrmacht in Griechenland – und an die bundesdeutsche Weigerung, die Angehörigen der Opfer zu entschädigen.

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Am Freitag zeigte man den Film »Ein Lied für Argyris« von Stefan Haupt (Schweiz 2006) über Argyris Sfountouris, der das Massaker 1944 als knapp Vierjähriger überlebte, seine Familie dabei verlor und heute um Entschädigung ringt. Sfountouris war angereist und stellte sich der Diskussion mit 200 Anwesenden. Er war auch der Hauptredner der Kundgebung am Folgetag auf dem Kasseler Opernplatz, schilderte eindringlich seine persönlichen Erinnerung an das Massaker und betonte die politische Verantwortung der deutschen Regierung für die faschistischen Verbrechen und ihre Pflicht zur Wiedergutmachung. Das Berliner Theaterprojekt Distomo präsentierte Ausschnitte aus seinem dokumentarischen Stück über das Massaker. Martin Klinge vom AK Distomo kritisierte, dass Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der an diesem Tag die Documenta 14 eröffnete, als Außenminister federführend daran beteiligt gewesen sei, dass jegliche deutsche Verantwortung für die Verbrechen zurückgewiesen wurde.

In einer kurzen Grußansprache von Ulrich Schneider, dem Generalsekretär der Internationalen Föderation der Widerstandskämpfer (FIR), wurde eine Verbindung zwischen Distomo und dem Massaker in Lidice, das sich 2017 zum 75. Mal jährte, hergestellt. Es fand am 9. Juni 1942 statt. Auch hier leugnete die Bundesregierung lange Zeit die politische Verantwortung, bis sie sich bereit erklärte, Wiedergutmachung und Aufarbeitung zu unterstützen. »Unser gemeinsamer politischer Druck muss dazu führen, dass eine solche Haltung bald auch gegenüber dem griechischen Volk eingenommen wird«, forderte Schneider. Am Abend konnte dann Sfountouris im öffentlichen Programm der Documenta 14, dem »Parliament of Bodies«, seine Erfahrungen und politischen Forderungen vor einem internationalen Publikum präsentieren. Auch an dieser Stelle wurde sichtbar, dass Kunst in keiner Weise unpolitisch sein kann.

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Erschienen in der Ausgabe vom 14.06.2017, Seite 10, Feuilleton

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