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18.03.2026
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Die Welt war sein Kind
Major Grubert ist zurück: Mœbius’ phantastischer Comic »Die hermetische Garage – Jäger und Gejagter«
Als der Avant-Verlag letzten Winter seine Vorschau druckte, griff manch eine Comicleserin vorfreudig zur Lupe: Es gab eine ganze und noch eine Doppelseite unveröffentlichten Mœbius zu bewundern! Der ist zigfach ausgezeichnet worden: Angoulême, Will Eisner Award, Max-und-Moritz-Preis fürs Lebenswerk. FAZ-Literaturchef Andreas Platthaus hat ihm mit »Zeichenwelt« ein Buch gewidmet, dass 2003 in der edlen Anderen Bibliothek bei Eichborn erschienen ist.
Nur leider ist Mœbius auch schon vierzehn Jahre tot. Jean Henri Gaston Giraud (1938–2012) hat an der Académie des Beaux Arts in Paris studiert, in jungen Jahren in den Zeitschriften Spirou, Hara-Kiri und Pilote veröffentlicht. 1963 begann er seine Westernserie »Leutnant Blueberry«, 1975 gründete er mit Philippe Druillet und weiteren Kollegen den Verlag Les Humanoïdes Associés, in dem auch die Zeitschrift Métal Hurlant erschien, die in Deutschland als Schwermetall bekannt wurde. Die Western signierte er fortan als Jean Giraud oder »Gir.«, alle Science-Fiction und Fantastik als »Mœbius«.
Warum dieser Name? Da gibt es den Leipziger Mathematiker und Astronom August Ferdinand Möbius, das ist der mit dem Möbiusband und einer Reihe mathematischer Formeln, aber auch den experimentierfreudigen Krautrocker und je einen Schau- und Fußballspieler mit Namen Dieter, den Neurologen Paul Julius mit seinem berüchtigten Werk »Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes«, Ralph Christian M. aka Rio Reiser und weitere fünf Dutzend prominente Nachnamensvetter, denn als latinisierte Schwundform von Bartholomäus ist Möbius ein häufiger deutscher Familienname. Der fiktive Johann Wilhelm Möbius ist einer der drei Dürrenmattschen Physiker, und zwar der mit der Weltformel.
Der Zeichner und Autor Mœbius jedenfalls begann sein im doppelten Sinne phantastisches Werk mit der ersten Ausgabe von Métal Hurlant, zu der er gleich drei Geschichten beisteuerte. Im Schaffensprozess wandte er, analog zur écriture automatique der Surrealisten, die Technik des dessin automatique an, wobei ihm Drogen sehr hilfreich waren. Wenn er kolorierte, dann direkt auf die Originalzeichnung, was damals nur wenige taten.
Nachdem er sich als SF-Autor einen Namen gemacht hatte, schuf er mit Alejandro Jodorowsky die sechsbändige Serie »Der Inkal« und verwendete dort viel Material, das er eigentlich für ein anderes Projekt vorgesehen hatte: Jodorowsky wollte mit ihm Frank Herberts Roman »Der Wüstenplanet« verfilmen, mit so illustren Menschen wie Orson Welles, Salvador Dali und Mick Jagger in tragenden Rollen, Pink Floyd hätte die Musik beigesteuert, HR Giger wäre für das Interieur zuständig gewesen. Jodorowsky lieferte Mœbius auch das Szenario für die erotische Post-68er-Erzählung »Lust und Glaube«. Meist zeichnete Mœbius ohne fertiges Skript, so auch bei der als Auftragsarbeit für Citroën begonnenen phantastisch-naturphilosophischen Serie »Die Sternenwanderer« (Schreiber & Leser), in deren letztem Band Major Grubert einen Gastauftritt hat.
Major Grubert, der Demiurg, also Welterschaffer, ist in die wohl visionärsten Abenteuer verwickelt, die Jean Giraud sich ausgedacht hat. Die 1976 eingeführte Figur hat sogar einen eigenen Wikipedia-Artikel. Die fiktive Biographie des 1958 in Baden-Oos in der BRD geborenen Tropenhelmträgers lautet so: »Während des Vietnamkrieges streifte er zufällig den kleinen Zeitspringerzirkel in Angkor und wurde in entfernte Raum-Zeit-Regionen versetzt. Anscheinend arbeitete er 13 Jahre lang in den Laboren der sogenannten Raum-Magier, wo er besonders die Phänomene der ›Nodalen Entropie‹ des galaktischen Gewebes studierte. Bei seiner Forschungsarbeit entdeckte er schließlich das Geheimnis der Unsterblichkeit und erschuf später ein eigenes, hermetisches Universum, das sich aus drei Ebenen zusammensetzte.«
Seit 1976 ist er in zahlreichen kürzeren und längeren Abenteuern unter dem Oberbegriff »Die hermetische Garage« aufgetreten, die in Deutschland größtenteils bei Cross Cult und Carlsen veröffentlicht oder wiederaufgelegt wurden, aber jetzt gibt es mit »Jäger und Gejagter« bei Avant etwas Neues von ihm. Im Vorwort heißt es, »Major Gruberts erster Auftritt verliert sich im Dunkel der Geschichte … Das Problem ist, dass man nicht genau weiß, wo im Dunkel das Ereignis wirklich stattgefunden hat …« Aber das ist bei einem zeitreisenden Weltenschöpfer ja auch nicht wirklich erstaunlich.
Dieses Abenteuer beginnt mit einem ganzseitigen Straßenbild von Chalatong. Ein Mischwesen aus Pferd, Rind und Dickhäuter zieht einen Karren, ein Hund hält einen Lolly, ein anderer geht auf ihn zu, eine Gruppe Menschen, darunter vielleicht ein Priester, steht um ein Gestell mit einer Maske herum, ein Alter genießt die Nachmittagssonne, und die irdische Betrachterin aus unserer Dimension kann sich an den mehreren tausend Strichen der Seite nicht sattsehen. Der Major will in dem Kaff nicht alt werden und bereut die Entscheidung, einsame Ferien in einem Städtchen der Garage zu verbringen. In einer Kneipe kriegt er den Blues: »Ich habe die hermetische Garage satt! Ich wollte die perfekte Welt erschaffen … Diese Welt war wie mein Kind …«
Ein Kirschlikör hebt ein wenig seine Moral, und er beschließt, eine therapeutische »Nachsteuerung« in Anspruch zu nehmen und anschließend zur Erde zurückzukehren, als er zufällig von einem Mordkomplott hört, dem er selbst zum Opfer fallen soll. Er erfährt auch, warum es ihm gerade nicht gut geht: Er steht unter dem Einfluss tar-haischer Magie, die ihn von innen zermürbt! Weil niemand weiß, wie der Major aussieht, nimmt er den Auftrag an, Grubert, also sich selbst, zu töten. Die seelenklempnerische Nachsteuerung zur Bekämpfung der Magie ist leider ein Horrortrip – er ist verraten worden! Aber warum leider? Egal, was dem Major passiert, jedes Wesen, jede Maschine, jeder Hintergrund ist eine Augenweide, jede Wendung der Geschichte überraschend und nicht selten komisch. Philippe Druillets düstere Visionen sind in der Rückschau anstrengend anzusehen. Mœbius’ Zeichnungen sind heiter, lebendig und zeitlos.
Mœbius: Die hermetische Garage – Jäger und Gejagter. Aus dem Französischen von Lilian Pithan. Avant-Verlag, Berlin 2026, 64 Seiten, 30 Euro
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Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden.
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