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Voller NATO-Liebe

Foto: jW

Zum Glück gibt es die NATO, den Spiegel und dessen Chefreporter Matthias Gebauer, die Zuversicht verbreiten: Der Russe kommt nicht durch. Gebauer war im 20jährigen NATO-Krieg in Afghanistan, der dem Brunnenbohren und dem Bau von Mädchenschulen galt, so oft an der Front eingebettet, dass er in der wohltätigen Allianz zum lebenden Inventar zählt, also alle Anforderungen an unabhängigen Journalismus in der freien Welt erfüllt. Nun war er im belgischen Mons und interviewte den NATO-Oberkommandierenden in Europa, US-General Alexus Grynkewich. Anwesend war der Generalinspekteur der Bundeswehr, Carsten Breuer. Das am Donnerstag veröffentlichte Gespräch hatte vor allem den Zweck, dem Spiegel-Leser die NATO-»Theory of Victory«, die »Siegestheorie«, nahezubringen. Sie verlange, so Grynkewich, »jede Verletzung des NATO-Raums sofort« zu blockieren, dann die »erste und zweite Linie mit Artillerie und Bomben zu bekämpfen« und drittens das Hinterland des Gegners anzugreifen.

Über das geheime Konzept, das vor drei Monaten von den 32 NATO-Mitgliedstaaten fertiggestellt worden sei, hatte Grynkewich schon am Montag auf einer Konferenz in Warschau geplaudert. Begründung fürs Öffentlichmachen: »Angesichts der zahlreichen Sabotage- und Brandstiftungsakte sind die Bevölkerungen in unserem Bündnis meiner Ansicht nach etwas nervös.« Bisher war nur bekannt, dass vor allem in Ostdeutschland eine Mehrheit Russland für keine Bedrohung hält, westdeutsche Politiker vom Kanzler aufwärts sich allerdings von Moskau verfolgt sehen.

Im Gespräch mit Gebauer stellt sich nun heraus, dass Grynkewich den Begriff »hybride Angriffe« ablehnt, das sei ihm zu »vage«. Und Breuer stuft den Drohnenfund auf dem Flughafen Leipzig/Halle so herunter: »Deutschland hat den versuchten Angriff schnell attribuiert, also zuordnen können, dass Russland dahintersteckt.« Das Wort »attribuieren« klärt immerhin, was Merz, Dobrindt und Wadephul »etwas nervös« macht, also Rüstungswahn und milliardenschwere Waffenhilfe für Kiew rechtfertigt: Sie denken sich nähere Bestimmungen aus, wenn es keine Beweise gibt. Von »Versuch« ist bei ihnen ohnehin keine Rede.

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Anschließend bekommt Gebauer heraus, dass diejenigen, die sich von Russland nicht bedroht fühlen, recht haben. Grynkewich: »Ich bin mir sicher, dass Russland keinen großangelegten konventionellen Angriff auf Europa starten wird. Putin greift zu anderen Methoden, Sabotage zum Beispiel, weil er keine anderen Optionen hat. Das liegt an unserer konventionellen Abschreckung, er will keinen direkten Konflikt.« Ist das schon Aufbegehren gegen die politische deutsche Führung? Die weiß seit der »Zeitenwende«, dass Putin 2029 angreift.

Grynkewich wird noch unbotmäßiger: Der Russe scheut den Krieg, weil er die NATO fürchtet. Gebauer fragt zwar den General bang: »Ist die NATO Russland wirklich militärisch überlegen?« Worauf der freudig schmettert: »Unsere militärischen Fähigkeiten, die wir in einem Großkonflikt zum Einsatz bringen würden, übertreffen die Moskaus bei weitem.«

Bleibt nur die Frage: Warum erzählt Merz konstant das Gegenteil und schaufelt kohlentrimmermäßig Milliarden Euro in Kiews seit 2014 andauernden Krieg gegen Russen und Russland? Im Spiegel antwortet Grynkewich so: »Ich war beim NATO-­Gipfel in Ankara dabei. Präsident Trump hat danach davon gesprochen, dass der Raum voller Liebe war. Das war keine Übertreibung. Jeder hat den kollektiven Willen, die Bindung an den Bündnisgedanken, gespürt. Ich kann Zweifel verstehen, aber sie sind unnötig.« Krieg ist Liebe.

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Erschienen in der Ausgabe vom 17.10.2026, Seite 2, Wochenendbeilage

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